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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
12. Buch

21. [20.] Gottlos ist die Behauptung, daß die Seelen, der höchsten und wahren Glückseligkeit einmal teilhaftig, immer wieder und wieder im Kreislauf der Zeiten zu den gleichen Leiden und Mühen zurückkehren würden.

Stellen wir uns einmal die Lehre vom Kreislauf mit Bezug auf die Seele klar vor Augen; wir werden sehen, daß sie für fromme Ohren unerträglich ist. Danach würde man nämlich nach drangsalreichem Leben [wenn überhaupt Leben zu nennen ist, was eher Tod ist, in den wir so gänzlich versunken sind, daß der davon erlösende Tod aus Liebe zu diesem Scheinleben schreckhaft erscheint], nach endlicher Befreiung von so großen, zahlreichen und furchtbaren Übeln, mit Hilfe der wahren Religion und Weisheit zwar zur Anschauung Gottes gelangen und glückselig werden durch Versenkung in den Anblick des unkörperlichen Lichtes auf dem Weg der Teilnahme an dessen unwandelbarer Unsterblichkeit, die das Ziel unserer brennenden Sehnsucht ist, jedoch nur vorübergehend. Und hierauf würde man aus jener Ewigkeit, Wahrheit und Glückseligkeit herabstürzen und sich in jammervolle Sterblichkeit, schmähliche Torheit, fluchwürdiges Elend aufs neue verstricken unter Gefahr, Gott zu verlieren, die Wahrheit zu hassen, in unreinen Schlechtigkeiten die Glückseligkeit zu suchen. Und das wäre und würde geschehen immer und immer wieder ohne Anfang und Ende in gehenden und kommenden Zeitaltern von bestimmten Zwischenräumen und Abmessungen. Und warum so? Weil Gott vom Schaffen nicht feiern und ebenso wenig Unbegrenztes mit seinem Wissen durchforschen und also Kenntnis von seinen Werken nur haben kann, wenn begrenzte Kreisläufe immer sich wiederholen, gebildet durch unsere vermeintlichen Seligkeits- und wirklichen Unseligkeitszustände, die einander ablösen, aber durch unaufhörliche Wiederkehr ewig sind. Ist das nicht unannehmbar, unglaublich, unerträglich? Selbst wenn es wahr wäre, schwiege man klüger davon, ja man wäre gescheiter, wenn man es nicht wüßte, um mich kräftig auszudrücken. Denn wenn wir im Jenseits dieses Schicksal nicht vor Augen haben und deshalb glückselig sein würden, warum wird hienieden durch solches Wissen unser Elend noch vermehrt? Wenn es uns aber im Jenseits nicht vorenthalten bleiben kann, so sollten wir doch hienieden wenigstens von solchem Wissen verschont bleiben, damit die Erwartung des höchsten Gutes hienieden beglückender sei als dort dessen Erlangung, indem man hienieden ein ewiges Leben zu erreichen hofft, während man im Jenseits inne wird, daß dieses Leben zwar glückselig, aber nicht ewig ist, sondern einmal wieder verloren geht.

Aber man sagt, es sei zur Erreichung jener Glückseligkeit notwendig, hienieden durch Bildung sich Kenntnis zu verschaffen von jenen Kreisläufen, worin Seligkeit und Unseligkeit miteinander abwechseln. Wie schlecht reimt sich damit ihre Behauptung, daß man um so leichter zu jener Glückseligkeit gelange, je mehr man Gott liebe; jene Lehre macht ja eben die Liebe erkalten! Wahrlich, lässiger und lauer wird man jemand lieben, wenn man vor Augen hat, daß man notgedrungen ihn verlassen und im Gegensatz zu seiner Wahrheit und Weisheit empfinden werde, und das just, wenn man zu des Geliebten möglichst voller Erkenntnis durch Vollendung der Glückseligkeit gelangt ist; könnte man doch nicht einmal einen befreundeten Menschen aufrichtig lieben, dem man sich später feindlich gesinnt weiß. Aber es ist ja gar nicht wahr, was sie uns da als drohende Aussicht vormachen, daß wirkliche Unseligkeit niemals enden, sondern durch Einschaltung vermeintlicher Seligkeit oft und ohne Ende unterbrochen werden soll. Welch falsche und trügerische Seligkeit, in der wir von unserem nachfolgenden Elend trotz dem hellsten Lichte der Wahrheit nichts wissen oder davor in der Hochburg der Glückseligkeit zittern! Wenn wir über die kommende Drangsal in Unkenntnis sein werden, so ist unser diesseitiges Elend, wo wir um die kommende Seligkeit wissen, kenntnisreicher; wenn uns dagegen jenseits das drohende Unheil nicht verborgen sein wird, so hat die Seele glücklichere Zeiten in den unseligen, nach deren Ablauf sie sich zur Seligkeit erhebt, als in den seligen, nach deren Ablauf sie zur Unseligkeit zurückkehrt. Seligkeit wäre da die Erwartung unserer Unseligkeit und Unseligkeit die Erwartung unserer Seligkeit. In Wahrheit jedoch wären wir, hienieden gegenwärtigen Leiden preisgegeben, im Jenseits künftige fürchtend, niemals selig, vielmehr stets unselig.

Aber das ist falsch; die Religion verkündet es laut, die Vernunft beweist es; jene verheißt uns untrüglich eine wahre Glückseligkeit, diese verbürgt uns, daß eine solche von unverbrüchlicher Sicherheit ist, die immerdar fortdauern muß und nie durch Unseligkeit unterbrochen werden darf. Und so wollen wir den geraden Weg gehen, der für uns Christus ist, und unter ihm als Führer und Heiland auf der Bahn des Glaubens uns abkehren von der nichtigen und ungereimten Kreisbewegung der Gottlosen. Hat doch schon der Platoniker Porphyrius die Ansicht seiner Schule bezüglich dieser Kreisläufe und endlos wechselnden Hin- und Zurückwanderungen der Seelen nicht geteilt, sei es aus richtiger Erkenntnis der Wahrheit oder aus Rücksichtnahme auf die bereits christliche Zeitströmung, und hat sich, wie ich im zehnten Buche erwähnt habe1 , lieber dazu bekannt, daß die Seele der Welt übergeben worden sei zur Erkenntnis des Übels, um dann nach Befreiung und Reinigung davon, wenn sie zum Vater zurückgekehrt ist, nichts Derartiges mehr zu erdulden. Um wieviel mehr haben wir solchen der christlichen Lehre feindlichen Trug von uns zu weisen und zu meiden! Mit diesen Kreisläufen ist aber zugleich jeder Grund hinweggeräumt, der dazu nötigte, einen zeitlichen Anfang des Menschengeschlechtes in Abrede zu stellen mit Berufung darauf, daß es infolge angeblicher Kreisläufe nichts Neues auf der Welt gebe, nichts, was nicht schon früher in bestimmten Zwischenzeiten dagewesen sei und künftig wieder da sein werde. Wird nämlich die Seele erlöst, um nie mehr zum Elend zurückzukehren, in einer Weise, wie sie vordem nie erlöst worden ist, so tritt in ihr etwas ein, was nie vorher eingetreten ist, und zwar etwas gewaltig Großes, nämlich ewiges Glück, das nie mehr aufhören soll2 . Wenn sich nun aber an der unsterblichen Natur so etwas völlig Neues ereignet, das keine Wiederholung im Kreislauf ist noch eine solche haben wird, warum soll dann das nicht auch an den sterblichen Dingen sich ereignen können? Und daß in der Seele die Glückseligkeit nicht als etwas Neues eintrete, da sie ja nur zu der Glückseligkeit zurückkehre, in der sie sich von jeher befunden, kann man doch nicht einwenden; denn wenigstens die Erlösung trägt sich als etwas Neues zu, wenn die Seele erlöst wird aus dem Elend, worin sie sich vor dessen Antritt nie befunden hatte, und überdies hat sich in ihr das Elend als etwas Neues zugetragen, was nie dagewesen war. Steht nun dieses Neue außerhalb der Ordnung der durch die göttliche Vorsehung geleiteten Dinge, ist es zufällig eingetreten, wo bleiben dann jene genau begrenzten und abgemessenen Kreisläufe, in denen sich nichts Neues zuträgt, sondern immer das schon Dagewesene sich wiederholt? Ist dagegen dieses Neue in die Ordnung der Vorsehung eingeschlossen, gleichviel ob die Seele überlassen oder gefallen ist3 , so kann sich Neues zutragen, noch nie Dagewesenes, ohne daß es aus der Ordnung der Dinge herausfällt. Und wenn sich die Seele durch Unverstand neues Elend verursachen könnte, das jedoch für die göttliche Vorsehung nicht unvorhergesehen wäre, vielmehr eingefügt in die Ordnung der Dinge, ebenso wie die abermalige Erlösung der Seele davon, wie verwegen und unbedacht und menschlich beschränkt wäre es dann, der Gottheit die Macht abzusprechen, Dinge zu vollbringen, die sie bisher nie vollbracht und gleichwohl stets vorhergesehen hat, neu nur für die Welt, nicht für sie? Nun bleibt nur noch ein Ausweg zu versperren: die die einmal erlösten Seelen nicht mehr zum Elend zurückkehren lassen, berufen sich darauf, daß durch die Erlösung sachlich nichts Neues eintrete, da immer wieder und wieder Seelen erlöst worden seien und in der Gegenwart und Zukunft erlöst werden; aber sie müssen doch soviel zugeben, daß dabei neue Seelen entstehen, für die das Elend neu ist und die Erlösung neu ist. Denn wenn sie sagen, die Seelen, aus denen täglich neue Menschen entstünden und die von ihren Leibern durch ein Leben nach den Vorschriften der Weisheit erlöst würden zu steter Befreiung von der Rückkehr ins Elend, seien die alten und in der Richtung nach aufwärts ewig, so müssen sie folgerichtig eine unbegrenzte Zahl von Seelen annehmen. Eine begrenzte Zahl, so groß sie auch wäre, vermöchte nicht hinzureichen für die unbegrenzten vergangenen Zeiten, um immer wieder Menschen zu bilden, deren Seelen immer wieder aus dieser Sterblichkeit erlöst werden sollten, ohne je wieder dahin zurückzukehren. Nun mögen sie uns nur erklären, wie es in der Welt eine unbegrenzte Zahl von Seelen geben kann, wenn alles in der Welt begrenzt sein muß, um Gott bekannt sein zu können.

Da nun jene Kreisläufe bereits abgetan sind, in denen man sich die Seele notwendig zu dem gleichen Elend zurückkehrend dachte, so bleibt dem wahren Gottesverehrer nichts Angemesseneres übrig als zu glauben, daß es für Gott nicht unmöglich sei, nie Erschaffenes neu zu schaffen und doch vermöge seines unaussprechlichen Vorherwissens keinen wandelbaren Willen zu haben. Ob aber die Zahl der erlösten und nicht mehr zum Elend zurückkehrenden Seelen immerfort sich vermehre, das mögen die ausmachen, die so scharfsinnige Untersuchungen anstellen über die Notwendigkeit, die Unendlichkeit der Dinge einzuschränken; wir beenden unsere Beweisführung für beide Fälle. Kann sich die Zahl immerfort vermehren, so ist die Behauptung hinfällig, es könne nichts erschaffen werden, was nie vorher erschaffen worden sei; denn die nie vorher dagewesene Zahl der erlösten Seelen ist nicht nur einmal geworden, sondern wird auch nie aufhören zu werden. Ist dagegen eine bestimmte Zahl von erlösten und niemals mehr zum Elend zurückkehrenden Seelen anzunehmen und kann sich diese Zahl nicht weiter vermehren, so war auch sie, sie mag sein, welche sie will, ohne Zweifel vorher niemals da; denn sie könnte nicht wachsen und ihre Grenze erreichen ohne einen Anfang; einen solchen aber hat es in dieser Weise vorher nie gegeben. Er trat ins Dasein mit der Erschaffung eines Menschen, vor dem kein Mensch da war.

1: X 30.
2: Vgl. oben XI 4, 2. Absatz.
3: d. h. ob sie mit einem Körper verbunden worden ist durch Überlassung zur Durchkostung des Übels der Materie [vgl. oben X 30], oder durch. Verbannung zur Strafe für Böses [vgl. oben XI 23].

 

 

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