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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
12. Buch

6. Die Ursache der Glückseligkeit der guten und der Unseligkeit der bösen Engel.

Demnach liegt die wahre Ursache der Glückseligkeit der guten Engel darin, daß sie dem anhängen, der im höchsten Sinne ist. Fragt man aber nach der Ursache der Unseligkeit der bösen Engel, so bietet sich als solche von selbst dar die Abkehr von dem, der im höchsten Sinne ist, und die Hinkehr zum eigenen Wesen, das nicht im höchsten Sinne das Sein hat; und dieses Gebrechen, wie soll man es anders nennen als Hochmut? Er ist ja „der Anfang aller Sünde“1 . Sie wollten also ihre Kraft nicht bei ihm bewahren2 , und während sie in höherem Grade das Sein hätten, wenn sie dem anhingen, der im höchsten Grade ist, haben sie ihm sich selbst und damit das, was in geringerem Grade ist, vorgezogen. Das ist der erste Mangel, die erste Verarmung, das Grundgebrechen jener Natur, die ihrem anerschaffenen Wesen nach nicht im höchsten Sinne sein, doch aber zu ihrer Glückseligkeit den im höchsten Sinne Seienden zu genießen imstande sein und durch Abkehr von ihm das Sein zwar nicht verlieren, wohl aber in minderem Grade besitzen und darum unselig werden sollte. Sucht man nun nach der Wirkursache des bösen Willens, so stößt man auf nichts. Wohl wirkt der böse Wille das böse Werk, aber was wirkt den bösen Willen? Und demnach ist der böse Wille die Wirkursache des bösen Werkes, aber die Wirkursache des bösen Willens ist nichts. Denn ist sie etwas, so hat dieses Etwas entweder einen Willen oder es hat keinen; hat es einen Willen, so muß er klärlich gut oder böse sein; ist er gut — aber es wird doch niemand solchen Unsinn behaupten, daß der gute Wille den bösen Willen bewirke! In diesem Fall wäre ja der gute Wille die Ursache der Sünde, eine Annahme so ungereimt wie nur möglich. Hat aber jenes Etwas, das den bösen Willen bewirken soll, selbst auch einen bösen Willen, so erhebt sich sofort die Frage, was für ein Etwas diesen bewirkt hat, und so weiter, bis man vor der Ursache des ersten bösen Willens steht. Denn solang es sich noch um einen bösen Willen handelt, den ein anderer böser Wille bewirkt hat, ist man noch nicht beim ersten bösen Willen angekommen; der erste ist der, den keiner bewirkt hat. Denn ist einer vorausgegangen, durch den er bewirkt ward, so ist der, der den andern bewirkt hat, der frühere. Wenn man nun erwidert, daß der erste böse Wille nicht verursacht und deshalb immer vorhanden gewesen sei, so frage ich, ob er in einer Natur vorhanden gewesen sei; wenn nicht, so war er überhaupt nicht vorhanden; wenn ja, dann verschlechterte und verdarb er die Natur und war ihr schädlich und benahm ihr demnach ein Gut. Und also konnte er in einer bösen Natur nicht vorhanden sein, sondern nur in einer guten, doch wandelbaren, einer solchen, der dieses Gebrechen schaden konnte. Denn wenn es ihr nicht schadete, so war es auch kein Gebrechen und kann demnach auch nicht als böser Wille bezeichnet werden. Hat es aber geschadet, so konnte das doch wohl nur geschehen durch Beseitigung oder Minderung eines Gutes. Es konnte also nicht von immer her ein böser Wille in einem Wesen sein, in welchem zuerst ein natürliches Gut vorhanden sein mußte, das der böse Wille durch seinen schädigenden Einfluß hinwegnehmen konnte. War also der böse Wille nicht von stets her, so frage ich, wer hat ihn denn bewirkt? Es bleibt nur übrig anzunehmen, daß den bösen Willen ein Etwas bewirkt hat, in welchem kein Wille vorhanden war. Ist nun dieses Etwas erhabener [als der seinem Angriff ausgesetzte gute Wille] oder geringer oder gleichwertig? Aber wenn erhabener, so wäre es ja vorzüglicher; es dürfte also nicht des Willens bar sein, sondern müßte einen guten Willen haben. Aber auch nicht gleichwertig kann es sein. Denn solang zwei gleichermaßen guten Willens sind, kann nicht der eine in dem andern einen bösen Willen bewirken. Also muß ein geringeres Etwas, das keinen Willen hat, den bösen Willen der zuerst sündigenden Engelsnatur bewirkt haben. Aber dieses geringere Etwas, mag es sein, was es will, bis herab in die unterste irdische Region, ist ohne Zweifel als Natur und Wesenheit gut nach Maß und Gestalt, wie es ihm in seiner Art und Stufenfolge zukommt. Wie kann also etwas Gutes die Wirkursache des bösen Willens sein? Das Gute Ursache des Bösen? Allerdings wird ja der Wille böse, indem er sich vom Höheren dem Niedrigeren zukehrt, aber doch nicht, weil der Gegenstand der Hinkehr böse wäre, sondern weil die Hinkehr selbst verkehrt ist. Also hat nicht ein untergeordnetes Ding den bösen Willen bewirkt, sondern der böse Wille selbst, weil er böse geworden ist, hat ein untergeordnetes Ding böslich und ungeordnet angestrebt. Nehmen wir etwa an, zwei geistig und körperlich gleichgestimmte Menschen sehen denselben schönen Leib und einer von ihnen wird dadurch gereizt zu unerlaubtem Genuß, während der andere ohne Wanken in reiner Gesinnung verharrt, was ist da wohl die Ursache, daß in dem einen ein böser Wille entsteht, im andern nicht? Was hat ihn bewirkt in dem einen? Die Schönheit des Leibes nicht; sie müßte ihn in beiden bewirkt haben, da sie sich ihren Blicken nicht verschieden darbot. Oder liegt die Ursache nach der leiblichen Seite des Anblickenden? Warum dann nicht auch für den andern? Oder nach der geistigen Seite? Warum nicht für beide zumal? Beide sind ja, wie gesagt, geistig und leiblich gleichgestimmt. Oder ist anzunehmen, daß der eine durch geheime Einflüsterung des bösen Geistes versucht ward? Als hätte er nicht mit eigenem Willen solcher Einflüsterung und wie immer beschaffenen Beredung beigestimmt! Nach der Ursache eben dieser Zustimmung, dieses bösen Willens, womit er bösem Rate folgte, fragen wir ja. Lassen wir beide, um auch diese Schwierigkeit zu beseitigen, von der gleichen Versuchung befallen werden, den einen ihr nachgeben und zustimmen, den andern, in der vorigen Gesinnung verharren, dann zeigt es sich doch klar, daß der eine von der Keuschheit abfallen wollte, der andere nicht. Woher anders kommt das als vom eigenen Willen, wo doch bei beiden die leibliche und geistige Verfassung dieselbe war? Den Augen beider bot sich gleicherweise die gleiche Schönheit dar; beiden stieg gleicherweise die gleiche Versuchung im Innern auf; forscht man also nach dem Etwas, das in dem einen von ihnen den bösen Willen bewirkt hat, so bietet sich bei genauem Zusehen nichts dar. Denn wollte man sagen, daß er selbst ihn bewirkt hat, ja was war denn er selbst vor dem Auftreten des bösen Willens? Doch eine gute Natur, deren Urheber Gott ist, das unwandelbare Gut. Wenn man also den, der im Gegensatz zum andern der Einflüsterung und Versuchung zu unerlaubtem Gebrauch des schönen Leibes, der in gleicher Weise beiden vor Augen stand, zugestimmt hat, während beide vor jener Erscheinung und Versuchung geistig und leiblich einander gleich waren, wenn man diesen, sage ich, selbst in sich den bösen Willen bewirken läßt, während er vor dem Auftreten des bösen Willens gut war, so muß man sich doch die Frage vorlegen, warum er ihn bewirkt hat, ob deshalb, weil er eine Natur ist, oder deshalb, weil er eine aus nichts erschaffene Natur ist; und man wird finden, daß der böse Wille seinen Ursprung nicht vom Natursein nimmt, sondern davon, daß es sich um eine aus nichts erschaffene Natur handelt. Denn wäre die Natur Ursache des bösen Willens, so ergäbe sich unausweichlich, daß von etwas Gutem Böses bewirkt wird und Gutes Ursache des Bösen ist; von der guten Natur ja würde der böse Wille bewirkt. Aber wie könnte die gute, wenn schon wandelbare Natur, ehe sie einen bösen Willen hat, etwas Böses bewirken, eben den bösen Willen?

1: Ekkli. 10, 15.
2: Vgl. Ps. 58, 10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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