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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
11. Buch

27. Sein, Wissen und die Liebe zu beiden.

In der Tat, das Sein ist mit einer Art natürlicher Wucht so sehr eine Annehmlichkeit, daß nur deshalb selbst die Unglücklichen nicht zugrunde gehen wollen und im Gefühl ihres Unglücks zwar das Unglück hinwegwünschen, nicht aber sich selbst von der Welt. Sogar die, welche sich ganz unselig dünken und es auch wirklich sind und nicht nur als Toren von den Weisen, sondern auch als armes Bettelvolk von denen, die sich glücklich dünken, für unselig erachtet werden, würde ihnen eine Unsterblichkeit verliehen, bei der auch ihr Elend nicht aufhörte, und ihnen die Wahl gelassen, entweder in solchem Elend immerdar oder überhaupt nicht und nirgends zu existieren, sondern gänzlich zu verschwinden: sie würden wahrlich aufjauchzen vor Freude und es vorziehen, auf immer in diesem Zustand als überhaupt nicht zu existieren. Dafür gibt Zeugnis die hinlänglich bekannte Sinnesart solcher Unglücklichen. Denn warum sonst fürchten sie den Tod und wollen lieber in solcher Mühseligkeit leben, als ihr durch den Tod ein Ziel setzen, wenn nicht deshalb, weil klar zutage liegt, wie sehr die Natur vor dem Nichtsein zurückschreckt? Und so wünschen sie sich sehnlich und wie eine große Wohltat, obwohl sie wissen, daß sie sterben werden, den Gnadenerweis, etwas länger in ihrem Elend leben und langsamer sterben zu dürfen. Damit geben sie doch unzweideutig zu verstehen, mit welcher Freude sie Unsterblichkeit entgegennehmen würden, wäre es auch eine solche, die ihre Armseligkeit verewigte. Und wie, geben nicht auch alle vernunftlosen Lebewesen, die derlei Erwägungen nicht anstellen können, von den Drachenungeheuern bis herab zum kleinsten Wurm, durch Bewegungen, so gut sie deren nur fähig sind, zu erkennen, daß sie existieren wollen und deshalb der Vernichtung ausweichen? Und die Bäume und alle Gesträuche, die kein Organ haben, drohendem Verderben durch augenscheinliche Bewegung aus dem Wege zu gehen, senken sie nicht, um die sprossende Krone gesichert in die Lüfte zu strecken, einen andern Teil als Wurzel in die Erde, womit sie Nahrung ziehen und das ihnen eigene Sein behaupten? Und schließlich selbst jene körperlichen Wesen, denen nicht nur jedes Sinnesorgan, sondern auch gar alles Keimleben mangelt, haben doch ihre bestimmte Art, in die Höhe zu streben oder in die Tiefe zu steigen oder in der Mitte zu schweben, um so ihre Existenz da, wo sie naturgemäß existieren können, zu sichern.

Wie sehr man nun erst das Wissen liebt und welchen Widerwillen die menschliche Natur gegen die Täuschung hat, läßt sich schon daraus erkennen, daß jedermann Trauer bei gesundem Geiste der Freude in Geistesgestörtheit vorzieht. Diese mächtige und wunderbare Fähigkeit ist unter allen sterblichen Lebewesen allein dem Menschen eigen; wenn auch manche von ihnen einen viel schärferen Gesichtssinn haben zum Schauen des körperlichen Lichtes, zu dem unkörperlichen Licht vermögen sie doch nicht vorzudringen, durch das unser Geist gleichsam bestrahlt wird, so daß wir über all das richtig urteilen können. Denn insoweit wir dieses Licht erfassen, sind wir zu solchem Urteil fähig. Jedoch findet sich in den Sinnen der vernunftlosen Lebewesen, wenn auch kein Wissen in irgendeiner Weise, so doch immerhin etwas dem Wissen Ähnliches. Die übrigen körperhaften Wesen aber heißen nur deshalb Sinneswesen, weil sie auf die Sinne einwirken, nicht als ob sie selbst Sinne hätten. Unter ihnen zeigt sich wiederum bei den Pflanzen insofern etwas den Sinnen Ähnliches, als sie sich nähren und fortpflanzen. Übrigens haben sie und alle körperlichen Dinge ihre in der Natur verborgenen Ursachen; ihre Formen jedoch, durch die der sichtbare Bau dieser Welt sich formenschön gestaltet, bieten sie den Sinnen zur Wahrnehmung dar, so daß sie, wie zum Ersatz für das ihnen mangelnde Wissen, Gegenstand des Wissens sein zu wollen scheinen. Wir aber erfassen sie zwar mit dem leiblichen Sinne, urteilen aber darüber nicht mit dem leiblichen Sinne. Denn wir besitzen noch einen anderen, über diesen weit erhabenen Sinn, den Sinn des inneren Menschen, kraft dessen wir das Rechte und das Unrechte empfinden, das Rechte an der Übereinstimmung mit der übersinnlichen Form, das Unrechte an der Abweichung davon. Dieser Sinn betätigt sich, ohne daß er der Schärfe des Auges bedürfte oder der Ohröffnung oder des Einatmens durch die Nase oder des Geschmackes im Gaumen oder irgendeiner körperlichen Berührung. In ihm bin ich gewiß, daß ich bin und daß ich das weiß; in ihm liebe ich Sein und Bewußtsein und bin ich auch darüber gewiß, daß ich dies liebe.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger