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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
11. Buch

13. Ist allen Engeln bei der Erschaffung die gleiche Seligkeit zuteil geworden in der Weise, daß die, die gefallen sind, keine Kenntnis von ihrem künftigen Falle haben konnten, und die, die standhielten, erst nach dem Falle der übrigen das Vorherwissen um ihre Beharrlichkeit erlangten?

Es liegt also auf der Hand, daß die Glückseligkeit, die die vernunftbegabten Wesen als ihr wahres Ziel anstreben, durch ein Doppeltes bewirkt wird, nämlich durch einen aller Beschwerde überhobenen Genuß des unwandelbaren Gutes, das Gott ist, und durch die völlig zweifelfreie und irrtumslose Überzeugung, daß sie ewig in diesem Genuß verharren werden. Daß die Engel des Lichtes eine solche Glückseligkeit besitzen, nehmen wir in frommem Glauben an; die sündigen Engel dagegen, die durch ihre Verkehrtheit jenes Lichtes verlustig gegangen sind, besaßen eine solche Glückseligkeit auch vor ihrem Falle nicht, wie wir folgerungsweise schließen. Doch ist immerhin anzunehmen, daß sie irgendeine, wenn auch nicht eine mit Vorherwissen ausgestattete Glückseligkeit besessen haben, wofern sie überhaupt vor der Sünde ein Leben geführt haben. Es mag ja die Annahme hart erscheinen, daß bei der Erschaffung der Engel einem Teil das Vorherwissen ihrer Beharrlichkeit oder ihres Falles vorenthalten, während ein anderer Teil mit völlig sicherem und untrüglichem Wissen um die ewige Dauer seiner Glückseligkeit ausgestattet worden sei. Aber setzen wir den Fall, daß die einen wie die andern von Anfang an mit der gleichen Seligkeit begabt erschaffen worden und in diesem Zustand verblieben sind, bis die, die jetzt böse Engel sind, von jenem Lichte der Güte durch ihren eigenen Willen abfielen, so ergibt sich eine noch weit härtere Folgerung. Denn nun müssen wir annehmen, daß die heiligen Engel über ihre ewige Glückseligkeit ungewiß seien und von sich selbst etwas nicht wüßten, was doch wir über sie aus der Heiligen Schrift inne werden konnten. Denn welcher katholische Christ wüßte nicht, daß kein weiterer Teufel mehr aus den guten Engeln hervorgeht, so wenig als ein Teufel wieder in die Gemeinschaft mit den guten Engeln zurückkehrt? Verheißt doch die Wahrheit im Evangelium den Heiligen und Gläubigen, daß sie den Engeln Gottes gleich sein werden1 , und zugleich verheißt sie ihnen, daß sie ins ewige Leben eingehen werden2 . Wenn nun wir unsrerseits sicher sind, daß wir jener unsterblichen Seligkeit niemals verlustig gehen, während die Engel darüber keine Sicherheit haben, so werden wir ja besser daran sein, und nicht ihnen gleich. Aber die Wahrheit täuscht nie und nimmer, und also werden wir ihnen gleich sein, und also sind auch sie in ihrer ewigen Seligkeit sicher. Da nun die übrigen Engel darüber keine Sicherheit hatten [denn es gab für sie keine ewige Seligkeit, deren sie hätten sicher sein können], so bleibt nur eine doppelte Möglichkeit übrig: entweder waren die Engel ungleich, oder, wenn sie gleich waren, so wurde den einen erst nach dem Falle der andern ein sicheres Wissen über die ewige Dauer ihrer Seligkeit zuteil. Man könnte freilich auch sagen, das Wort des Herrn im Evangelium3 , wo es über den Teufel heißt: „Er war ein Menschenmörder von Anbeginn und hielt nicht stand in der Wahrheit“, sei so aufzufassen, daß er nicht nur ein Menschenmörder war von Anbeginn, nämlich von Anbeginn des Menschengeschlechtes, seitdem eben ein Mensch erschaffen war, den er durch Täuschung um das Leben bringen konnte, sondern daß er von Anbeginn seiner eigenen Erschaffung in der Wahrheit nicht standgehalten und also niemals die Glückseligkeit der heiligen Engel geteilt hätte, indem er sich weigerte, seinem Schöpfer Untertan zu sein, vielmehr sich aus Stolz seiner vermeintlichen Eigengewalt4 freute und so sich selbst und andere täuschte, sich selbst, weil niemand außerhalb der Gewalt des Allmächtigen steht, und andere, weil er, der sich nicht in frommer Unterwürfigkeit bescheiden wollte mit dem, was er wirklich ist, in stolzer Überhebung etwas vorzuspiegeln strebt, was er nicht ist. In diesem Sinne läßt sich ja auch das Wort des seligen Apostels Johannes auffassen5 : „Von Anbeginn sündigt der Teufel“, d. i. von dem Augenblick an, da er erschaffen ward, hat er die Gerechtigkeit von sich gewiesen, die nur ein frommer und Gott unterwürfiger Wille besitzen kann. Indem man dieser Ansicht beipflichtet, stellt man sich nicht auf die Seite gewisser Häretiker, der Manichäer6 , und wer sonst noch etwa solch verderblichen Meinungen huldigt, als hätte der Teufel eine Art Eigenwesen des Bösen, das sozusagen aus einem feindseligen Urwesen stamme. Diese gehen ihre Abwege mit solcher Blindheit, daß sie, obwohl sie gleich uns jene Worte des Evangeliums gelten lassen, völlig übersehen, daß der Herr nicht gesagt hat: Er stand der Wahrheit ferne, sondern: „Er hielt nicht stand in der Wahrheit“. Damit hat er doch zu verstehen geben wollen, daß jener von der Wahrheit abgefallen sei; hätte er in ihr standgehalten, so wäre er natürlich ihrer teilhaft geworden und so mit den heiligen Engeln glückselig geblieben.

1: Matth. 22, 30.
2: Ebd. 25, 46.
3: Joh. 8, 44.
4: Als einer von Gott unabhängigen, ihm nicht unterworfenen.
5: 1 Joh. 3, 8.
6: Mani, ein persischer Irrlehrer, der im 3. Jahrh. n. Chr. die zoroastrischen Vorstellungen von einem bösen Urwesen erneuerte.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger