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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
9. Buch

15. Der wahre Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus.

Wenn dagegen alle Menschen, solang sie sterblich sind, notwendig auch unselig sind — eine Ansicht, die sich mit viel größerer Glaubwürdigkeit und Wahrscheinlichkeit vertreten läßt —, so muß man sich nach einem Mittelwesen umsehen, das nicht nur Mensch, sondern auch Gott ist, damit die glückselige Sterblichkeit dieses Mittelwesens durch ihre Dazwischenkunft die Menschen aus der sterblichen Unseligkeit zur seligen Unsterblichkeit führe; ein solches Mittelwesen hatte es nicht nötig, weder sterblich zu werden, noch sterblich zu bleiben. Denn wenn es sterblich wurde, geschah es nicht deshalb, weil die Gottheit des Wortes schwach geworden wäre, sondern weil es die Schwachheit des Fleisches annahm; nicht aber blieb es sterblich in eben dem Fleische, das es von den Toten erweckt hat; denn das ist die Frucht seiner Vermittlung, daß auch die, derentwegen er Vermittler geworden ist, nicht im ewigen Tode auch nur des Fleisches verbleiben sollten. Demnach mußte dem Mittler zwischen uns und Gott einerseits eine vorübergehende Sterblichkeit, andrerseits eine fortdauernde Glückseligkeit eignen, damit er sich durch das, was vorübergeht, den Todverfallenen angleiche und zu dem, was fortdauert, aus dem Tode hinüberführe. Die guten Engel können also zwischen unseligen Sterblichen und seligen Unsterblichen nicht Mittelwesen sein, weil auch sie sowohl selig als unsterblich sind; wohl aber können solche Mittelwesen die bösen Engel sein, weil sie mit dem einen Teil die Unsterblichkeit und mit dem andern die Unseligkeit gemein haben. Ihnen steht gegenüber der gute Mittler, der im Gegensatz zu ihrer Unsterblichkeit und Unseligkeit einerseits vorübergehend sterblich sein wollte, andrerseits in Ewigkeit glückselig verharren konnte; und so hat er sie sowohl im Hochmut ihrer Unsterblichkeit als auch in der Bosheit ihrer Unseligkeit bei dem Streben, durch Großtun mit ihrer Unsterblichkeit zur Unseligkeit zu verführen, durch seine Erniedrigung im Tode und durch seine Herablassung aus der Seligkeit zunichte gemacht in denen, deren Herzen er durch seinen Glauben gereinigt und von ihrer ausbündig unreinen Herrschaft befreit hat.

Wen soll also der sterbliche und unselige Mensch, in weitem Abstand getrennt von den Unsterblichen und Seligen, als Mittelwesen erwählen, durch das er mit der Ewigkeit und Glückseligkeit verbunden werden könnte? Was an den Dämonen anziehen könnte, ihre Unsterblichkeit, ist unselig; was bei Christus Anstoß erregen könnte, seine Sterblichkeit, hat sein Ende erreicht. Auf der einen Seite also ewigwährende Unseligkeit, vor der man sich zu hüten hat, auf der andern Seite der Tod, den man aber nicht zu fürchten braucht, weil er sich nicht für die Dauer zu behaupten vermochte, und ewigwährende Glückseligkeit, die man lieben muß. Der unsterbliche und zugleich unselige Mittler bietet sich ja doch nur mit dem Erfolg an, die Menschen nicht zu einer seligen Unsterblichkeit gelangen zu lassen, weil das Hindernis einer solchen bestehen bleibt, nämlich eben die Unseligkeit; dagegen bot sich der sterbliche und glückselige Mittler mit dem Erfolg an, nach Ablauf der sterblichen Frist einerseits aus den Gestorbenen Unsterbliche zu machen, eine Verwandlung, die er an sich selber in der Auferstehung vor Augen geführt hat, andrerseits aus Unseligen Glückselige, aus deren Reihen er selbst niemals herausgetreten ist. Es ist also ein gewaltiger Unterschied zwischen einem bösen Mittler, der die Freunde trennt, und dem guten Mittler, der die Feinde versöhnt. Und eine Menge von trennenden Mittlern gibt es deshalb, weil die Menge, die selig ist, durch Anteilnahme an dem einzigen Gott glückselig wird; um diese Anteilnahme gekommen und dadurch unselig geworden, erweist sich die Menge der bösen Engel, die sich der Erlangung der Glückseligkeit als Hindernis entgegenstemmt, nicht als Hilfsmacht sich darbietet, gewissermaßen auch eben durch ihre große Zahl hinderlich für die Erreichung des einen beseligenden Gutes, da wir hierzu nicht einer Mehrheit von Mittlern, sondern nur eines einzigen Mittlers bedurften, und zwar eben dessen, durch dessen Gemeinschaft wir glückselig sein sollten, d. i. des Wortes Gottes, das nicht geworden ist, und durch das Alles geworden ist1 . Dieses ist jedoch nicht deshalb Mittler, weil es das Wort ist; denn das im erhabensten Sinne unsterbliche und glückselige Wort steht hoch über den unseligen Sterblichen; sondern Mittler ist es dadurch, daß es Mensch ist, indem es eben dadurch zu verstehen gab, daß man zu jenem nicht nur glückseligen, sondern auch beseligenden Gute hin keine anderen Mittler aufzusuchen brauche in der Meinung, sie müßten uns die Stufen dahin bahnen, da der glückselige und beseligende Gott, unserer Menschheit teilhaftig geworden, den kürzesten Weg zugänglich machte, seiner Gottheit teilhaftig zu werden. Denn seine Erlösung von Tod und Unseligkeit hebt uns nicht zu den unsterblichen und seligen Engeln empor in dem Sinne, daß wir durch Gemeinschaft mit ihnen unsterblich und selig würden, sondern zu jener Dreifaltigkeit, durch deren Gemeinschaft auch die Engel selig sind. Also blieb er, da er, um Mittler zu sein, in Knechtsgestalt2 unter den Engeln stehen wollte, in Gottesgestalt über den Engeln; in einer Person hier unten der Weg des Lebens, dort oben das Leben.

1: Vgl. Joh. 1, 3.
2: Phil. 2, 7.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger