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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
9. Buch

5. Die Affekte, die dem christlichen Gemüt zusetzen, reißen es nicht zum Bösen hin, sondern dienen zur Übung in der Tugend.

Es ist hier nicht nötig, ausführlich und eingehend zu zeigen, was die göttliche Schrift, die die Unterweisung der Christen enthält, über diese Affekte lehrt. Unterstellt sie doch der Gottheit den Geist selbst zur Leitung und Stärkung, und dem Geist die Affekte zur Mäßigung und Zügelung, so daß sie zur Ausübung der Gerechtigkeit dienen müssen. Auch handelt es sich in der christlichen Anschauung nicht so fast um die Frage, ob frommer Sinn überhaupt zürne, sondern weshalb er zürne; oder ob er überhaupt traurig sei, sondern warum er traurig sei; oder ob er sich überhaupt fürchte, sondern was er fürchte. Könnte es wohl auch jemand bei vernünftiger Überlegung tadeln, wenn man dem Sünder zürnt, damit er sich bessere, mit dem Bedrängten trauert, um ihn zu befreien, für den Gefährdeten fürchtet, damit er nicht zugrunde gehe? Freilich, bei den Stoikern ist es üblich, auch das Erbarmen zu mißbilligen; aber weit edler wäre es für jenen Stoiker gewesen, wenn er sich, statt aus Furcht vor dem Schiffbruch, aus Erbarmen mit dem in Not befindlichen Menschen aufgeregt hätte. Viel besser und menschlicher und mildem Empfinden angemessener ist, was Cicero zum Lobe Cäsars sagt1 : „Keine von deinen Tugenden ist so bewundernswert und liebenswürdig wie dein Erbarmen.“ Und was ist das Erbarmen anderes als eine Art von Mitleiden, das unser Herz ergreift fremdem Elend gegenüber und uns doch wohl antreibt, zu helfen, wenn wir können? Diese Regung erscheint dann der Vernunft untergeordnet, wenn das Erbarmen in der Weise betätigt wird, daß die Gerechtigkeit bewahrt bleibt, gleichviel ob man einem Dürftigen mitteilt oder einem Reuigen verzeiht. Ein solches Erbarmen hat der ausgezeichnete Redner Cicero unbedenklich als eine Tugend bezeichnet, während die Stoiker es ungescheut zu den Gebrechen zählen und andrerseits doch wieder, wie das Buch Epiktets, des berühmten Stoikers, im Anschluß an die Lehrmeinungen des Zenon und Chrysippos, der Gründer dieser Schule, lehrt, derartige Affekte im Gemüt des Weisen, der nach ihnen von allen Gebrechen frei sein soll, Eingang finden lassen. Daraus muß man doch schließen, daß sie die Affekte nicht für Gebrechen halten, wofern sie dem Weisen derart zustoßen, daß sie wider die Tugend des Geistes und die Vernunft nichts vermögen, und daß demnach die Stoiker der gleichen Ansicht sind wie die Peripatetiker oder auch die Platoniker und nur eben, wie Tullius sagt2 , die Sucht, um Worte zu streiten, schon lange die Schulweisen plagt, denen das Streiten wichtiger ist als die Wahrheit. Doch könnte man mit Recht die Frage aufwerfen, ob es nur der Unvollkommenheit des irdischen Lebens eigen sei, auch bei allen guten Verrichtungen solche Affekte zu erleiden, und ob dagegen die heiligen Engel ohne Zorn die Strafe vollziehen an denen, die ihnen durch Gottes ewige Bestimmung zur Bestrafung überwiesen werden, ob sie den Elenden ohne Mitgefühl für das Elend beispringen, ob sie ihren Freunden, wenn sie gefährdet sind, ohne Furcht zu Hilfe eilen, so daß man also bei ihnen in menschlicher Ausdrucksweise von solchen Affekten nur wegen einer gewissen Analogie des Eingreifens, nicht wegen einer in Affekten sich äußernden Schwäche spricht, wie es von Gott selbst in der Heiligen Schrift heißt, daß er zürnt, während er doch nicht von irgend einem Affekte erregt wird. Denn das Wort Zorn ist hier gebraucht im Hinblick auf die Wirkung, die in einer Strafe besteht, nicht mit Beziehung auf den stürmischen Affekt, den es bezeichnet.

1: Or. pro Q. Ligario c. 12, 37.
2: Cic. De orat. 1,11, 47.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger