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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
13. Buch

20. Die Leiblichkeit der Heiligen, dermalen ruhend in Hoffnung, soll einst zu besserer Beschaffenheit erneuert werden, als sie bei den ersten Menschen vor der Sünde war.

Und so fühlen dermalen die Seelen der verstorbenen Heiligen den Tod, durch den sie von ihrem Leibe getrennt worden sind, deshalb nicht als Beschwerde, weil ihre „Leiblichkeit in Hoffnung ruht“1 , mag ihr auch nach Entfliehen aller Empfindung Schmach aller Art angetan worden sein. Denn diese Seelen verlangen nicht, wie Plato meinte, der Erinnerung bar, nach Leibern, sondern eingedenk der Verheißung dessen, der niemand irreführt, der ihnen über die volle Erhaltung selbst ihrer Haare Sicherheit gegeben hat2 , erwarten sie in Sehnsucht und Geduld die Auferstehung des Leibes, in welchem sie viel Hartes erduldet haben, während sie fürder in ihm nichts solches mehr empfinden sollen. Denn wenn sie ihre Leiblichkeit schon damals nicht haßten3 , als sie sie, wenn sie aus Schwachheit dem Geiste widerstand, nach dem Rechte des Geistes in Schranken wiesen, wieviel mehr lieben sie sie nun, da auch sie eine geistige werden soll! Wie man nämlich einen Geist, der dem Fleische Untertan ist, sehr bezeichnend einen fleischlichen nennt, so darf man eine dem Geiste botmäßige Leiblichkeit mit Recht eine geistige nennen, nicht weil sie sich in einen Geist verwandelt, wie manche glauben auf Grund des Schriftwortes4 : „Gesäet wird ein seelischer Leib, auferstehen wird ein geistiger Leib“, sondern weil sie dem Geiste mit höchster und wunderbarer Leichtigkeit des Gehorchens ergeben sein und den ganz bestimmten Willen einer unlöslichen Unsterblichkeit aufs genaueste erfüllen wird, ohne jedes Gefühl einer Last, ohne die drohende Aussicht auf Verfall, ohne alle Schwerfälligkeit. Denn der geistige Leib wird nicht sein, wie der jetzige auch bei allerbester Gesundheit ist, noch auch von der Art, wie der Leib vor der Sünde bei den ersten Menschen war, die freilich nicht sterben sollten, wenn sie nicht sündigten, aber doch wie die Menschen Nahrung zu sich nahmen, da sie noch nicht einen geistigen, sondern noch erst einen seelischen Leib trugen. Und wenn dieser Leib auch nicht alterte und somit nicht von selbst dem Tode verfiel [ein Zustand, der ihm aus dem Lebensbaum, der zugleich mit dem verbotenen Baum inmitten des Paradieses stand, durch außerordentliche Gnade Gottes zuteil ward], so nahm er doch noch andere Speisen zu sich, ausgenommen von dem einen Baum, der verboten war, nicht als ob er an sich etwas Böses gewesen wäre, sondern um das Gut des reinen und einfachen Gehorsams einzuschärfen, der eine herrliche Tugend des vernunftbegabten, Gott dem Schöpfer unterstehenden Geschöpfes ist. Denn wo nichts Böses zu berühren war, bestand die Sünde klärlich nur im Ungehorsam, wenn Verbotenes berührt würde. Andere Nahrung also bewirkte, dass der tierische Leib keine Beschwerde durch Hunger und Durst empfand; vom Lebensbaum dagegen kostete man, damit er nicht vom Tod irgendwoher beschlichen werde oder, von Alter aufgerieben, im Lauf der Zeit zugrunde gehe, gleichsam als sollte das übrige zur Nahrung dienen, der Lebensbaum aber zum Heilszeichen. Der Lebensbaum im irdischen Paradies hätte also ungefähr die Bedeutung wie im geistigen, d. i. übersinnlichen Paradies die Weisheit Gottes, von der geschrieben steht5 : „Ein Baum des Lebens ist sie denen, die sie erfassen“.

1: Ps. 15, 9.
2: Luk. 21, 18.
3: Vgl. Eph. 5, 29.
4: 1 Kor. 15, 44.
5: Spr. 3, 18.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger