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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
13. Buch

2. Von dem Tod, der die Seele trotz ihrem ewigen Leben treffen kann, und dem Tode, dem der Leib verfallen ist.

Jedoch über die Arten des Todes muß ich etwas eingehender handeln. Es gibt nämlich auch einen Seelentod, obwohl man die menschliche Seele mit Recht als unsterblich bezeichnet. Denn unsterblich heißt sie deshalb, weil sie nicht aufhört zu leben und zu empfinden, wenn auch in noch so geringem Grade; der Leib dagegen heißt sterblich deshalb, weil er alles Lebens verlustig gehen kann und durch sich selbst überhaupt nicht lebt. Der Tod der Seele nun also tritt ein, wenn Gott sie verläßt, wie der des Leibes, wenn ihn die Seele verläßt. Also tritt der Tod beider und somit des ganzen Menschen ein, wenn eine von Gott verlassene Seele den Leib verläßt. In diesem Falle hat weder die Seele ihr Leben aus Gott noch der Leib das seine aus der Seele. Diesem Tod des ganzen Menschen folgt alsdann der, den göttliche Aussprüche als den zweiten Tod bekräftigen1 . Ihn hat der Erlöser gemeint bei dem Worte2 : „Fürchtet den, der Macht hat, Leib und Seele ins Verderben der Hölle zu stürzen“. Da dies erst nach der unzertrennlichen Vereinigung des Leibes mit der Seele geschehen kann, so mag es sonderbar erscheinen, daß man von einem Tode des Leibes spricht, wo doch der Leib nicht von der Seele verlassen, sondern als beseelt und mit Empfindung begabt gepeinigt wird. Denn bei jener letzten und ewigen Strafe, von welcher in anderm Zusammenhang eingehender zu handeln ist, kann man wohl von einem Tod der Seele sprechen, weil sie nicht aus Gott lebt, aber von einem Tod des Leibes, das ist merkwürdig, da der Leib doch durch die Seele belebt wird. Sonst könnte er ja die leiblichen Peinen nicht fühlen, die nach der Auferstehung eintreten werden. Vielleicht darf man dem Leibe, wenn sich in ihm die Seele nicht des Lebens halber, sondern der Pein halber befindet, das Leben deshalb absprechen, weil das Leben immerhin noch ein Gut, die Pein ein Übel ist. Die Seele lebt also aus Gott, wenn sie gut lebt; sie vermag ja nur gut zu leben, wenn Gott in ihr das Gute wirkt; der Leib dagegen lebt durch die Kraft der Seele, wenn die Seele im Leibe lebt, gleichviel ob sie selbst aus Gott lebt oder nicht. Das Leben der Gottlosen in ihren Leibern ist eben nicht ein Leben ihrer Seelen, sondern ihrer Leiber; und ein solches können auch die toten, d. i. gottverlassenen Seelen mitteilen, da deren Eigenleben, auf dem auch ihre Unsterblichkeit beruht, nicht aufhört, mag es auch noch so schwach sein. Jedoch im Zustand der schließlichen Verdammnis wird dieses Leben nicht mit Unrecht als Tod und nicht mehr als Leben bezeichnet, obwohl der Mensch da immer noch Empfindung hat; denn diese Empfindung ist nicht durch Lustgefühl angenehm noch durch Ruhe heilwirksam, sondern durch Schmerz peinvoll. Und als zweiter Tod wird dieses Leben bezeichnet, weil es eintritt nach dem ersten Tod, durch den die Trennung der zusammenhängenden Naturen, sei es Gottes und der Seele oder der Seele und des Leibes, herbeigeführt wird3 . Von dem ersten Tode des Leibes kann man daher sagen, daß er für die Guten gut sei, für die Bösen schlimm; der zweite dagegen ohne Zweifel ist für niemand gut, trifft aber auch keinen Guten.

1: Off. 2, 11; 21, 8.
2: Matth. 10, 28.
3: Vgl. unten XXI 3: Prima mors animam nolentem pellit e corpore, secunda mors animam nolentem tenet in corpore.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger