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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
10. Buch

16. Soll man in der Angelegenheit der Gewinnung des ewigen Lebens jenen Engeln glauben, die für sich göttliche Verehrung heischen, oder vielmehr denen, die nicht sich, sondern dem einen Gott mit heiliger Hingabe dienstbar zu sein befehlen?

Welchen Engeln soll man also wohl glauben in Dingen, die das glückselige und ewige Leben betreffen? Denen, die mit religiösen Gebräuchen verehrt sein wollen und heiligen Dienst und Opfer von den Sterblichen für sich heischen, oder denen, die all diesen Kult zuwenden wollen und mit wahrer Frömmigkeit zu erweisen befehlen dem einen Gott, dem Schöpfer aller Wesen, durch dessen Anschauung sie selbst glückselig sind und auch wir nach ihrer Verheißung glückselig sein werden? Ist ja dieses Schauen Gottes ein Schauen so großer Schönheit, würdig so großer Liebe, daß Plotinus1 unbedenklich einen jeden, der es entbehrt, mag er sonst Güter aller Art in Hülle und Fülle besitzen, tief unglücklich nennt. Da nun also Engel zur latreutischen Verehrung dieses Einen, und wiederum Engel zur latreutischen Verehrung ihrer selbst durch wunderbare Zeichen auffordern, und zwar mit dem Unterschied, daß jene die Verehrung dieser verwehren, diese dagegen sich nicht getrauen, die Verehrung jenes Einen zu verwehren, so mögen auf die Frage, welchen eher zu glauben sei, die Platoniker antworten oder sonst irgendwelche Philosophen oder die Theurgen, vielmehr Periurgen, ein Name, den all jene Künste weit eher verdienten, oder endlich überhaupt jeder, wofern nur ein Fünkchen des der Menschennatur eigenen Verstandes, der ihr anerschaffenen Vernunft, lebendig ist in ihm; sie mögen antworten, sage ich, ob man jenen Göttern oder Engeln Opfer darbringen soll, die die Opfer für sich verlangen, oder ob man sie darbringen soll jenem Einen, dem zu opfern die befehlen, die verbieten, daß man ihnen selbst und jenen andern opfere. Wenn weder diese einen noch die andern Wunder wirkten, sondern lediglich die einen befehlen würden, daß man ihnen opfere, die andern dagegen dies verbieten und Gott allein zu opfern heißen würden, so müßte schon frommer Sinn klar zu unterscheiden wissen, welches Verhalten von hochmütiger Selbstüberhebung und welches von wahrhaft religiöser Gesinnung eingegeben wäre. Ich gehe noch weiter und sage: wenn ausschließlich die, die für sich Opfer heischen, durch Wundertaten auf die Herzen der Menschen Eindruck machten, jene dagegen, die das verbieten und dem einen Gott allein zu opfern befehlen, keinerlei derartige sichtbare Wunder zu vollbringen sich würdigten, so müßte man, wenn man sich nicht von den Sinnen des Leibes, sondern von der Vernunft des Geistes leiten läßt, gleichwohl unbedenklich die Autorität der letzteren höher stellen. Da nun aber Gott zur nachdrucksamen Empfehlung seiner wahren Aussprüche darauf bedacht war, durch diese unsterblichen Boten, die nicht ihren eigenen Dünkel, sondern seine Majestät verkünden, größere, sicherere und deutlichere Wunder zu wirken, damit nicht jene andern, die für sich Opfer heischen, fromme, aber schwache Seelen dadurch, daß sie deren Sinnen allerlei Wunderbares vorführen, allzu leicht für eine falsche Religion gewännen, wer sollte da noch töricht genug sein, sich nicht für die Wahrheit zu entscheiden, wenn er doch bei ihr zugleich auch die höheren Wunder findet?

Denn die Wunder der heidnischen Götter, die die Geschichte rühmt [ich meine da nicht seltsame Vorkommnisse, wie sie sich mitunter zutragen aus natürlichen, aber geheimen Ursachen, die jedoch der göttlichen Vorsehung unterstehen und von ihr angeordnet sind, wie z. B. merkwürdige Geburten oder ungewöhnliche Erscheinungen am Himmel oder auf Erden, solche, die bloß Schrecken einflößen, oder auch verderbenbringende, Vorkommnisse, die nach der schlauen und trügerischen Versicherung der Dämonen durch Opfer zu ihren Ehren abgewendet und gemildert würden; sondern ich meine solche Wunder, die sich offenkundig durch ihre Kraft und Macht zutragen, wie z. B., daß die aus Troja von Äneas auf der Flucht herübergebrachten Bilder der Penatengötter von Ort zu Ort gewandert sein sollen, daß Tarquinius mit dem Messer einen Wetzstein durchschnitt, daß die epidaurische Schlange dem Äskulap auf seiner Fahrt nach Rom getreulich folgte, daß das Schiff, welches das Bild der phrygischen Mutter trug, sich den größten Anstrengungen von Menschen und Zugtieren gegenüber unbeweglich verhielt, dagegen von einem schwachen Weib an ihrem Gürtel zum Zeugnis ihrer Keuschheit gezogen und von der Stelle bewegt wurde, daß eine vestalische Jungfrau, deren Verführung vermutet wurde, den Zweifel dadurch löste, daß sie Wasser aus dem Tiber in ein Sieb faßte, ohne daß es durchrann] —, derlei wunderbare Begebenheiten also darf man an Kraft und Bedeutung durchaus nicht auf gleiche Stufe stellen mit dem, was sich beim Volke Gottes zutrug; noch viel weniger natürlich Dinge, die selbst bei den Völkern, die solche Götter verehrten, gesetzlich verboten und unter Strafe gestellt worden sind, nämlich magische und theurgische Künste, die zumeist nur äußerlich die Sinne des Menschen durch phantastische Vorgaukelung irre führen, als da ist den Mond herabziehen, „bis er“, wie Lucanus sagt2 , „nahe genug ist, seine Gewalt auszuschäumen über die untergebreiteten Kräuter“. Manche andere Wunder allerdings scheinen ja hinsichtlich der Leistung mit manchen Taten von Frommen auf gleicher Stufe zu stehen, aber sie stehen unendlich weit unter unsern Wundern hinsichtlich des Zweckes, woran man sie auch unterscheidet. Denn durch sie heischen die vielen Verehrung durch Opfer, die sie doch um so weniger verdienen, je mehr sie sie heischen; dagegen durch die Wunder auf unserer Seite wird die Verehrung des einen Gottes ans Herz gelegt, der solcher Opfer nicht bedarf, wie er durch das Zeugnis seiner Schrift und durch die nachmalige Beseitigung der Opfer dartut. Wenn also Engel für sich Opfer heischen, so sind über sie zu stellen die, welche nicht für sich, sondern für Gott, den Schöpfer aller Wesen, dem sie dienen, das Opfer heischen. Denn dadurch zeigen sie, wie aufrichtig sie uns lieben, daß sie mittels des Opfers uns nicht sich selbst, sondern dem ergeben wissen wollen, durch dessen Anschauung sie selbst glückselig sind, und uns mit dem vereinigt wissen wollen, von dem sie sich nie getrennt haben. Aber auch wenn Engel, welche vielen statt dem Einen Opfer dargebracht haben wollen, dies nicht für sich, sondern für die Götter verlangen, deren Engel sie sind, auch dann müßte man denen den Vorzug geben, die Engel des einen Gottes der Götter sind, dem sie zu opfern heißen unter Ausschluß jedes andern, während von jenen keiner dem zu opfern verbietet, dem ausschließlich zu opfern diese heißen. Wenn nun also die, welche nicht den einen, alleinigen und höchsten Gott, sondern sich selbst durch Opfer verehrt wissen wollen, weder gute Engel noch Engel guter Götter, sondern böse Dämonen sind, worauf ihre hochmütige Trugsucht eher hinweist, so bleibt nichts übrig, als sich wider sie in den mächtigen Schutz des einen Gottes zu begeben, dem gute Engel dienen, die von uns nicht für sich, sondern für den den Opferdienst heischen, dessen Opfer wir selbst sein müssen.

1: Enn. 1, 6, 7.
2: Phars. 6, 506.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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