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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
10. Buch

9. Von unerlaubten Künsten im Dämonenkult und von der zweideutigen Stellung, die der Platoniker Porphyrius dazu einnimmt.

Diese und viele andere Wunder, die alle aufzuzählen zu weit führen würde, trugen sich zu, um die Verehrung des einen wahren Gottes ans Herz zu legen und die der vielen und falschen Götter hintanzuhalten. Und sie wurden gewirkt durch schlichten Glauben und fromme Zuversicht, nicht durch Beschwörungen und Zaubersprüche, die verwerfliche Neugier kunstvoll gedrechselt, also nicht durch das, was man Magie oder mit schlimmer Nebenbedeutung Goetie oder in einem besseren Sinne Theurgie nennt, indem man sich mit vermeintlichen Unterscheidungen abmüht und die Betätiger solch unerlaubter Künste einteilt in verwerfliche, die das Volk auch Zauberer nennt [Reinigungszeremonien.], und in ehrenwerte, denen man die Theurgie zuteilt, während doch die einen wie die andern in die Fallstricke der Dämonen verwickelt sind, die ihnen als Engel gelten.

Stellt doch auch Porphyrius eine Art Reinigung der Seele durch die Theurgie in Aussicht, wenn auch mit einer gewissen Zurückhaltung und sozusagen mit verschämter Miene; dagegen hat diese Kunst nach ihm nicht die Kraft, jemand zu Gott zurückzuführen; daraus ersieht man, wie er zwischen dem Verbrechen gotteslästerlicher Zauberei und der Zustimmung zu Ergebnissen philosophischer Forschung unschlüssig hin und her schwankt. Denn auf der einen Seite warnt er vor dieser Kunst, sie sei trügerisch, in ihrer Ausübung gefährlich und gesetzlich verboten; auf der andern Seite gibt er doch wieder ihren Verteidigern nach und meint, sie sei nützlich für die Seele, und zwar für den der Körperwelt zugekehrten Teil der Seele1 , also nicht für den intellektuellen Teil2 , mit dem man die Wahrheit der nur dem geistigen Schauen zugänglichen Dinge erkennt, die keine Abbilder in der sinnlichen Sphäre haben, sondern für den spirituellen Teil, womit man die in den sinnlichen Dingen vorhandenen Abbilder erfaßt. Dieser Teil wird nach ihm durch eine Art theurgischer Weihungen, die sogenannten Teleten [Reinigungszeremonien.], fähig und geschickt, Geister und Engel in sich aufzunehmen und die Götter zu schauen. Er gibt jedoch zu, daß aus diesen theurgischen Teleten der intellektuellen Seele keinerlei Reinigung zufließe, wodurch sie fähig würde, ihren Gott zu schauen und das wahrhaft Seiende3 zu durchschauen. Daraus mag man abnehmen, was von den Göttern zu halten ist, deren Schauen durch theurgische Weihen ermöglicht wird, und was es überhaupt mit diesem Schauen, dessen Objekt nicht das wirklich Seiende ist, für eine Bewandtnis hat. Übrigens kann nach ihm die vernünftige Seele oder, wie er sie lieber nennt, die intellektuelle Seele an ihr Ziel gelangen, auch ohne daß ihre spirituelle Seite durch theurgische Kunst gereinigt wird; und umgekehrt, wenn ihre spirituelle Seite von Theurgen gereinigt werde, so reiche das doch nicht hin, daß die Seele auf Grund dieser Reinigung zur Unsterblichkeit und Ewigkeit gelange. Obgleich so Porphyrius, der einen Unterschied macht zwischen Engeln und Dämonen, und die Dämonen in der Luft, die Engel im Äther oder Empyreum ihren Wohnsitz haben läßt, der Freundschaft irgendeines Dämons sich zu bedienen empfiehlt, damit man sich nach dem Tode durch seine Hilfe doch ein wenig über die Erde erheben könne, während freilich der Weg zur himmlischen Gemeinschaft mit den Engeln nach ihm ein anderer ist, so bezeugt er doch und gibt so gut wie ausdrücklich zu, daß man sich vor der Gemeinschaft mit den Dämonen zu hüten habe; er sagt nämlich an einer Stelle, daß die Seele, wenn sie nach dem Tode Strafe erleide, den Kult der Dämonen verabscheue, von denen sie umgarnt wurde. Und ebensowenig kann er in Abrede stellen, daß die von ihm als Mittel der Anfreundung an Engel und Götter empfohlene Theurgie ihren Wirkungsbereich habe bei Gewalten, die selbst auf die Reinigung der Seele neidisch sind oder doch in dieser Sache dem Einfluß neidischer Wesen unterworfen sind; erwähnt er doch die diesbezügliche Klage eines Chaldäers: „Ein trefflicher Mann in Chaldäa klagt, daß seine großen Bemühungen um Reinigung einer Seele ohne Erfolg geblieben seien, weil ein neidischer Nebenbuhler die mit Gebeten beschworenen Gewalten gebannt habe, das Erbetene nicht zuzugeben. So zog der eine zu und der andere löste nicht auf“. Daraus erweise sich, sagt er, daß die Theurgie eine Kunst sei, die sowohl Gutes als Böses zustande bringe, und zwar sowohl bei Göttern als bei Menschen; auch die Götter seien dem Affekt unterworfen und würden zu Aufregungen und Leidenschaften hingerissen, wie sie Apuleius nur den Dämonen und den Menschen gleicherweise zuschreibt4 ; er läßt jedoch die Götter durch die Erhabenheit ihres ätherischen Wohnsitzes von ihnen getrennt sein und hält es in dieser Hinsicht mit Plato.

1: d. i. für den sinnlichen, den empfindenden und leidenden Teil der Seele.
2: d. i. für die rein geistige Seele.
3: d. i. nach den Neuplatonikern die Ideen im göttlichen Denken.
4: Oben IX 3.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger