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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
11. Buch

2. Von der Gotteserkenntnis und deren alleiniger Vermittlung durch den Mittler zwischen Gott und Mensch, den Menschen Christus Jesus.

Etwas Großes und höchst Seltenes ist es, sich im Fluge des Geistes über die gesamte körperliche und unkörperliche Schöpfung, die sich der Betrachtung und Erfahrung als wandelbar darstellt, zu erheben und bis zum unwandelbaren Wesen Gottes vorzudringen und dort aus ihm selbst inne zu werden, daß die ganze Natur, die nicht ist, was er ist, niemand als er gemacht hat. Denn dabei spricht Gott mit dem Menschen nicht durch ein körperliches und geschaffenes Mittel, den leiblichen Ohren vernehmlich durch Bewegung von Lufträumen zwischen dem Redenden und dem Hörenden, noch auch durch ein den Körpern ähnliches geistiges Gebilde, wie bei Träumen oder auf andere ähnliche Weise [denn auch bei dieser Art von Mitteilung spricht er sozusagen zu den leiblichen Ohren, weil er durch das Mittel eines Scheinkörpers spricht und gewissermaßen in körperlichen Raumabständen; denn solche Gesichte sind den körperhaften Gebilden sehr ähnlich], sondern er spricht da ausschließlich durch die Wahrheit, wofern einer fähig ist, mit dem Geiste zu hören, nicht mit dem Leibe. Denn diese Sprache wendet sich an den vorzüglicheren Bestandteil des Menschen, an jenen, worin Gott allein ihn übertrifft. Wenn nämlich der Mensch nach Gottes Ebenbild erschaffen ist, wie uns die Vernunft oder jedenfalls der Glaube ganz richtig sagt, so nähert er sich offenbar durch jenen Bestandteil der über ihm stehenden Gottheit an, mit dem er seine niederen, auch den Tieren gemeinsamen Bestandteile überragt. Weil jedoch der Geist seinerseits, dem von Natur aus Vernunft und Erkenntnis innewohnt, durch verfinsternde und alteingewurzelte Gebrechen geschwächt ist, so mußte er zuerst durch den Glauben belehrt und gereinigt werden; nur so vermag er dem unwandelbaren Licht genießend anzuhängen, ja auch nur es zu ertragen, um allmählich durch Erneuerung und Heilung solch großer Glückseligkeit fähig zu werden. Damit aber der Geist auf diesem Weg des Glaubens voll Zuversicht zur Wahrheit hin sich bewege, so hat die Wahrheit selbst, Gott, der Sohn Gottes, indem er die Menschheit anzog, ohne die Gottheit auszuziehen, eben diesen Glauben festgesetzt und begründet, damit der Mensch zum Gott des Menschen einen Weg habe durch den Gottmenschen. Denn dieser ist „der Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus“1 . Gerade dadurch Mittler, daß er Mensch ist; dadurch auch der Weg. Wenn nämlich zwischen dem Strebenden und seinem Ziele ein Weg inmitten liegt, so besteht Hoffnung, das Ziel zu erreichen; fehlt aber ein solcher oder weiß man nicht, welcher einzuschlagen ist, was hilft es dann, das Ziel zu kennen?2 Der einzige gegen alle Verirrungen völlig sichernde Weg ist darin gegeben, daß ein und derselbe zugleich Gott und Mensch ist: als Gott das Ziel, als Mensch der Weg.

1: 1 Tim. 2, 5.
2: Vgl. oben X 29 am Anfang.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger