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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
10. Buch

24. Von dem einen und wahren Urgrund, der allein die menschliche Natur reinigt und erneuert.

Wir nun sprechen, wenn wir von Gott reden, nicht in solcher Weise von zwei oder drei Urgründen, wie es uns ja auch nicht gestattet ist, von zwei oder drei Göttern zu sprechen, wenn wir schon, sofern wir von jedem für sich sprechen, vom Vater oder vom Sohn oder vom Heiligen Geist, jeden einzelnen als Gott bekennen und gleichwohl nicht mit den Sabellianischen Häretikern sagen, der Vater sei derselbe wie der Sohn und der Heilige Geist derselbe wie der Vater und der Sohn, vielmehr sei der Vater des Sohnes Vater, und der Sohn des Vaters Sohn, und des Vaters und des Sohnes Heiliger Geist sei weder der Vater noch der Sohn. Es ist demnach richtig, daß der Mensch nur durch den Urgrund gereinigt werde, nur daß die Platoniker von Urgründen in der Mehrzahl sprechen.

Allein1 Porphyrius, den neidischen Mächten ergeben, deren er sich zwar schämte, gegen die er aber doch offen aufzutreten sich scheute, wollte sich nicht zu der Anerkenntnis verstehen, daß Christus, der Herr, der Urgrund sei, durch dessen Fleischwerdung wir gereinigt werden. Er verachtete ihn im Hinblick eben auf das Fleisch, das er wegen des Opfers für unsere Reinigung angenommen hat, und vermochte so das große Geheimnis nicht zu erfassen, gehindert durch den Hochmut, den er, der wahre und gütige Mittler, durch seine Demut gestürzt hat, indem er sich den Sterblichen zeigte in der sterblichen Gestalt, die die bösen und trügerischen Mittler nicht haben und deren Mangel ihnen den Anlaß und die Möglichkeit bot, sich so stolz zu erheben und den armen Menschen ihren trügerischen Beistand zu verheißen, den Sterblichen den Beistand von Unsterblichen. Der gute und wahre Mittler also zeigte, daß die Sünde das Übel sei, nicht aber die Substanz oder Natur des Fleisches, das mitsamt der menschlichen Seele ohne Sünde angenommen und getragen, im Tode abgelegt und durch die Auferstehung in Vollkommeneres verwandelt werden konnte; er zeigte auch, daß man selbst dem Tode, obgleich er Sündenstrafe ist, die er jedoch für uns ohne Sünde erlitten hat, nicht durch Sündigen aus dem Wege gehen darf, sondern ihn vielmehr gegebenenfalls für die Gerechtigkeit erdulden müsse. Deshalb gerade konnte er durch seinen Tod die Sünden tilgen, weil er starb und doch nicht um einer Sünde willen starb. Daß er der Urgrund sei, hat jener Platoniker nicht erkannt; er würde ihn sonst als das reinigende Prinzip anerkannt haben. Denn nicht das Fleisch ist Urgrund noch auch die menschliche Seele, sondern das Wort, durch das alles gemacht ist. Nicht das Fleisch als solches also reinigt, sondern durch das Wort reinigt es, von dem es angenommen worden ist, indem „das Wort Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat“2 . Denn als er von dem Essen seines Fleisches in geheimnisvollem Sinne sprach und dabei die, die es nicht erfaßten, Anstoß nahmen und weggingen mit den Worten: „Diese Rede ist hart, wer kann sie hören?“, erwiderte er den übrigen, die ausharrten: „Der Geist ist's, der lebendig macht, das Fleisch dagegen nützet nichts“3 . Der Urgrund also reinigt nach Annahme von Seele und Fleisch sowohl die Seele als auch das Fleisch der Gläubigen. Darum erwiderte er den Juden auf die Frage, wer er sei, er sei der Urgrund4 . Das könnten wir fleischliche, schwache, in Sünden verstrickte und von der Finsternis der Unwissenheit umgebene Menschen natürlich unmöglich verstehen, wenn wir nicht von ihm gereinigt und geheilt würden mittels dessen, was wir waren und nicht waren. Wir waren nämlich Menschen, aber Gerechte waren wir nicht; in seiner Menschwerdung dagegen war die menschliche Natur auch vorhanden, aber sie war gerecht, nicht sündlich. Hier ist die Vermittlung gegeben, durch die den Gefallenen und Daniederliegenden die Hand dargeboten wurde; das ist der Same, angeordnet durch Engel5 , auf deren Anordnung auch das Gesetz gegeben ward6 , durch das sowohl die Verehrung des einen Gottes befohlen als auch die Ankunft des Mittlers verheißen wurde.

1: Nach anderer Zählung beginnt erst hier das 24. Kapitel.
2: Joh. 1, 14.
3: Ebd. 6, 61; 64.
4: Ebd. 8, 25. Vgl. S. Augustini in Joann. evang. tract. 38 n. 11
5: Vgl. Gal. 3, 19.
6: Apg. 7, 53.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger