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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
9. Buch

16. War es nun vernünftig von den Platonikern, zu lehren, daß die Götter im Himmel der Berührung mit dem Irdischen aus dem Wege gehen und deshalb sich mit den Menschen nicht einlassen, daß es vielmehr des Beistandes der Dämonen bedürfe, um die Gunst der Götter zu erlangen?

Es ist nämlich nicht wahr, was der Platoniker Apuleius dem Plato in den Mund legt: „Kein Gott tritt in Beziehung zu einem Menschen“1 ; und das sei, meint er, das hervorstechendste Merkmal ihrer Erhabenheit, daß sie durch keinerlei Berührung mit den Menschen befleckt werden. Damit gibt er zu, daß die Dämonen befleckt werden, und sonach vermögen sie die, von denen sie befleckt werden, nicht zu reinigen, und es werden die einen wie die andern unrein, die Dämonen durch die Berührung mit den Menschen und die Menschen durch die Verehrung der Dämonen. Oder aber die Dämonen sind, wenn sie mit den Menschen in Berührung und Beziehung treten können, ohne befleckt zu werden, unabweislich vorzüglichere Wesen als die Götter, da diese befleckt würden, wenn sie in Beziehung träten. Denn das wird als Charakteristiken der Götter bezeichnet, daß die Berührung mit Menschen sie in ihrer erdenfernen Erhabenheit nicht beflecken könne. Plato rühmt zwar nach der Versicherung des Apuleius den höchsten Gott, den Schöpfer des Alls, den wir den wahren Gott nennen, in dem Sinne, daß er allein es sei, der bei der Armseligkeit der menschlichen Sprache durch keinerlei Worte auch nur einigermaßen geschildert werden könne; selbst den Weisen, wenn sie sich durch die Kraft des Geistes möglichst vom Leibe losgemacht haben, leuchte das Verständnis dieses Gottes kaum auf, höchstens zuweilen auf Momente, wie ein glänzendes Licht aus tiefster Finsternis mit blitzschnellem Scheine aufleuchtet und wieder verschwindet. Wenn nun aber der über alles erhabene, wahrhaft höchste Gott mit erkennbarer und unaussprechlicher Gegenwart, wenn auch nur zuweilen, wenn auch nur wie ein glänzendes Licht, das blitzschnell aufleuchtet und wieder verschwindet, aber doch eben wirklich dem Geiste der Weisen nahe ist, so sie sich möglichst vom Leibe losgemacht haben, ohne daß er von ihnen befleckt werden könnte, was soll man dann dazu sagen, daß diese Götter deshalb hoch oben an erhabener Stätte ihren Platz erhalten, damit sie nicht durch Berührung mit den Menschen befleckt werden? Als ob die Berührung nicht schon durch das Schauen hergestellt würde und wir jene ätherischen Körper nicht schauten, durch deren Licht die Erde zur Genüge erhellt wird! Wenn nun durch das Schauen die Gestirne nicht befleckt werden, die er lauter sichtbare Götter nennt, so werden auch die Dämonen durch den Blick der Menschen nicht befleckt, obwohl man sie aus der nächsten Nähe schaut. Oder sollten die Götter, die durch das Schauen mit den Augen nicht befleckt werden, etwa durch die menschliche Stimme befleckt werden und brauchen sie demnach die Dämonen als Mittler und Überbringer der Gespräche der Menschen, von denen sie weit weg sind, damit sie ihre Unbeflecktheit voll aufrecht erhalten? Und was soll ich erst von den übrigen Sinnen sagen? Durch Riechen könnten doch die Götter nicht befleckt werden, wenn sie da wären, noch können auf diesem Wege die Dämonen, wenn sie da sind, durch die Ausdünstung lebender menschlicher Leiber befleckt werden, wenn sie durch den gewaltigen Kadaverbrodem der Opfer nicht befleckt werden. Was aber den Geschmacksinn betrifft, so drängt sie kein Bedürfnis, einen sterblichen Leib zu erquicken, dazu, daß sie, von Hunger getrieben, Nahrung von den Menschen heischten. Den Tastsinn endlich hat man in seiner freien Gewalt. Denn wenn man auch von Berührung hauptsächlich mit Bezug auf den Tastsinn spricht, so würden die Dämonen, wenn sie wollten, doch nur insofern mit den Menschen in Berührung kommen, als sie sähen und gesehen würden, hörten und gehört würden. Dagegen liegt keine Notwendigkeit vor, den Tastsinn zu betätigen. Denn das würden die Menschen nicht zu begehren wagen, zufrieden, wenn sie nur des Anblicks und der Zwiesprache der Götter und der guten Dämonen genössen; und selbst wenn sie in ihrer Neugier so weit gingen, so kann man ja nicht einmal einen Sperling betasten, ohne ihn zuerst gefangen zu haben, geschweige denn einen Gott oder einen Dämon wider dessen Willen. Demnach könnten die Götter immerhin in der Weise mit den Menschen körperlich in Beziehung treten, daß sie schauen und sich sehen lassen, daß sie sprechen und hören. Wenn, wie erwähnt, die Dämonen auf solche Weise Beziehungen unterhalten, ohne befleckt zu werden, während die Götter befleckt würden, wenn sie solche Beziehungen unterhielten, so heißt dies nicht weniger, als die Dämonen für erhaben über die Möglichkeit einer Befleckung und die Götter für zugänglich einer Befleckung erklären. Wenn aber die Dämonen ebenfalls befleckt werden, was nützen sie dann den Menschen zu einem seligen Leben nach dem Tode, da sie sie, selbst befleckt, nicht zu reinigen vermögen, um sie in gereinigtem Zustand mit den unbefleckten Göttern in Verbindung zu bringen, zu denen sie Mittler für die Menschen sind? Wozu frommt den Menschen überhaupt die freundschaftliche Vermittlung der Dämonen, wenn diese ihnen gerade diese Wohltat nicht erweisen? Etwa dazu, daß die Menschen durch die Vermittlung der Dämonen nach dem Tode nicht zu den Göttern übergehen, sondern wie die Dämonen befleckt weiter leben, sowenig glückselig wie sie? Man müßte nur annehmen, daß die Dämonen ihres Reinigungsamtes gegenüber ihren Freunden walten nach Art der Toilettenschwämme und ähnlicher Reinigungsmittel, so daß sie also um so schmutziger werden, je sauberer die Menschen durch deren Reinigungsarbeit werden. Dann haben es aber die Götter schon mit recht schmutzigen Dämonen zu tun, sie, die der Nähe der Menschen und der Berührung mit ihnen aus dem Wege gehen, um nicht befleckt zu werden. Oder vermögen die Götter zwar die von den Menschen befleckten Dämonen zu reinigen, ohne von ihnen befleckt zu werden, die Menschen aber nicht auch? So etwas kann doch nur einer glauben, den die trugvollen Dämonen angeführt haben. Und wenn sehen und gesehen werden befleckt, so werden ja sogar die Götter, die Apuleius die sichtbaren nennt, „die hellstrahlenden Leuchten der Welt“2 und die übrigen Gestirne, von den Menschen gesehen und sind die Dämonen vor dieser Art von Befleckung durch die Menschen sicherer, da sie nur gesehen werden können, wenn sie wollen! Oder wenn gesehen werden nicht befleckt, sondern nur sehen, so soll man einmal beweisen, daß von diesen hellstrahlenden Leuchten der Welt, die sie für Götter halten, nicht auch die Menschen gesehen werden, da sie doch ihre Strahlen bis zur Erde herabsenden. Allein diese ihre Strahlen werden nicht befleckt, wenn sie sich auch über alles mögliche Unreine ergießen, aber die Götter würden befleckt, wenn sie mit den Menschen in Berührung kämen, und wäre es auch nur eine Berührung, die eine Hilfe ermöglichte. Denn das ist nun doch einmal Tatsache, daß die Erde von den Strahlen der Sonne und des Mondes berührt und daß dieses Licht von der Erde nicht befleckt wird.

1: Vgl. oben VIII 18.
2: Verg. Georg. 1, 5 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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