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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

10. Buch

1. Daß sowohl den Engeln wie auch den Menschen die wahre Glückseligkeit nur durch den einen Gott zuteil werde, haben auch die Platoniker gelehrt; aber es handelt sich darum, ob die, welche man nach ihrer Ansicht um der ewigen Glückseligkeit willen zu verehren hat, nur für den einen Gott, oder auch für sich selbst Opfer heischen.

Für jeden, der nur überhaupt des Vernunftgebrauches mächtig ist, steht es ganz außer Frage, daß alle Menschen glückselig sein wollen. Doch darüber, wer glückselig sei und wodurch man es werde, sind bei der Schwachheit der Sterblichen viele und tiefgehende Streitigkeiten entstanden, auf die die Philosophen ihre ganze Mühe und Zeit verwendet haben; sie vorzulegen und zu untersuchen würde indes zu weit führen und ist auch nicht nötig. Denn wenn sich die Leser erinnern an unsere im achten Buche enthaltenen Bemerkungen1 anläßlich der Entscheidung, mit welchen Philosophen man sich bei dieser das glückselige Leben nach dem Tode berührenden Frage, ob man nämlich zur Erlangung eines solchen Lebens dem einen wahren Gott, der auch der Urheber der Götter ist, oder aber einer großen Zahl von Göttern mit religiöser Verehrung und mit Opfern dienen müsse, auseinanderzusetzen hat, so werden sie hier nicht eine Wiederholung jener Ausführungen erwarten, um so weniger, als sie ja durch nochmaliges Lesen ihrem Gedächtnis nachhelfen können, wenn sie sich etwa nicht mehr erinnern. Wir haben uns für die Platoniker entschieden, mit Recht die berühmtesten unter den Philosophen, da sie sich zu der Erkenntnis emporgerungen haben, daß die Menschenseele, wenn sie auch unsterblich und mit Vernunft oder Erkenntnis begabt ist, glückselig nur sein könne durch Teilnahme am Lichte jenes Gottes, von dem sie selbst und die Welt erschaffen ist. Demnach vermag nach ihnen das, was alle Menschen anstreben, ein glückseliges Leben, niemand zu erlangen, außer wer jenem einen besten Wesen, das der unwandelbare Gott ist, mit der Reinheit ungeteilter Liebe anhängt. Weil jedoch auch die Platoniker, sei es daß sie sich volkstümlichem Wahn und Irrtum anpaßten oder daß sie nach den Worten des Apostels2 „in ihren Gedanken eitel und nichtig wurden“, die Verehrung vieler Götter für eine Pflicht hielten oder dafür ausgaben, wobei manche von ihnen die Meinung vertraten, man müsse auch den Dämonen die göttlichen Ehren des Weihedienstes und der Opfer erweisen — eine Ansicht, auf die wir unsere Erwiderung bereits zum größten Teil vorgebracht haben —, so handelt es sich jetzt darum, zuzusehen und, soweit Gott die Kraft gibt, zu untersuchen, in welcher Art wohl jene Unsterblichen und Glückseligen auf den himmlischen Thronen und bei den himmlischen Herrschaften, Fürstentümern und Gewalten3 , die von den Platonikern als Götter oder auch zum Teil als gute Dämonen oder in Übereinstimmung mit uns als Engel bezeichnet werden, Religion und Frömmigkeit von uns betätigt wissen wollen, d. h., um es deutlicher zu sagen, ob wir unter ihrem Beifall auch ihnen oder nur ihrem Gott, der auch der unsere ist, Dienst weihen und opfern oder irgendetwas aus unserm Besitz oder uns selbst in religiöser Art weihen können.

Das ist nämlich die Verehrung, die man der Gottheit oder, um mich genauer auszudrücken, dem Gottwesen schuldet; da ich kein lateinisches Wort kenne, das diese Art von Verehrung völlig zutreffend bezeichnen würde, so bediene ich mich, wo es nötig ist, eines griechischen Wortes hierfür, des Wortes λατ?εία. Man hat das Wort λατ?εία an allen Stellen, wo es in der Hl. Schrift vorkommt, mit servitus [Dienst] wiedergegeben. Allein der Dienst, den man Menschen schuldet und mit Bezug auf den der Apostel4 befiehlt, daß die Diener ihren Herren unterwürfig zu sein haben, wird im Griechischen mit einem andern Worte bezeichnet; dagegen bedeutet λατ?εία in dem Sprachgebrauch derer, die uns das göttliche Wort aufgezeichnet haben, immer oder so gut wie immer speziell den Dienst, der sich auf die Verehrung Gottes bezieht. Würde man diesen Dienst einfach als Verehrung bezeichnen, so wäre damit nicht betont, daß es sich um einen Dienst handelt, den man nur Gott schulde. Man spricht ja auch Menschen gegenüber von Verehrung, sei es daß es sich um eine verehrungsvolle Erinnerung oder um ehrerbietiges Benehmen in ihrer Gegenwart handelt. Und nicht nur den Wesen gegenüber, denen wir uns in ehrfurchtsvoller Demut unterwerfen, spricht man von colere [verehren], sondern selbst solchen gegenüber findet dieses Wort Anwendung, die unter uns stehen. Denn von colere leiten sich ab die Wörter agricola, colonus, incola, und die Götter selbst nennt man caelicolae, nicht als ob sie den Himmel verehrten, sondern weil sie als eine Art Kolonisten [coloni] darin wohnen; nicht als Kolonisten im Sinne von Landpächtern, die ihren Stand dem ererbten Boden verdanken und so genannt werden wegen der Bodenbebauung, die sie unter der Herrschaft des Besitzers betätigen, sondern in dem Sinne, wie ein großer Meister der lateinischen Sprache ihn anwendet5 in den Worten:

„Alt war die Stadt Karthago, bewohnt von tyrischen Siedlern“.

Er nennt sie Siedler oder Kolonisten als Einwohner, nicht als wären sie Ackerbauer gewesen. In demselben Sinne werden auch Städte, die von größeren Städten aus gleichsam durch AusSchwarmen der Bevölkerung gegründet wurden, Kolonien genannt. Demnach hat es allerdings seine volle Richtigkeit damit, daß Kult in einem speziellen Sinne Gott allein gebührt; weil man jedoch auch von einem Kult anderer Dinge spricht, so ist es im Lateinischen nicht möglich, den Gott gebührenden Kult mit einem einzigen Wort bündig zu bezeichnen.

Denn auch mit dem Worte „Religion“ verbindet man im Lateinischen einen mehrfachen Sinn. Auf den ersten Blick allerdings wird man sagen, daß man damit nicht jede Art von Verehrung bezeichnet, sondern speziell die Gottesverehrung [deshalb haben die lateinischen Übersetzer das griechische Wort θ?ησκεία mit religio wiedergegeben]; allein nach dem lateinischen Sprachgebrauch, und zwar nicht etwa bloß der Ungebildeten, sondern auch der gelehrtesten Schriftsteller, spricht man von religio auch mit Bezug auf die Verbindlichkeit, die man in menschlichen Verhältnissen den Blutsverwandten, Verschwägerten und sonst irgendwie Verbundenen gegenüber zu wahren hat. Deshalb können wir da, wo es sich um die Gottesverehrung handelt, nicht mit der nötigen Bestimmtheit den Ausdruck religio anwenden, als bezeichne er nichts anderes als Gottesverehrung, weil dadurch dieses Wort dem Sprachgebrauch zuwider der Bezeichnung der unter den Menschen üblichen Rücksicht gegen Verwandte entzogen würde. Man versteht nun wohl vielfach auch unter pietas, dem griechischen ε?σέβεια, speziell die Gottesverehrung. Jedoch damit bezeichnet man auch das pflichtgemäße Verhalten gegen die Eltern. Und gar im Volksmund wird dieses Wort auch gebraucht für die Werke der Barmherzigkeit; eine Bedeutung, die es nach meiner Ansicht deshalb erlangt hat, weil Gott zu deren Betätigung besonders eindringlich auffordert und zu verstehen gibt, daß ihm solche Werke soviel und noch mehr als Opfer gelten6 . Infolge dieses Sprachgebrauches bezeichnet man Gott selbst als pius [milde]7 , während allerdings die Griechen ihn in ihrer Sprache nicht ε?σέβης nennen, obwohl auch bei ihnen das Volk ε?σέβεια im Sinne von Barmherzigkeit gebraucht. Daher hat man an manchen Stellen der Schrift statt des Wortes ε?σέβεια, das nach seiner Zusammensetzung „löbliche Verehrung“ bedeutet, lieber θεοσέβεια gesetzt, das nach seiner Zusammensetzung soviel wie Verehrung Gottes bedeutet. Im Lateinischen jedoch können wir keinen von diesen beiden Ausdrücken mit einem einzigen Worte wiedergeben. Also das, was man im Griechischen λατ?εία nennt und im Lateinischen mit servitus übersetzt, wobei man jedoch den Dienst meint, mit dem wir Gott verehren, oder das, was im Griechischen θ?ησκεία und im Lateinischen religio heißt, jedoch nicht Ehrfurcht ganz allgemein bezeichnet, sondern speziell die Ehrfurcht, die wir Gott entgegenbringen, oder das, was die Griechen ε?σέβεια nennen, die Lateiner dagegen nicht mit einem einzigen Wort ausdrücken, sondern etwa als cultus Dei bezeichnen können, das ist es, so behaupten wir, was man dem Gott allein schuldet, der der wahre Gott ist und seine Verehrer zu Göttern macht. Was demnach die unsterblichen und seligen Wesen aller Art in den himmlischen Wohnungen betrifft, so braucht man sie, wenn sie uns nicht lieben und unsere Seligkeit nicht wünschen, natürlich überhaupt nicht zu verehren. Wenn sie uns dagegen lieben und uns glückselig wissen möchten, so wollen sie selbstverständlich, daß wir glückselig seien durch das, wodurch sie selbst es sind; oder ist die Quelle der Glückseligkeit für uns eine andere als für sie?

1: Oben VIII 4-9.
2: Röm. 1, 21.
3: Kol. 1, 16.
4: Eph. 6, 5.
5: Verg. Aen. 1, 12.
6: Ose. 6, 6; Matth. 9, 13; 12, 7.
7: 2 Par. 30, 9; Ekkli. 2, 13; Judith 7, 20.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger