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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
11. Buch

28. Müssen wir, um uns dem Bilde der göttlichen Dreifaltigkeit mehr anzunähern, auch die Liebe lieben, mit der wir Sein und Bewußtsein lieben?

Doch genug, soweit es der Plan des hier übernommenen Werkes zu fordern scheint, von jenen beiden Begriffen, dem Sein und dem Bewußtsein, sowie davon, wie sehr beides in uns Gegenstand der Liebe ist, und wie auch in den tiefer stehenden Wesen sich etwas bei aller Verschiedenheit doch Ähnliches vorfindet. Dagegen war noch nicht davon die Rede, ob auch die Liebe, mit der beides erfaßt wird, Gegenstand der Liebe sei. Und sie ist es; Beweis dafür ist, daß gerade sie an den Menschen, die mit Recht geliebt werden, in besonderem Maße geliebt wird. Nennt man doch in der Tat einen guten Menschen nicht etwa den, der weiß, was gut ist, sondern den, der das Gute liebt. Warum also nehmen wir nicht auch in uns selbst eine Liebe zu jener Liebe wahr, kraft deren wir uns zu allem Guten, das wir lieben, hingezogen fühlen? Es gibt nämlich auch eine Liebe, die sich dem zuwendet, was nicht Gegenstand der Liebe sein soll, und diese Liebe haßt in sich, wer die liebt, die das Liebenswerte zum Gegenstand hat. Beide können sich ja in demselben Menschen vorfinden, und es ist ein Vorzug des Menschen, daß, während die eine, die ein gutes Leben bewirkt, zunimmt, die andere, die ein schlechtes Leben bewirkt, abnimmt, bis unser ganzes Leben vollkommen geheilt und zum Guten umgewandelt wird. Wären wir nämlich Tiere, so würden wir das Leben des Fleisches und was seiner Sinnesrichtung entspricht, lieben und hätten an diesem Gut unser Genügen und würden weiter, da es uns wohl wäre, nichts anderes suchen. Ebenso würden wir, wenn wir Bäume wären, zwar nicht durch eine von den Sinnen getragene Bewegung Liebe zu irgendetwas äußern können, aber wir würden eine Art Streben nach dem bekunden, was uns möglichst ertragreich und fruchtbar machen kann. Wären wir Steine, Wogen, Wind, Flamme oder etwas dergleichen, ganz ohne Empfindung und Leben, so würde uns doch eine Art von Streben nach der uns zukommenden Stelle und Einordnung nicht mangeln. Denn in den Bewegungen der Schwerkraft kommt gleichsam die Liebe der leblosen Körper zum Ausdruck, sei es, daß sie durch ihre Schwere nach abwärts oder durch ihre Leichtigkeit nach aufwärts trachten. Wie nämlich der Geist durch die Liebe, so wird der leblose Körper durch die Schwerkraft zu seinen Bewegungen veranlaßt. Da wir also Menschen sind, erschaffen nach dem Bilde unseres Schöpfers, dem die wahre Ewigkeit, die ewige Wahrheit und die ewige und wahre Liebe eignet und der selbst die ewige, wahre und liebreiche Dreifaltigkeit ist, nicht vermengt noch getrennt, so laßt uns in den unter uns stehenden Dingen, da auch sie weder überhaupt da wären, noch irgendeine Gestalt hätten, noch irgendwie Ordnung anstrebten oder festhielten, wenn sie nicht von dem erschaffen wären, der im höchsten Sinne ist, im höchsten Sinne weise, im höchsten Sinne gut ist, laßt uns das alles, was er erschaffen und mit wunderbarer Beständigkeit ausgerüstet hat, durchgehen und seine Spuren suchen, die darin, hier mehr, dort weniger eingedrückt sind. In uns selbst aber wollen wir sein Bild erkennen und wie der jüngere Sohn im Evangelium1 „in uns gehen, uns erheben und zurückkehren“, zu dem, von dem wir uns durch die Sünde entfernt hatten. Dort wird unser Sein den Tod nicht kennen, unser Wissen nicht den Irrtum, unsere Liebe keinen Anstoß. Unterdessen aber, so sicher wir festhalten an unserm Sein, Wissen und Lieben und nicht auf fremdes Zeugnis hin daran glauben, sondern es in eigenster Person als wirklich vorhanden empfinden und mit dem inneren, durchaus untrüglichen Auge erblicken, so suchen und haben wir doch dafür noch andere Zeugen — wir können ja auch nicht aus uns selbst inne werden, wie lang diese Dreiheit bestehen, ob sie niemals aufhören, und wo sie einmünden werde, wenn sie gut, und wo, wenn sie schlecht angewendet wird —, Zeugen, in deren Glaubwürdigkeit kein Zweifel gesetzt werden darf. Doch das genauer zu begründen ist nicht hier, sondern weiter unten der rechte Platz. In diesem Buch will ich ja über den Staat Gottes, soweit er nicht in der Sterblichkeit des irdischen Lebens pilgert, sondern unsterblich immer im Himmel weilt, d. h. über die heiligen, Gott getreuen Engel, die niemals abtrünnig waren noch sein werden, die Gott von jenen, welche sich vom ewigen Licht abgekehrt haben und dadurch Finsternis geworden sind, gleich anfangs geschieden hat, wie bereits ausgeführt wurde, über diesen Teil des Gottesstaates will ich die begonnenen Erörterungen mit Gottes Beistand, so gut ich es vermag, weiter führen.

1: Luk. 15, 8.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger