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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
11. Buch

21. Gottes Wissen und Wille ist ewig und unwandelbar; was er erschaffen, gefiel ihm daher gleich gut im Plane und in der Wirklichkeit.

Denn was sonst sollten wir darunter verstehen, wenn es immer wieder heißt: „Gott sah, daß es gut sei“, als eben die Billigung eines Werkes, das dem Urbild gemäß, das Gottes Weisheit ist, Gestalt gewonnen hat. Aber weit entfernt, daß Gott erst dann die Güte des Werkes erkannte, als es ins Dasein trat1 , wäre vielmehr überhaupt kein Ding ins Dasein getreten, wenn es ihm unbekannt gewesen wäre2 . Indem er also „sieht, daß gut ist“, was gar nicht ins Dasein treten würde, wenn er es nicht gesehen hätte, bevor es ins Dasein trat, wird er nicht erst inne, sondern weist darauf hin, daß es gut sei. Ja Plato3 gebraucht noch einen stärkeren Ausdruck, nämlich, Gott sei über die Vollendung des Weltalls von Freude hingerissen worden. Auch er ist dabei nicht in der törichten Vorstellung befangen, Gott sei durch sein neues Werk glückseliger geworden, sondern er wollte damit andeuten, daß das Werk, nunmehr erschaffen, seinem Bildner gefallen habe, das ihm im Urbild als ein zu schaffendes gefallen hatte; nicht als wäre Gottes Wissen irgendwie der Veränderung unterworfen, so daß die Dinge eine verschiedene Wirkung darin hervorbrächten, je nachdem sie noch nicht vorhanden oder gegenwärtig vorhanden oder nicht mehr vorhanden sind; denn nicht nach unserer Weise schaut er nach dem Zukünftigen aus und auf das Gegenwärtige hin und auf das Vergangene zurück, sondern auf eine andere Weise, die von unserer Art zu denken himmelweit verschieden ist. Denn sein Schauen ist nicht ein Wechsel des Denkens von einem zum andern, sondern es ist schlechthin unveränderlich. Während daher die zeitlichen Geschehnisse teils als zukünftig noch nicht, teils als gegenwärtig eben jetzt, teils als vergangen nicht mehr sind, erfaßt er dies alles in Kraft einer unverrückbaren und ewigen Gegenwart; nicht auf zweierlei Art, anders mit den Augen als mit dem Geiste; denn er besteht nicht aus Leib und Seele; auch nicht anders jetzt als vorher und nachher; denn sein Wissen ändert sich nicht wie das unsere mit dem Wechsel der drei Zeiten, der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, da es „bei ihm keinen Wechsel gibt noch den Schatten einer Veränderung“4 . Denn sein Geistesblick wendet sich nicht von einem Gedanken zu einem andern, vielmehr steht vor seiner unkörperlichen Anschauung alles zumal, was er weiß; denn wie er das Zeitliche bewegt, ohne selbst der zeitlichen Bewegung unterworfen zu sein, so umgreift er die Zeiten, ohne dem Begriffe der Zeiten zu unterliegen. Zumal also sah er, daß gut sei, was er erschaffen, und daß gut sei, es zu schaffen; er hat auch dadurch, daß er die Dinge erschaffen sah, seine Erkenntnis nicht verdoppelt noch irgendwie vermehrt, als hätte er, bevor er sie sichtbar schuf, eine mangelhaftere Kenntnis besessen, er, der so vollkommen nur wirkt auf Grund eines vollkommenen Wissens, das keinen Zuwachs erfahren kann aus seinen Werken.

Es würde daher, wenn uns lediglich beigebracht werden sollte, wer das Licht erschaffen, genügen zu sagen: „Gott schuf das Licht“. Sollte aber außerdem noch geoffenbart werden, wodurch er es erschaffen, so würde die Mitteilung genügen: „Und Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht“. Wir würden dann wissen, nicht nur daß Gott das Licht erschaffen, sondern auch, daß er es durch das Wort erschaffen habe. Weil uns jedoch hinsichtlich des Geschaffenen drei Punkte als besonders wissenswert bekannt gegeben werden sollten, nämlich wer es erschaffen, wodurch es erschaffen und weshalb es erschaffen, so heißt es: „Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht. Und Gott sah das Licht, daß es gut sei“. Es wird uns also auf drei Fragen eine Antwort zuteil: Wer hat die Schöpfung ins Dasein gerufen? Gott. Wodurch? „Er sprach: Sie werde, und sie ward.“ Warum? „Weil sie gut ist.“ Es gibt keinen Urheber, der erhabener wäre als Gott; keine Gestaltungskraft, die wirksamer wäre als Gottes Wort; keinen Grund, der besser wäre als der, daß Gutes erschaffen werde vom guten Gott. Dies nennt auch Plato den gerechtesten Grund der Weltschöpfung, daß nämlich von dem guten Gott gute Werke ins Dasein gerufen würden; mag er nun obige Worte gelesen oder sie von solchen, die sie gelesen, etwa erfahren haben, oder mag er kraft seines außerordentlichen Scharfsinnes das Unsichtbare an Gott in den geschaffenen Dingen erkannt und geschaut haben oder von solchen, die es geschaut, seinerseits inne geworden sein.

1: Einwendung der Manichäer gegen den Genesisbericht. Vgl. Aug. de genesi contra Manich. I 8.
2: Vgl. Kap. 10 am Schluß.
3: Tim. 37 C.
4: Jak. 1, 17.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger