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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
12. Buch

19. [18.] Widerlegung der Lehre, daß selbst Gottes Wissen das Unbegrenzte nicht erfassen könne.

Man macht nun, wie gesagt, geltend, daß selbst Gottes Wissen das Unendliche nicht umfassen könne1 . Damit kommt man unabweislich zu der mehr als gewagten Behauptung, die eine abgründige Gottlosigkeit in sich schließt, daß Gott nicht alle Zahlen weiß. Denn die sind unbegrenzt, kein Zweifel; man mag sich ein Ziel setzen bei welcher Zahl immer, stets läßt sie sich um eins vermehren, ja bei aller Größe und aller Ungeheuerlichkeit der darin enthaltenen Menge läßt sie sich nicht nur verdoppeln, sondern auch mit sich selbst multiplizieren; so ist es im Wesen und in der Wissenschaft der Zahlen begründet. Und dabei ist jede Zahl etwas durchaus eigenes für sich, so daß keine der andern gleich sein kann. Also sind die Zahlen unter sich ungleich und verschieden, sie sind ferner als Einzelzahlen begrenzt, in ihrer Gesamtheit aber unbegrenzt. Kennt sonach Gott die Zahlen wegen ihrer Unbegrenztheit nicht alle, reicht sein Wissen von den Zahlen nur bis zu einer bestimmten Summe und weiß er die übrigen nicht? Von Sinnen wäre, wer das sagte. Aber auch mit Geringschätzung der Zahlen können unsere Gegner nicht verfahren, sie dürfen nicht sagen, die Zahlen gehörten nicht zum Wissen Gottes. Plato stellt ihnen mit großem Nachdruck die nach Zahlen die Welt bildende Gottheit vor Augen. Und bei uns heißt es von Gott2 : „Alles hast Du nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet“. Auch der Prophet sagt von Gott3 : „Er führt die Zeiten hervor nach der Zahl“, und der Heiland läßt sich im Evangelium vernehmen4 : „All eure Haare sind gezählt“. Weg also mit dem Zweifel, als wäre ihm nicht jegliche Zahl bekannt, ihm, von dessen Erkenntnis der Psalmist singt5 , daß ihrer „keine Zahl ist“. Die Unendlichkeit der Zahl ist also, obwohl die unendlichen Zahlen keine Zahl haben, nicht unerfaßbar dem, von dessen Erkenntnis es heißt, daß ihrer keine Zahl ist. Wenn daher alles, was durch Wissen umfaßt wird, durch das Erfassen des Wissenden begrenzt wird, so ist sofort auch alle Unbegrenztheit auf eine unaussprechliche Weise für Gott begrenzt, weil sie seinem Wissen nicht unerfaßbar ist. Kann sonach die Unendlichkeit der Zahlen für das Wissen Gottes, durch das sie umfaßt wird, nicht etwas Unendliches sein, werden dann etwa gar wir beschränkte Menschen [homunculi] uns herausnehmen, seinem Wissen Grenzen zu bestimmen und zu sagen, Gott könne nur, wenn das Zeitliche in gleichartigen Kreisläufen immer wiederkehrt, alles, was er erschafft, vorherwissen, um es zu schaffen, und davon Kunde haben, wenn er es geschaffen hat? er, dessen einfach vielfache und eingestaltig vielgestaltige Weisheit mit so unfaßbarem Umfassen alles Unfaßbare umfaßt, daß es für ihn, wollte er auch immerfort alles mögliche Neue und dem Vorangegangenen Unähnliche schaffen, nichts Neues und Unvorhergesehenes gäbe, und er das alles nicht etwa seit der nächstliegenden Zeit vorhersehen, sondern in ewigem Vorherwissen in sich tragen würde.

1: Die stoische Schule lehrte die Notwendigkeit einer „Selbstbegrenzung der göttlichen Intelligenz“. Scholz 153.
2: Weish. 11, 21.
3: Is. 40, 26.
4: Matth. 10, 30.
5: Ps. 146, 5.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger