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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
12. Buch

9. Der Schöpfer der Natur ist für die heiligen Engel zugleich der Urheber ihres guten Willens, indem durch den Heiligen Geist die Liebe in ihnen ausgegossen ist.

Der böse Wille hat also keine Wirkursache oder sozusagen keine wesenhafte Ursache. Von ihm nämlich, um kurz zu wiederholen, geht bei den wandelbaren Geistern das Böse aus, durch das die gute Natur geschwächt und verdorben wird; und einen solchen Willen bewirkt lediglich der Abfall, durch den man Gott verläßt, und für solchen Abfall gibt es wiederum keine positive Ursache. Wollten wir dagegen sagen, daß auch der gute Wille keine Wirkursache habe, so liefen wir Gefahr zu glauben, daß der gute Wille der guten Engel nicht erschaffen, sondern gleichewig der Gottheit sei. Da nun aber die Engel selbst erschaffen sind, wie sollte ihr guter Wille als nicht erschaffen bezeichnet werden können? Weil er also erschaffen ist, fragt es sich, ob er mit ihnen erschaffen ist oder ob sie vorher ohne ihn waren. Wenn mit ihnen, so ohne Zweifel doch von dem, der auch sie erschaffen hat; und sie haben sich dann vom Augenblick ihrer Erschaffung an ihrem Erschaffer hingegeben kraft der Liebe, mit der sie bei ihrer Erschaffung ausgestattet worden sind; und der Unterschied zwischen den beiden Genossenschaften der Engel liegt darin, daß die einen in jenem guten Willen beharrten, die andern durch Lossagung davon sich änderten, und zwar aus bösem Willen, eben dadurch, daß sie sich vom guten Willen lossagten; sie hätten sich davon nicht losgesagt, wenn sie nicht gewollt hätten. Waren dagegen die guten Engel zunächst nicht mit gutem Willen begabt, sondern haben sie ihn erst in sich selbst erzeugt ohne Gottes Wirken, so sind sie ja aus eigener Kraft besser geworden, als sie aus Gottes Hand hervorgegangen waren. [Das ist undenkbar.] Waren sie denn ohne guten Willen nicht notwendig böse? Oder wenn nicht böse, da ihnen überhaupt kein, also auch kein böser Wille innewohnte [denn sie hatten sich nicht losgesagt von einem Willen, den sie noch nicht hatten], so waren sie doch nicht so beschaffen, nicht so gut, wie sie nachmals seit dem Besitz eines guten Willens waren. Allein wenn sie sich nicht selbst besser machen konnten als der, der alles aufs beste macht, so hätten sie auch den guten Willen, der sie auf eine höhere Stufe des Guten erheben sollte, nur unter Mitwirkung des Schöpfers erlangen können. Und indem ihr guter Wille bewirkte, daß sie sich nicht sich selbst, dem geringeren Sein, sondern Gott, dem höchsten Sein, zuwandten und durch die Hingabe an ihn in höherem Grade das Sein erlangten und durch Teilnahme an ihm weise und glückselig lebten, so liegt auf der Hand, daß ihr Wille, gleichviel wie gut, armselig gewesen wäre, beschränkt auf das Begehren, wenn nicht der, der die gute Natur aus nichts geschaffen als eine seiner fähige, den Willen aus sich selbst erfüllt und vorzüglicher gemacht hätte, nachdem er durch Anregung das Begehren in ihm gesteigert hatte.

Denn auch die Frage erhebt sich, ob die guten Engel den guten Willen, falls sie selbst ihn in sich hervorgebracht haben, mit oder ohne ihren Willen hervorgebracht haben. Wenn ohne ihren Willen, so haben sie ihn natürlich überhaupt nicht bewirkt. Wenn mit ihrem Willen, mit welchem? Mit gutem oder bösem? Wenn mit bösem, wie hätte ein böser Wille einen guten bewirken können? Wenn mit gutem, so hatten sie ja schon einen guten Willen. Und wer anders hatte diesen bewirkt als der, der sie bei der Schöpfung mit gutem Willen ausgestattet hatte, d. i. mit keuscher Liebe, um ihm anzuhängen, indem er zugleich ihnen die Natur anschuf und die Gnade spendete. Es ist daher anzunehmen, daß die heiligen Engel nie ohne guten Willen, d. i. ohne Liebe zu Gott gewesen sind. Die bösen Engel aber, ihrerseits auch gut erschaffen [böse durch eigenen bösen Willen, den die gute Natur nur insofern bewirkt hat, als sie vom Guten freiwillig abfiel, so daß nicht das Gute, sondern der Abfall vom Guten die Ursache des Bösen ist], sie haben entweder eine geringere Gnade göttlicher Liebe erhalten als die Engel, welche in dieser Gnade standhielten, oder wenn sie in gleicher Güte erschaffen worden sind wie die standhaften Engel, so haben die standhaften, während die andern aus bösem Willen abfielen, reichlichere Hilfe erfahren und sind so zur vollkommenen Glückseligkeit gelangt mit der Sicherheit steter Dauer derselben, wie das schon im vorigen Buch erörtert worden ist1 . Demnach muß man mit gebührendem Lobpreis des Schöpfers bekennen, es beziehe sich nicht bloß auf die heiligen Menschen, sondern könne auch von den heiligen Engeln ausgesagt werden2 , daß die Liebe Gottes in ihnen ausgegossen ist durch den Heiligen Geist, der ihnen gegeben worden, und daß nicht nur der Menschen Gut, sondern in erster Linie und vorzugsweise das Gut der Engel gemeint sei, wenn es heißt3 : „Für mich aber besteht das Gut darin, Gott anzuhängen“. Die Gemeinsamkeit dieses Gutes begründet eine heilige Gemeinschaft mit dem sowohl, dem man anhängt, als auch zwischen den Anhängern unter sich, und diese bilden die eine Stadt Gottes und zugleich dessen lebendiges Opfer und dessen lebendigen Tempel. Es handelt sich nun darum, wie vorher von den Engeln, so jetzt von dem Teil der heiligen Stadt den Ursprung zu erörtern, der, aus der Hand desselben Schöpfers hervorgegangen, sich sammelt aus den sterblichen Menschen, um den unsterblichen Engeln beigesellt zu werden, und der jetzt auf Erden pilgert, der Wandelbarkeit unterworfen, oder, soweit verstorben, in den verborgenen Zufluchtsorten und Wohnsitzen der Seelen ruht. Dieses Menschengeschlecht nahm von dem einen Menschen, den Gott als den ersten erschuf, seinen Anfang, nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift, die mit vollem Recht ein außerordentliches Ansehen genießt auf dem ganzen Erdkreis und bei allen Völkern, denen sie ja auch neben den übrigen Wahrheiten, die sie verkündet, auf wahrhaft göttliche Weise vorhergesagt hat, daß sie ihr Glauben schenken würden.

1: Oben XI 13
2: Röm. 5, 5.
3: Ps. 72, 28; vgl. oben X 25.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger