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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
10. Buch

25. Auch die Heiligen im Zeitalter des Gesetzes und in den früheren Jahrhunderten sind nur in dem Geheimnis Christi und im Glauben an ihn gerechtfertigt worden.

Durch den Glauben an dieses Geheimnis vermochten auch die alten Gerechten bei frommem Wandel die Reinigung zu erlangen, nicht allein bevor das Gesetz dem Hebräervolk gegeben ward [es fehlte ihnen ja nicht an Verkündigung durch Gott oder Engel], sondern selbst auch im Zeitalter des Gesetzes, obwohl das Gesetz dem Anschein nach nur fleischliche Verheißungen enthielt als Andeutung geistiger Dinge, weshalb es das Alte Testament heißt1 . Denn es gab damals auch Propheten, durch die, wie durch Engel, dieselbe Verheißung verkündigt ward, und einer aus ihrer Mitte war der, dessen erhabenen und göttlichen Ausspruch über das Zielgut des Menschen ich kurz vorher2 erwähnt habe: „Für mich aber besteht das Gut darin, Gott anzuhängen“3 . In der Tat, in diesem Psalm ist der Unterschied zwischen den beiden Testamenten, dem Alten und dem Neuen, wie sie heißen, deutlich auseinandergesetzt. Der Prophet sagt darin nämlich, wegen der leiblichen und irdischen Verheißungen, da er sie an Gottlosen reichlich in Erfüllung gehen sah, wären seine Füße beinah gestrauchelt und hätten seine Schritte gefährlich gewankt; schien es doch, als habe er umsonst Gott gedient, während er sehen mußte, wie das Glück, das er von Gott erwartete, den Verächtern Gottes blühte; in der Untersuchung hierüber mühte er sich ab, sagt er, nach dem Grund dieser Erscheinung forschend, bis er in das Heiligtum Gottes eintrat und erkannte, welches das Ende derer sei, die ihm irrigerweise glücklich däuchten. Da erkannte er, daß sie um ihrer Selbstüberhebung willen, wie er sich ausdrückt, gestürzt worden und um ihrer Bosheiten willen dahingeschwunden und zugrunde gegangen seien und daß die ganze Fülle der erreichten zeitlichen Glückseligkeit für sie gewesen sei wie ein Traum, aus dem man plötzlich erwacht mit der Entdeckung, daß man um all die Herrlichkeiten, von denen man träumte, betrogen sei. Und weil sie sich in dieser Welt oder im Weltstaat groß dünkten, so spricht der Psalmist: „Herr, in Deinem Staat wirst Du ihren Schein zunichte machen“. Daß es aber für ihn gleichwohl gut gewesen sei, auch die irdischen Güter nur von dem einen wahren Gott zu heischen, der alles in seiner Gewalt hat, deutet er verständlich an mit den Worten: „Wie ein Tier bin ich vor Dir geworden, doch war ich immer bei Dir“. „Wie ein Tier“, das will natürlich sagen: „ohne Einsicht“. Er meint etwa: „Ich hätte nämlich von Dir solche Güter ersehnen sollen, die mir mit den Gottlosen nicht gemeinsam sein können; da ich die Gottlosen Güter im Überfluß besitzen sah, bildete ich mir ein, ich hätte Dir vergeblich gedient, da ja auch solche, die Dir nicht dienen wollten, derlei Güter besaßen. Gleichwohl war ich immer bei Dir, weil ich mich im Verlangen nach solchen Dingen nicht an andere Götter wandte“. Demnach folgen darauf die Worte: „Du faßtest mich bei der rechten Hand, führtest mich nach Deinem Willen und nahmst mich auf mit Ehren“; wie um anzudeuten, daß zur linken Hand all das gehört, worüber er, als er es bei den Gottlosen im Überfluß vorhanden sah, beinahe zu Fall gekommen wäre. „Denn was hab' ich im Himmel und was wollte ich auf Erden außer Dir?“ Er schilt sich selbst und empfindet mit Recht Mißfallen über sich, daß er, wo er doch ein so großes Gut im Himmel habe [was er hinterher einsah], hier auf Erden ein vergängliches Ding, ein zerbrechliches und sozusagen tönernes Glück von seinem Gott begehrte. Und er fährt fort: „Es schmachtete mein Herz und mein Fleisch, Gott meines Herzens“, natürlich in gutem Sinne schmachtete es, aus der Tiefe nach der Höhe, wie es in einem andern Psalm4 heißt: „Meine Seele sehnt sich und schmachtet nach den Vorhöfen des Herrn“, und wieder in einem andern5 : „Es schmachtete meine Seele nach Deinem Heil“. Obgleich er jedoch von einem doppelten Schmachten spricht, von dem des Herzens und dem des Fleisches, so fügt er doch nicht bei: Gott meines Herzens und meines Fleisches, sondern nur „Gott meines Herzens“. Durch das Herz eben wird das Fleisch gereinigt. Deshalb spricht der Herr6 : „Reiniget, was inwendig ist, und das, was außen ist, wird rein sein“. Ferner bezeichnet der Psalmist als seinen Anteil Gott selbst, nicht etwas, was von ihm kommt, sondern ihn selbst. „Meines Herzens Gott“, sagt er, „und mein Anteil ist Gott in Ewigkeit“; als wollte er sagen: Mitten in den vielerlei Dingen, für die sich die Menschen entscheiden, habe er sich entschlossen, sich für Gott zu entscheiden. „Denn sieh, wer sich wegmacht von Dir, geht zugrunde; Du vernichtest jeden, der fern von Dir der Buhlschaft nachgeht“, das heißt, der ein Buhle der vielen Götter sein will. Und nun schließt sich ganz natürlich jener Ausspruch an, der mich zur Anführung auch der übrigen Worte dieses Psalmes veranlaßt hat: „Für mich aber besteht das Gut darin, Gott anzuhängen“, nicht in die Weite zu schweifen, nicht überall herumzubuhlen. Die Hingabe an Gott aber wird erst vollkommen sein, wenn das Ganze, um dessen Befreiung es sich handelt, befreit sein wird. Einstweilen jedoch gilt, was sich unmittelbar anschließt: „und auf Gott meine Hoffnung zu setzen“. Wie der Apostel7 sagt: „Eine Hoffnung, die man sieht, ist keine Hoffnung; denn wie soll man auf das erst noch hoffen, was man schon sieht? Wenn wir aber hoffen, was wir nicht sehen, so erwarten wir es in Geduld“. Da wir also vorerst auf die Hoffnung angewiesen sind, so wollen wir der Anleitung des Psalmes folgen und auch unsererseits nach unserm geringen Vermögen Engel Gottes sein, das heißt Gottesboten, indem wir seinen Willen verkünden und seine Herrlichkeit und Gnade preisen. Es heißt nämlich im Anschluß an die Worte: „auf Gott meine Hoffnung zu setzen“: „auf daß ich verkünde all Dein Lob an den Toren der Tochter Sion“. Das ist die überaus herrliche Stadt Gottes; sie kennt und nennt nur einen Gott; die heiligen Engel haben sie verkündet, haben uns zur Eingliederung in sie aufgefordert und wollen, daß wir darin ihre Mitbürger sind; fern liegt ihnen der Wunsch, daß wir sie als unsere Götter verehren, daß wir ihnen opfern sollten, sie wollen vielmehr, daß wir mit ihnen ihren und unsern Gott verehren, daß wir mit ihnen Gott ein Opfer seien. Für jeden, der das ohne böswillige Voreingenommenheit und Verhärtung recht überlegt, ist demnach aller Zweifel ausgeschlossen: die unsterblichen Glückseligen, die nicht auf uns neidisch sind [wären sie das, so wären sie ja nicht glückselig], sondern vielmehr uns lieben und wollen, daß wir im Verein mit ihnen glückselig seien, sind uns huldreicher, stehen uns mehr bei, wenn wir mit ihnen den einen Gott verehren, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, als wenn wir sie selbst mit Opfern verehrten.

1: Vgl. oben IV 33 [1, 234].
2: Oben X 18.
3: Ps. 72, 28.
4: Ps. 83, 3.
5: Ps. 118, 81.
6: Matth. 23, 26.
7: Röm. 8, 24, 25.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger