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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
10. Buch

5. Gott heischt die Opfergaben nicht, sondern er bestand auf ihrer Darbringung, sofern diese das äußere Zeichen der Gesinnung ist, die er heischt.

So töricht ist ja wohl niemand, daß er meinte, Gott bedürfe der Opfergabe zu irgendwelchen Zwecken. Darüber spricht sich die göttliche Schrift an vielen Stellen aus; ich will um der Kürze willen nur auf die prägnante Psalmstelle1 hinweisen: „Ich sprach zum Herrn: Mein Gott bist Du; denn Du bedarfst nicht meiner Güter“. Man hat demnach anzunehmen, daß Gott nicht nur des Opfertieres oder sonst irgendeines vergänglichen und irdischen Dinges nicht bedarf, sondern nicht einmal der Gerechtigkeit des Menschen und daß überhaupt die rechte Gottesverehrung dem Menschen Vorteil bringt, nicht Gott. Es ist wie bei dem Quell oder bei dem Licht: niemand wird sich einbilden, daß er der Quelle nützt, wenn er aus ihr trinkt, oder dem Lichte, wenn er es schaut. Und wenn von den alten Vätern andere Opfer dargebracht wurden als jetzt, blutige Tieropfer, von denen das Volk Gottes liest, ohne sie zu wiederholen, so ist dies dahin aufzufassen, daß durch solche Handlungen Dinge angedeutet wurden, die in unserm Innern vor sich gehen und darauf abzielen, daß wir Gott anhängen und dem Nächsten ebenfalls dazu verhelfen. Das sichtbare Opfer ist also das Sakrament, d. i. das heilige Zeichen eines unsichtbaren Opfers. In diesem Sinne spricht der Büßer beim Propheten oder der Prophet selbst, da er die göttliche Gnade für seine Sünden anruft2 : „Wenn Du Opfer gewollt hättest, würde ich sie ja freilich gegeben haben; an Brandopfern hast Du kein Gefallen. Opfer vor Gott ist ein zerknirschter Geist; ein zerknirschtes und gedemütigtes Herz wird Gott nicht verschmähen“. Beachten wir, wie er im nämlichen Atemzug sagt, Gott wolle kein Opfer, und darauf hinweist, er wolle ein Opfer. Er will demnach nicht das Opfer eines geschlachteten Tieres, wohl aber das Opfer eines zerknirschten Herzens. Durch das, was Gott nach ihm nicht will, wird das angedeutet, was er nach ihm will. Er will also sagen, daß Gott solche Brandopfer nicht in dem Sinne will, wie die Toren meinen, gleichsam zu seinem eigenen Vergnügen. Denn würden die Opfer, die man für einen Gegenstand göttlichen Begehrens hielt, nicht nach Gottes Absicht einen Hinweis enthalten auf die Opfer, die er wirklich verlangt [wie eben z. B. ein in Reueschmerz zerknirschtes und gedemütigtes Herz], so hätte Gott im alten Gesetz deren Darbringung überhaupt nicht angeordnet. Deshalb mußte einmal die Zeit kommen, da mit diesen Opfern eine Änderung vorgenommen wurde, damit nicht sie statt dessen, was durch sie angedeutet wird, als begehrenswert für Gott oder doch als Empfehlung für uns aufgefaßt würden. Ein ähnlicher Gedanke kommt in einer andern Psalmstelle3 also zum Ausdruck: „Wenn mich hungerte, würde ich es nicht erst dir sagen; denn mein ist der Erdkreis und was ihn erfüllt. Soll ich denn Fleisch der Stiere essen oder Blut der Böcke trinken?“, gleich als wollte er sagen: Hätte ich dergleichen Dinge nötig, so würde ich nicht von dir begehren, was ich selbst in meiner Gewalt habe. Und im unmittelbaren Anschluß daran äußert sich der Psalmist über Sinn und Bedeutung solcher Opfer4 : „Opfere Gott ein Opfer des Lobes und löse dem Höchsten deine Gelübde und rufe mich an am Tage der Trübsal, so will ich dich erretten und du wirst mich preisen“. Und bei einem anderen Propheten5 lesen wir: „Womit werde ich meinen Herrn gewinnen, meinen erhabenen Gott an mich ziehen? Werde ich ihn mit Brandopfern gewinnen, mit jährigen Kälbern? Wird der Herr gnädig gestimmt durch tausend Widder oder durch zehntausend fette Böcke? Soll ich meinen Erstgeborenen hingeben für meine Gottlosigkeit, meines Leibes Frucht für die Sünde meiner Seele? Ist dir das Richtige kund geworden, o Mensch? Oder was sollte Gott sonst von dir heischen, als daß du recht tuest und die Barmherzigkeit liebest und bereit seiest, mit dem Herrn deinem Gott zu wandeln?“ Auch bei diesen Prophetenworten ist beides auseinandergehalten, die Opfer als solche und was durch sie angedeutet wird, und es ist deutlich gesagt, daß Gott die Opfer als solche nicht heische, wohl aber die Opfer, die durch die äußeren Opfer angedeutet werden. In dem Briefe, der an die Hebräer adressiert ist, heißt es6 : „Wohlzutun und mitteilsam zu sein, vergesset nicht; denn durch solche Opfer gefällt man Gott“. Wenn also geschrieben steht: „Barmherzigkeit will ich über das Opfer“7 , so ist dies dahin aufzufassen, dass ein Opfer über das andere gestellt wird; denn das, was im allgemeinen Sprachgebrauch Opfer genannt wird, ist nur ein Zeichen für das wahre Opfer. Das wahre Opfer aber ist die Barmherzigkeit: deshalb heißt es ja, wie ich eben angeführt habe: „Denn durch solche Opfer gefällt man Gott“. All die vielerlei göttlichen Vorschriften über die Opfer im Dienst des Zeltes oder des Tempels beziehen sich demnach andeutungsweise auf die Liebe zu Gott und dem Nächsten. Denn „an diesen zwei Geboten“, heißt es8 , „hängt das ganze Gesetz und die Propheten“.

1: 15, 2.
2: Ps. 50, 18 f.
3: Ps. 49, 12 f.
4: Ebd. 49. 14 f.
5: Mich. 6, 6 ff.
6: Hebr. 13, 16.
7: Ose. 6, 6.
8: Matth. 22, 40.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger