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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
13. Buch

11. Kann man gleichzeitig lebendig und tot sein?

Wenn es aber ungereimt ist, vom Menschen, bevor er zum Tode gelangt, zu sagen, er sei bereits im Tode [er würde sich ja dem Tode nicht erst nähern im Verlauf seiner Lebenszeit, wenn er schon im Tode wäre], zumal es doch recht ungewöhnlich ist, ihn als gleichzeitig lebend und sterbend zu bezeichnen, da man doch nicht gleichzeitig wachend und schlafend sein kann, so erhebt sich von selbst die Frage, wann denn eigentlich der Mensch sterbend ist. Denn bevor der Tod kommt, ist er nicht sterbend, sondern lebend; wenn aber der Tod gekommen ist, ist er tot, nicht sterbend. Das eine ist er vor dem Tode, das andere nach dem Tode. Wann ist er dann im Tode? [Das ist die Frage, um die es sich handelt.] Denn wenn er im Tode ist, ist er sterbend; es entsprechen sich die drei Begriffe: „vor dem Tode, im Tode, nach dem Tode“ einerseits und „lebend, sterbend, tot“ andrerseits. Es ist nun sehr schwer festzustellen, wann der Mensch sterbend, d. i. im Tode ist, wo er weder lebend ist, was er vor dem Tode ist, noch tot, was er nach dem Tode ist, sondern eben sterbend, d. i. im Tode. Solang nämlich die Seele im Leibe ist, besonders wenn auch Empfindung vorhanden ist, lebt ohne Zweifel der aus Leib und Seele bestehende Mensch und befindet sich demnach noch vor dem Tode, nicht im Tode; ist aber die Seele abgeschieden und hat sie alle leibliche Empfindung dahingenommen, so befindet er sich offenbar schon nach dem Tode und ist tot. Das sterbend oder im Tode sein verschwindet also zwischen den beiden Zuständen [es ist dafür kein Raum]; denn wenn der Mensch noch lebt, befindet er sich vor dem Tode, und wenn er zu leben aufgehört hat, bereits nach dem Tode. Es zeigt sich also, daß er nie sterbend, d. i. im Tode ist. So sucht man ja auch im Zeitenablauf die Gegenwart vergebens, weil der Übergang vom Künftigen zum Vergangenen ohne jede Dauer stattfindet. Auf diese Weise könnte man fast dazu kommen, dem leiblichen Tod die Wirklichkeit abzusprechen. Denn gibt es einen, wann ist er dann da, wenn er sich bei niemand findet und niemand sich in ihm befinden kann? Denn wenn man lebt, ist er noch nicht da, weil das vor dem Tode ist, nicht im Tode; wenn man aber zu leben bereits aufgehört hat, ist er nicht mehr da, weil das hinwieder nach dem Tode ist, nicht im Tode. Weiterhin aber, wenn kein Tod da ist vor oder nach einem bestimmten Zeitpunkt, wie kann man dann sprechen von vor dem Tode oder nach dem Tode? Auch das ist eine leere Redensart, wenn kein Tod da ist. Und hätten wir es nur im Paradiese durch guten Wandel dahin gebracht, daß es in Wirklichkeit keinen Tod gäbe! So aber gibt es nicht nur einen, sondern er ist überdies so beschwerlich, daß man ihn mit aller Redegewandtheit nicht fassen und doch ihm auf keine Weise entgehen kann.

Reden wir also nach dem Sprachgebrauch [wir brauchen ja nicht anders zu reden] und bezeichnen wir als vor dem Tode die Zeit, ehe der Tod eintritt; wie es gemeint ist in dem Schriftwort1 : „Vor dem Tode sollst du keinen Menschen loben“. Sagen wir, wenn er eingetreten ist: Nach dem Tode dieses oder jenes hat sich das und das zugetragen. Gebrauchen wir auch das Präsens, so gut es geht, etwa indem wir sagen: Sterbend hat er verfügt, oder: Dem und dem hat er sterbend das und das hinterlassen, obwohl er es gewiß nur lebend tun konnte und es nicht im Tode, sondern vor dem Tode getan hat. Drücken wir uns aus, wie auch die Heilige Schrift sich ausdrückt, die unbedenklich auch von Verstorbenen sagt, sie befänden sich im Tode, nicht nach dem Tode. So in der Stelle2 : „Denn im Tode ist niemand, der deiner gedächte“. Mit Recht nennt man sie im Tode befindlich, bis sie wieder aufleben, wie man von jemand sagt, er sei im Schlafe, bis er aufwacht; allerdings mit dem Unterschied, daß wir die im Schlafe Befindlichen Schlafende nennen, während wir die bereits Verstorbenen nicht ebenso Sterbende nennen können. Denn die sind nicht mehr im Sterben begriffen, die, was den leiblichen Tod betrifft, den wir hier im Auge haben, bereits von ihren Leibern getrennt sind. Aber da stoßen wir wieder auf den Punkt, dem man, wie gesagt, mit aller Redegewandtheit nicht beikommen kann, wie man nämlich von Sterbenden sagen kann, sie lebten, oder von Verstorbenen, daß sie auch nach dem Tode noch im Tode seien. Denn wie „nach dem Tode“, wenn noch „im Tode“? zumal wir sie auch nicht Sterbende nennen, wie die im Schlafe Befindlichen Schlafende und die in Siechtum Befindlichen Siechende und die in Leiden Befindlichen Leidende und die im Leben Befindlichen Lebende; die Verstorbenen vielmehr, ehe sie auferstehen, nennt man im Tode befindlich, aber sie kann man nicht als Sterbende bezeichnen. Daher wird es sich kaum zufällig oder unfüglich treffen, wenn auch nicht menschliche Absicht im Spiele ist, aber vielleicht nach göttlicher Fügung, daß auch die Grammatiker das Wort moritur im Lateinischen nicht nach der Regel der übrigen entsprechenden Zeitwörter zu beugen vermochten. Von oritur z. B. lautet die Form der vergangenen Zeit ortus est, und ebenso werden auch die andern ähnlichen Zeitwörter gebeugt mit Hilfe des Partizips Perfekt. Von moritur dagegen lautet die vergangene Form: mortuus est, mit Doppel-u. Also eine Bildung wie fatuus, arduus, conspicuus und ähnliche Wörter, die keine Vergangenheit ausdrücken, sondern als Nomina ohne Zeitformen gebeugt werden. Dagegen das Nomen mortuus setzt man für das Partizip Perfekt, als wollte man beugen, was sich nicht beugen läßt. Es trifft sich also gut, daß man in der Sprache nicht beugen kann das Wort für eine Sache, der man im Leben durch keine Fürsorge vorbeugen kann. Dafür jedoch kann man sorgen mit der Gnadenhilfe unseres Erlösers, daß wir wenigstens dem zweiten Tode vorbeugen. Und bitterer und von allen Übeln das schlimmste ist immer noch dieser, der sich nicht durch Trennung von Seele und Leib vollzieht, sondern vielmehr durch die Verbindung beider zum Zwecke ewiger Pein. Dabei werden sich die Menschen im Gegensatz zum ersten Tode nicht vor und nach dem Tode befinden, sondern stets im Tode; und so werden sie niemals lebendig und niemals verstorben, sondern endlos sterbend sein. Niemals wird es für den Menschen so schlimm sein im Sterben als da, wo der Tod selbst nie im Sterben sein wird.

1: Ekkli. 11, 30.
2: Ps. 6, 6.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger