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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
10. Buch

3. Von der wahren Gottesverehrung sind die Platoniker, obwohl sie Gott als den Schöpfer des Alls erkannten, abgeirrt, indem sie Engel, gleichviel ob gute oder böse, göttlich verehrten.

Demnach müßten sich also die Platoniker und alle, die sonst noch hierin der gleichen Ansicht sind, wenn sie Gott1 , den sie doch erkannten, als Gott verherrlichen und ihm Dank sagen würden und nicht eitel geworden wären in ihren Gedanken und die Irrmeinungen des Volkes nicht teils hervorgerufen hätten, teils ihnen entgegenzutreten sich scheuten, sie müßten sich, sage ich, selbstverständlich dazu bekennen, daß sowohl jene unsterblichen und glückseligen Wesen, als auch wir Sterbliche und Unselige, wenn anders wir unsterblich und selig sein wollen, den einen Gott der Götter zu verehren haben, der unser Gott ist und der ihrige.

Ihm schulden wir den Dienst, den die Griechen λατρεία nennen, sowohl in mancherlei äußeren religiösen Betätigungen, als auch in unserm Inneren. Denn sein Tempel sind wir alle zumal und jeder für sich2 , weil er sowohl der Gemeinschaft aller3 , als auch den einzelnen einzuwohnen sich würdigt, nicht größer in der Gesamtheit als in dem einzelnen, weil er sich in der Masse nicht ausdehnt noch durch Teilung verkleinert. Sein Altar ist unser Herz, wenn es zu ihm erhoben ist; durch seinen Eingeborenen als den Priester versöhnen wir ihn; ihm schlachten wir blutige Opfer, wenn wir „bis aufs Blut“4 für seine Wahrheit streiten; ihm entzünden wir das lieblichste Rauchopfer, wenn wir vor seinem Angesicht in frommer und heiliger Liebe entbrennen; ihm weihen wir und erstatten wir zurück seine Gaben in uns und uns selbst; ihm widmen und heiligen wir ein Gedächtnis seiner Wohltaten durch Festfeiern und Begehung bestimmter Tage, damit sich nicht durch die Länge der Zeit undankbare Vergessenheit einschleiche; ihm bringen wir die Opfergabe der Demut und des Lobpreises auf dem Altar des Herzens dar durch das Feuer glühender Liebe. Um ihn zu schauen5 , wie er eben geschaut werden kann, und mit ihm verbunden zu sein, reinigen wir uns von aller Makel der Sünden und der bösen Begierden und heiligen wir uns in seinem Namen. Denn er ist der Quell unserer Glückseligkeit, er das Ziel alles Strebens. Indem wir uns für ihn entscheiden oder vielmehr neuerdings entscheiden [denn durch Gleichgültigkeit hatten wir uns von ihm geschieden] — indem wir uns also für ihn neuerdings entscheiden [so hießen in Ägypten alle Könige], wovon ja auch das Wort Religion sich herleiten soll6 , streben wir zu ihm hin durch Liebe, um durch die Erreichung des Zieles zur Ruhe zu gelangen, glückselig deshalb, weil wir durch dieses Ziel die Vollendung gewinnen. Denn unser Zielgut, über dessen Wesen sich die Philosophen so lebhaft streiten, ist kein anderes, als mit dem verbunden zu sein, der allein durch seine unkörperliche Umarmung, wenn man so sagen kann, die erkennende Seele mit wahren Tugenden begabt und befruchtet. Dieses Gut, so lautet das Gebot7 , sollen wir lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit aller Kraft; zu diesem Gute müssen uns die leiten, die uns lieben, und müssen wir die leiten, die wir lieben. Auf solche Weise werden jene zwei Gebote erfüllt, an denen das ganze Gesetz hängt und die Propheten: „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Gemüte“, und: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Damit nämlich der Mensch sich auf die wahre Selbstliebe verstehen lerne, wurde ihm ein Ziel festgesetzt, auf das er all sein Tun zu beziehen hat, um glückselig zu sein; denn glückselig sein und nichts anderes will jeder, der sich selbst liebt. Das Ziel aber ist, mit Gott verbunden zu sein8 . Wenn nun also an den, der sich auf die wahre Selbstliebe versteht, das Gebot ergeht, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, so kann der Inhalt dieses Gebotes nur der sein, daß er nach Kräften dem Nächsten die Liebe zu Gott ans Herz lege. Das ist Gottesverehrung, das ist wahre Religion, das ist echte Frömmigkeit, das ist der Gott allein geschuldete Dienst. Demnach will jede unsterbliche Gewalt, mag sie mit noch so großer Macht ausgestattet sein, wenn sie uns liebt wie sich selbst, uns zu unserer Glückseligkeit dem untertan wissen, dem sie selbst zu ihrer Glückseligkeit untertan ist. Wenn also eine solche Gewalt Gott nicht verehrt, ist sie unselig, weil sie Gottes verlustig geht; wenn sie dagegen Gott verehrt, so will nicht sie selbst als Gott verehrt werden. Im Gegenteil, dann stimmt sie, ihre ganze Kraft der Liebe einsetzend, jenem göttlichen Ausspruch zu, der da besagt9 : „Wer den Göttern opfert und nicht dem Herrn allein, der soll ausgerottet werden“.

1: Vgl. Röm. 1, 21.
2: Kor. 3, 16.
3: Lev. 26, 11; Matth. 18, 20.
4: Hebr. 12, 4.
5: Vgl. Matth. 5, 8.
6: Cic. de nat. deor. 2, 28.
7: Matth. 22, 37; 39; 40.
8: Vgl. Ps. 72, 28.
9: Exod. 22, 20.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger