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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
11. Buch

7. Die Beschaffenheit jener ersten Tage, die Morgen und Abend hatten, bevor noch die Sonne geschaffen wurde.

Was nämlich wir als Tag bezeichnen, hat seinen Abend lediglich durch den Untergang der Sonne und seinen Morgen durch deren Aufgang; von den Schöpfungstagen aber sind die drei ersten dahingegangen ohne die Sonne, deren Erschaffung erst auf den vierten Tag berichtet wird. Zwar ist gleich anfangs die Rede davon, daß das Licht durch Gottes Wort erschaffen worden sei und daß Gott das Licht von der Finsternis geschieden und das also geschiedene Licht Tag, die Finsternis Nacht genannt habe; allein welcher Art jenes Licht ist und welcher Bewegungswechsel Abend und Morgen verursacht habe und wie der so verursachte Abend und Morgen beschaffen, das entzieht sich unseren Sinnen und kann in seinem Wesen von uns nicht ergründet werden, wir haben es einfach zu glauben. Es mag etwa ein körperhaftes Licht gemeint sein1 , sei es in den oberen Schichten des Weltalls, unerreichbar unseren Blicken, sei es ein Licht, von dem nachmals die Sonne das ihre erhielt; oder aber es wird mit dem Worte Licht die heilige Stadt in den heiligen Engeln und den seligen Geistern bezeichnet, von der der Apostel2 sagt: „Jenes obere Jerusalem, unsere ewige Mutter im Himmel“; er sagt ja auch an anderer Stelle3 : „Ihr alle seid Söhne des Lichtes und Söhne des Tages; wir sind nicht Kinder der Nacht und der Finsternis“; es fragt sich nur, ob wir bei solcher Deutung auch den Abend und Morgen dieses „Tages“ einigermaßen entsprechend aufzufassen vermögen. Etwa so: Das Wissen um das Geschaffene läßt sich im Vergleich zu dem Wissen um den Schöpfer als abendliches Dunkel bezeichnen, und jenes Wissen um das Geschaffene flammt hinwieder auf zum Morgenlicht, wenn es auch seinerseits dem Preis und der Liebe des Schöpfers dient4 ; es versinkt nicht in Nacht, wofern nicht der Schöpfer aus Liebe zum Geschöpf verlassen wird. Und so hat die Schrift da, wo sie die Schöpfungstage der Reihe nach aufzählt, nirgends das Wort Nacht dazwischen eingeschaltet; sie sagt an keiner Stelle: Es ward Nacht, sondern es heißt: „Es ward Abend und es ward Morgen, ein Tag“; so auch der zweite Tag und die übrigen. Die Erkenntnis der geschaffenen Dinge in sich selbst ist sozusagen farbloser, als wenn sie erkannt werden in der Weisheit Gottes als der Gestaltungskraft, durch die sie geschaffen sind. Man wird demnach jene Erkenntnis besser als Abend denn als Nacht bezeichnen; aber dieser Abend verwandelt sich, wie gesagt, wieder in den Morgen, wenn man sie auf Preis und Liebe des Schöpfers bezieht. Und indem sie5 das tut in der Erkenntnis ihrer selbst, ist es ein Tag; in der Erkenntnis der Feste zwischen den unteren und oberen Wassern, d. i. des Himmels, der zweite Tag; in der Erkenntnis der Erde und des Meeres und alles Sprossenden, was mit Wurzeln in der Erde haftet, der dritte Tag; in der Erkenntnis der Leuchten, der größeren und der kleineren, und aller Gestirne, der vierte Tag; in der Erkenntnis aller wasserentsprungenen schwimmenden und fliegenden Tiere, der fünfte Tag; in der Erkenntnis aller Landtiere und zuletzt des Menschen, der sechste Tag.

1: Darauf kommt Augustinus unten XI 32 zurück.
2: Gal. 4, 26.
3: 1 Thess. 5, 5.
4: Vgl. hierzu und zum Folgenden unten XI 29.
5: Nämlich die Stadt Gottes in den heiligen Engeln und seligen Geistern.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger