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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
12. Buch

14. [13.] Über den ewigen Kreislauf der Weltzeiten, eine philosophische Anschauung [des Heraklit, der Pythagoreer und der Stoiker.], wonach in bestimmten Zeiträumen stets alles wieder auf den gleichen Stand und die gleiche Erscheinung zurückkehrt.

Diese Streitfrage glaubten die Weltweisen nicht anders lösen zu können und zu sollen, als durch die Aufstellung von Zeitumläufen, in denen sich in der Natur der Dinge ganz das gleiche stets erneuert und wiederholt habe und so auch in Zukunft ohne Aufhören ein Kreislauf der entstehenden und vergehenden Weltzeiten stattfinden werde; sei es, daß sich diese Umläufe an der Welt vollzögen, ohne deren Bestand zu unterbrechen, sei es, daß die Welt selbst auch in bestimmten Zwischenräumen entstehe und vergehe und immer wieder das gleiche darbiete als neu, was schon gewesen ist und sein wird. Nicht einmal die unsterbliche Seele, selbst wenn sie die Weisheit in sich aufgenommen hat, vermögen sie von diesem Spiel des Wechsels loszulösen; vielmehr schwankt sie ohne Unterlaß zwischen einer trügerischen Glückseligkeit und einer wirklichen Unseligkeit hin und her1 . Denn von einer wahren Glückseligkeit kann doch nicht die Rede sein, wo die Zuversicht in die ewige Dauer des Glückes fehlt, indem die Seele in völliger Unerfahrenheit und im Widerspruch mit dem wahren Sachverhalt die bevorstehende Unseligkeit nicht kennt oder sie kennt und darüber der Seligkeit nicht froh werden kann. Wenn sie aber aus dem Elend, ohne jemals mehr dahin zurückkehren zu sollen, in die Seligkeit eingeht, so tritt ja mit der Zeit etwas Neues ein, was in der Zeit kein Ende hat. Warum soll es dann mit der Welt nicht auch so sein können? warum nicht mit dem Menschen, der in der Welt erschaffen ist? So lassen sich in gesunder Lehre auf dem rechten und geraden Pfade die sonderbaren Umläufe vermeiden, auf die eine falsche und irreführende Weisheit geraten ist.

Auf diese Umläufe, die zum Gleichen zurückkehren und alles wieder auf den gleichen Stand bringen, beziehen manche [Anspielung auf Origenes.] auch die Stelle im Buch Salomons, genannt Ecclesiastes2 : „Was ist das, was gewesen ist? Eben das, was wieder sein wird. Und was ist das, was geschehen ist? Eben das, was wieder geschehen wird. Und es gibt nichts Allneues unter der Sonne. Wer da sagen wollte und spräche: Sieh, das ist neu: es ist doch schon dagewesen in den Jahrhunderten, die vor uns waren“. Allein Salomon spricht hier entweder, im unmittelbaren Anschluß an das Vorangehende, von den gehenden und kommenden Geschlechtern, von den Umläufen der Sonne, von dem Strömen der Gewässer; oder überhaupt von den Arten aller entstehenden und vergehenden Dinge. Denn Menschen gab es vor uns, gibt es neben uns und wird es nach uns geben; und dasselbe gilt von allen beseelten Wesen und der gesamten Pflanzenwelt. Selbst auch ungeheuerliche Wesen, entstanden in Formen, die von den gewöhnlichen abweichen, sind doch, sofern sie im allgemeinen Wunderwesen und Ungeheuer sind, schon dagewesen und werden wieder auftreten und es ist nichts unerhört Neues, daß ein Ungeheuer ins Dasein trete unter der Sonne, mag auch im übrigen jedes für sich betrachtet von anderen sich unterscheiden und manches von ihnen, wie die Sage geht, nur einmal entstanden sein. Andere freilich haben diese Worte des Weisen so aufgefaßt, als habe er zu verstehen geben wollen, daß sich in der Vorherbestimmung Gottes bereits alles vollzogen habe und es deshalb nichts Neues unter der Sonne gebe. Keinenfalls jedoch können wir ohne Verstoß gegen den rechten Glauben diese Worte Salomons auf die Umläufe beziehen, in denen sich nach Ansicht heidnischer Philosophen3 der gleiche Inhalt der Zeiten und der zeitlichen Dinge wiederholen soll, so daß also zum Beispiel, wie in jenem bestimmten Jahrhundert der Philosoph Plato in der Stadt Athen und in der Schule, die man die Akademie nennt, Schüler gelehrt hat, so nach Ablauf unzähliger weiterer Jahrhunderte in sehr langem, doch aber festbestimmtem zeitlichem Abstande derselbe Plato und dieselbe Stadt und dieselbe Schule und die gleichen Schüler aufs neue sich wiederholen und weiterhin in unzähligen Jahrhunderten sich wiederholen würden. Das, wie gesagt, dürfen wir ja nicht glauben. Denn einmal nur ist Christus gestorben für unsere Sünden; „auferstanden aber von den Toten, stirbt er nicht mehr und der Tod wird nicht mehr herrschen über ihn“4 ; und wir werden nach der Auferstehung „immerfort beim Herrn sein“5 , zu dem wir nun nach Anweisung des heiligen Psalmes sprechen6 : „Du, Herr, wirst uns retten und uns bewahren vor diesem Geschlecht in Ewigkeit“. Trefflich aber paßt, glaube ich, auf solche Leute, was folgt: „Im Kreise herum werden die Gottlosen wandeln“, nicht weil sich ihr Leben in den vermeintlichen Kreisläufen wiederholen wird, sondern weil der Irrtumspfad, auf dem sie sich befinden, die falsche Lehre, von solcher Art ist.

1: Vgl. oben XI 4, zweiter Absatz.
2: Ekkle. 1, 9 f.
3: Der Stoiker.
4: Röm. 6, 9.
5: 1 Thess. 4, 16.
6: Ps. 11, 8 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger