Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
12. Buch

26. [25.] Durch Gottes Wirken allein entsteht und gestaltet sich jegliche Natur und jegliche Form der gesamten Schöpfung.

Wir unterscheiden nämlich zwei Arten von Form: die eine wird äußerlich an jeden körperlichen Stoff herangebracht; so betätigen sich Töpfer und Kunstschmiede und andere dergleichen Handwerker, die auch Figuren malen und gestalten, ähnlich den Körpern von Lebewesen; die andere trägt innerlich in sich die Wirkursachen und schöpft sie aus dem geheimen und verborgenen Ratschluß ihrer lebendigen und erkennenden Natur; sie bewirkt, ohne selbst bewirkt zu sein, nicht nur die natürlichen Formen der Körper, sondern auch selbst die Seelen der Lebewesen. Jene erste mag man daher Werkmeistern jeglicher Art zuerkennen, die zweite ist vorzubehalten dem einen Werkmeister, Schöpfer und Gründer Gott, der die Welt selbst und die Engel gemacht hat ohne jedes Vorbild. Denn durch göttliche und verursachende Kraft, die nur bewirken, nicht bewirkt sein kann, hat bei Beginn der Welt die Rundung des Himmels und die Rundung der Sonne ihre Gestalt erhalten, und durch dieselbe göttliche und verursachende Kraft, die nur bewirken, nicht bewirkt sein kann, hat auch die Rundung des Auges und des Apfels ihre Gestalt erhalten und ebenso die übrigen natürlichen Formen, die wir allen entstehenden Dingen nicht von außen her, sondern durch einwohnende Macht des Schöpfers beigebracht sehen, der gesprochen hat1 : „Himmel und Erde erfülle ich“, und dessen Weisheit es ist, die „von einem Ende zum andern machtvoll reicht und alles lieblich anordnet“2 . Welche Art Dienst demnach die zuerst erschaffenen Engel dem Schöpfer etwa bei der weiteren Schöpfung geleistet haben, weiß ich nicht; ich wage ihnen nicht etwas zuzuschreiben, was sie vielleicht nicht vermögen, und darf ihnen auch nicht absprechen, was sie vermögen. Aber ich weiß mich ihres Beifalls sicher, wenn ich die Erschaffung und Gründung aller Naturen, das, worauf es überhaupt beruht, daß sie Naturen sind, jener Gottheit zuschreibe, der gleicherweise selbst zu schulden, was sie sind, sie dankbar anerkennen. Und so nennen wir Schöpfer aller Früchte weder den Landmann, da geschrieben steht3 : „Weder wer pflanzt, ist etwas, noch wer begießt, sondern Gott, der das Wachstum gibt“, noch selbst auch die Erde, obwohl sie als die fruchtbare Mutter des Alls erscheint, die das Sprossende fördert und das Wurzelfeste in sich birgt, da wiederum geschrieben steht4 : „Gott gibt ihm einen Körper, wie er will, und jeder Samenart ihren besonderen Körper“. Ebenso wenig hat das Weib als Schöpferin ihrer Leibesfrucht zu gelten, sondern vielmehr der, der zu einem seiner Knechte sprach5 : „Bevor ich dich bildete im Mutterschoß, habe ich dich gekannt“. Mag immerhin die seelische Beschaffenheit der Schwangeren auf die Leibesfrucht Eigenschaften zu übertragen imstande sein, ähnlich wie Jakob mit bunten Stäben die Erzeugung buntfarbiger Tiere bewirkte6 , so erschafft doch das Weib die Natur, die es hervorbringt, so wenig, als es sich selbst erschaffen hat. Welche körperliche oder im Samen liegende Ursachen also bei der Fortpflanzung der Wesen auch mitspielen mögen, sei es durch Mitwirkung von Engeln, von Menschen, von Lebewesen überhaupt, sei es durch Vermischung von Männlichem und Weiblichem, ferner welche Wünsche oder Regungen in der Seele der Mutter der zarten und weichen Leibesfrucht auch Züge oder Färbungen mitzuteilen imstande sein mögen, die Wesen als solche, die so oder so innerhalb ihrer Art etwa beeinflußt werden, bewirkt allein der höchste Gott, dessen verborgene Macht, alles durchdringend mit ihrer unausschaltbaren Gegenwart, allem irgendwie Seienden, soweit es nur immer Sein hat, das Sein gibt; nicht zunächst das so oder so sein, sondern das sein oder nicht sein kommt bei Gottes Wirken in Frage. Nun bezeichnen wir schon innerhalb der äußerlichen Formenwelt als Gründer der Stadt Rom oder Alexandrien die Könige, deren Entschluß, Plan und Befehl das Werk ins Leben gerufen, einen Romulus, einen Alexander, und nicht die Werkleute und Baumeister, die die Erscheinungsform geschaffen haben; um wieviel mehr müssen wir Gott als den alleinigen Gründer der Naturen bezeichnen: er macht nur aus selbst gemachtem Stoffe etwas und hat nur selbst erschaffene Arbeiter, und wenn er seine sozusagen werkliche Kraft den Dingen entzieht, werden sie so wenig existieren, als sie existierten, ehe sie wurden. Aber „ehe“ meine ich hier nicht in zeitlichem Sinne, sondern von der Ewigkeit. Denn auch die Zeit ist Gottes Werk, da sich ihr Lauf nur vollzieht an den Bewegungen der von Gott geschaffenen Dinge.

1: Jer. 23, 24.
2: Weish. 8, l.
3: 1 Kor. 3, 7.
4: Ebd. 15, 38.
5: Jer. 1, 5.
6: Vgl. Gen. 30, 37-39.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Bilder Vorlage

Navigation
. Mehr
. 4. Buch
. 5. Buch
. 6. Buch
. 7. Buch
. 8. Buch
. 9. Buch
. 10. Buch
. 11. Buch
. 12. Buch
. . Mehr
. . 11. Falsch sind die ...
. . 12. [11.] Über die ...
. . 13. [12.] Auseinanders...
. . 14. [13.] Über den ...
. . 15. [14.] Gott erschuf ...
. . 16. [15.] Ist das stet...
. . 17. [16.] Der Sinn ...
. . 18. [17.] Was der rech...
. . 19. [18.] Widerlegung ...
. . 20. [19.] Über den ...
. . 21. [20.] Gottlos ist ...
. . 22. [21.] Von der Ersc...
. . 23. [22.] Gott wußte ...
. . 24. [23.] Das Wesen ...
. . 25. [24.] Den Engeln ...
. . 26. [25.] Durch Gottes ...
. . 27. [26.] Auseinanders...
. . 28. [27.] Im ersten ...
. 13. Buch
. 14. Buch
. 15. Buch
. 16. Buch
. 17. Buch
. 18. Buch
. 19. Buch
. 20. Buch
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger