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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
12. Buch

18. [17.] Was der rechte Glaube lehrt über den unwandelbaren Ratschluß und Willen Gottes gegenüber den Schlußfolgerungen derer, die Gottes Werke von Ewigkeit her sich wiederholen und immerfort in gleichen Kreisläufen der Weltzeiten wiederkehren lassen.

Auch das steht mir fest, daß es vor der Erschaffung des ersten Menschen niemals einen Menschen gegeben hat; weder denselben, der in angeblichen Kreisläufen angeblich so und so oft wiedergekehrt wäre, noch einen anderen der Natur nach ähnlichen, In diesem Glauben erschüttern mich auch nicht philosophische Einwendungen, als deren scharfsinnigste die gilt, daß man das Unbegrenzte nicht irgend mit Wissen umfassen könne. Gott habe demnach von den Dingen, die er erschafft, lauter begrenzten Dingen, lauter begrenzte Urbilder in sich; seine Güte aber sei niemals ohne Betätigung zu denken, damit sein Wirken nicht zeitlich erscheine, indem vor diesem Wirken ein ewiges Feiern gelegen habe, als wäre er zum Werke übergegangen, weil ihn das vorangehende anfangslose Feiern gleichsam verdrossen habe; deshalb müsse sich immer das gleiche wiederholen und das gleiche auch in Zukunft immer wieder sich abspielen, wobei die Welt, die dann von jeher und ohne Anfang existiert, obwohl sie erschaffen ist, bestehen bleibt und die Wandlungen mitmacht oder ihrerseits ebenfalls immer wieder in diesen Kreisläufen aufs neue entsteht und vergeht. Denn wenn man ein erstes einmal behaupte, in welchem Gottes Werke einen Anfang genommen hätten, so müsse man annehmen, er habe sein früheres anfangsloses Feiern als unnütz und träge und deshalb ihm mißfällig sozusagen verworfen und deshalb eine Änderung darin eintreten lassen. Wenn man ihn dagegen zwar von jeher Zeitliches wirkend sich denke, aber immer wieder neues und so einmal auch zur Erschaffung des Menschen gelangend, den er also vorher nie erschaffen hätte, so würde er seine Schöpfung nicht auf Grund von Wissen und Erkenntnis, womit sich nun einmal nach ihnen Unbegrenztes nicht umspannen läßt, ins Dasein gerufen haben, sondern sozusagen nach Augenblickseinfällen, dem Spiel des Zufalls sich überlassend. Ganz anders, wenn man jenen Kreislauf annehme1 , wonach das Zeitliche in der gleichen Form immer wiederkehrt, während die Welt bestehen bleibt oder ebenfalls durch immer wiederkehrendes Entstehen und Vergehen den Kreislauf mitmacht: da werde von Gott ferngehalten sowohl träge Ruhe, noch dazu eine so lang dauernde, anfangslose, als auch unvorhergesehene Zufälligkeit in seinem Wirken; denn wenn sich nicht immer dasselbe wiederhole, so käme man auf eine unbegrenzte Verschiedenheit der Abwandlungen und eine solche vermöge Gott nicht irgend zu umspannen mit seinem Wissen oder Vorherwissen2 .

Könnte die Vernunft dagegen nicht aufkommen, der Glaube müßte diese Beweisführungen verlachen, mit denen Gottlose unsere schlichte Gottseligkeit vom rechten Wege abzuziehen und in ihren Kreislauf hineinzuziehen suchen. Doch auch einleuchtende Vernunftgründe zerbrechen diese sich drehenden Kreise, die der Wahn erdichtet; vertrauen wir auf die Hilfe unseres Herrn und Gottes. Der Hauptirrtum, der sie in einem falschen Zirkel statt auf der wahren und geraden Bahn sich bewegen läßt, ist darin gelegen, daß sie den göttlichen Geist, den durchaus unwandelbaren, der jegliche Unbegrenztheit umfaßt und unendliche Zahlenreihen zählt ohne Wanderung des Gedankens vom einen zum andern, an ihrem menschlichen, wandelbaren und beschränkten Geiste messen. Und so geht es ihnen, wie der Apostel sagt3 : „Indem sie sich selbst mit sich selbst vergleichen, gelangen sie nicht zum Verständnis“. Sie freilich fassen einen neuen Entschluß, so oft ihnen etwas Neues auszuführen in den Sinn kommt, und führen es als wandelbare Geister aus auf Grund dieses neuen Entschlusses; und so setzen sie in Gedanken wirklich sich selbst an Stelle Gottes, den sie mit ihren Gedanken nicht zu erfassen vermögen, und vergleichen nicht Gott mit Gott, sondern sich mit sich selbst. Wir dagegen erachten die Vorstellung als unzulässig, daß Gott sich anders verhalte, wenn er feiert, als wenn er wirkt; er darf überhaupt nicht als bewegt in dem Sinne hingestellt werden, als trage sich in seiner Natur etwas zu, was vorher nicht da war. Wer bewegt wird, befindet sich in leidendem Zustand, und wandelbar ist alles, was etwas erleidet. Von seinem Feiern müssen wir also die Vorstellung von Schlaffheit, Untätigkeit, Trägheit ausschließen, ebenso wie von seinem Wirken die von Arbeit, Anstrengung, Bemühung. Er weiß zu handeln im Ruhen und zu ruhen im Handeln. Er braucht zu einem neuen Werk nicht einen neuen Entschluß, sondern geht mit einem ewigen daran; und zur Schöpfung ging er nicht über, weil ihn das vorangegangene Feiern gereut hätte. Angenommen vielmehr, er habe vorher gefeiert und nacher gewirkt [der Mensch vermag dies wohl nicht zu fassen], so war dieses vorher und nachher ohne Zweifel nur in den Dingen, die vorher nicht da gewesen und nachher da waren; in ihm aber hat kein nachfolgender anderer Wille einen vorhergegangenen andern geändert oder verdrängt, sondern mit ein und demselben ewigen und unwandelbaren Willen hat er bewirkt, daß die Geschöpfe vorher nicht existierten, solang sie nicht existierten, und nachher existierten, als sie zu existieren begannen. Er wollte damit vielleicht denen, die Augen für so etwas haben, auf geheimnisvolle Weise zu erkennen geben, wie ganz und gar nicht er dieser Dinge bedurfte, sondern sie aus freier Güte erschuf, indem er ja ohne sie seit einer anfangslosen Ewigkeit in nicht geringerer Glückseligkeit beharrte.

1: So zum Teil die Pythagoreer, namentlich aber Zeno, das Haupt der stoischen Schule.
2: Vgl. Anm. 1 zum folgenden Kapitel.
3: 2 Kor. 10, 12.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger