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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
10. Buch

6. Von dem wahren und vollkommenen Opfer.

Folglich ist ein wahres Opfer jegliches Werk, wodurch bewirkt wird, daß wir in heiliger Gemeinschaft Gott anhängen, mit andern Worten jedes Werk, das in Beziehung gesetzt ist zu jenem Zielgut, das imstande ist, uns wahrhaft zu beseligen. Es wäre also auch die Barmherzigkeit gegen den Nebenmenschen kein Opfer, wenn sie nicht um Gottes willen geübt wird. Denn das Opfer ist, wenngleich es von einem Menschen ausgeht oder dargebracht wird, doch eben etwas auf die Gottheit Bezügliches, weshalb denn auch die alten Latiner von sacrificium sprachen. Und es ist demnach der Mensch überhaupt, wenn er durch den Namen Gottes geweiht und Gott gewidmet ist, ein Opfer, sofern er der Welt abstirbt, um Gott zu leben. Denn auch dies ist ein Akt der Barmherzigkeit, jener Barmherzigkeit, die man gegen sich selbst betätigt. Deshalb heißt es in der Hl. Schrift: „Erbarme dich deiner Seele, indem du Gott zu gefallen suchest“1 . Ebenso ist es ein Opfer, wenn wir unsern Leib durch Mäßigung in Zucht halten, wofern wir dies, wie es unsere Schuldigkeit ist, um Gottes willen tun, so daß wir unsere Glieder nicht als Werkzeuge der Ungerechtigkeit der Sünde hingeben, sondern als Werkzeuge der Gerechtigkeit Gott2 . Denn dazu mahnt uns der Apostel, wenn er sagt3 : „„Ich beschwöre euch deshalb, Brüder, bei Gottes Erbarmen, daß ihr euern Leib zu einem Opfer machet, zu einer lebendigen, heiligen, Gott wohlgefälligen Opfergabe, zu eurer vernünftigen Hingabe“. Wenn also selbst der Leib, der tiefer steht als die Seele und von ihr als eine Art Diener oder Werkzeug gebraucht wird, eine Opfergabe ist, wofern sein guter und echter Gebrauch zu Gott in Beziehung gesetzt wird, wieviel mehr wird erst die Seele zu einem Opfer, wenn sie sich Gott hingibt, um, von dem Feuer seiner Liebe entzündet, das Gehaben weltlichen Begehrens abzustreifen und sich umzugestalten durch die Hingabe an ihn als an die unwandelbare Form, ihm wohlgefällig durch das, was sie von seiner Schönheit in sich aufnimmt! Das meint der Apostel, wenn er fortfährt4 : „Und werdet nicht gleichgestaltet dieser Welt, sondern gestaltet euch um in Erneuerung eures Sinnes, um euch zu erproben, was der Wille Gottes sei, was gut und wohlgefällig und vollkommen sei“. Da nun also die wahren Opfer bestehen in Werken der Barmherzigkeit gegen uns sowohl wie gegen den Nächsten, die auf Gott bezogen werden, Werke der Barmherzigkeit aber stets den Zweck verfolgen, von Unseligkeit zu befreien, und demnach weiterhin den Zweck, glückselig zu sein [und das Gut, das uns glückselig macht, kann nur jenes sein, von dem es heißt: „Für mich ist das Zielgut, Gott anzuhängen“5 ], so ergibt sich ohne weiteres, daß die gesamte erlöste Gemeinde, d. i. die Vereinigung und Gemeinschaft der Heiligen, als ein allumfassendes Opfer Gott dargebracht wird durch den Hohenpriester, der seinerseits auch sich für uns, damit wir der Leib eines so erhabenen Hauptes seien, dargebracht hat in seinem Leiden nach seiner Knechtsgestalt. Denn diese hat er dargebracht, in dieser wurde er dargebracht, weil er in ihr Mittler ist, in ihr Priester und Opfer zugleich. Darum fährt der Apostel fort, nachdem er uns ermahnt hat, daß wir unsern Leib zu einer lebendigen, heiligen, gottgefälligen Opfergabe, zu unserer vernünftigen Hingabe machen und nicht dieser Welt gleichgestaltet werden, sondern uns umgestalten sollen in der Erneuerung unseres Sinnes, um zu erproben, was der Wille Gottes sei, was gut und wohlgefällig und vollkommen sei. Im Anschluß also an diese Mahnung fährt er fort6 : „Denn ich sage allen, die unter euch sind, vermöge der Gnade Gottes, die mir gegeben ist, nicht höher von sich zu denken, als sich geziemt, sondern maßvoll, wie eben Gott jedem das Maß des Glaubens zugeteilt hat. Gleichwie wir nämlich an dem einen Leibe viele Glieder haben, alle Glieder aber nicht dieselbe Verrichtung haben, so sind wir viele ein Leib in Christus, einzeln aber untereinander Glieder, im Besitze verschiedener Gaben gemäß der Gnade, die uns gegeben worden ist“. Das ist das Opfer der Christen: „die vielen ein Leib in Christus“. Dieses Opfer feiert die Kirche auch durch das den Gläubigen bekannte Sakrament des Altares, worin ihr vor Augen gehalten wird, daß sie in dem, was sie darbringt, selbst dargebracht wird.

1: Ekkl. 30, 24.
2: Vgl. Röm. 6, 13.
3: Röm. 12, 1.
4: Ebd. 12, 2.
5: Ps. 72, 28.
6: Röm. 12, 3-6.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger