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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
8. Buch

23. Die Ansicht des Hermes Trismegistus über die Bilderanbetung und seine Quelle, aus der er den Untergang des Aberglaubens der Ägypter erfuhr.

Denn der Ägypter Hermes, den man Trismegistus1 zubenennt, hat über die Dämonen anders geurteilt und geschrieben. Nach Apuleius nämlich sind sie allerdings nicht Götter; aber da er sie zwischen den Göttern und den Menschen in der Weise sozusagen in der Mitte schweben läßt, daß sie den Menschen in ihren Beziehungen zu den Göttern unentbehrlich erscheinen, so ist bei ihm ihr Kult mit der Verehrung der Götter unzertrennlich verbunden. Dagegen jener Ägypter läßt sich dahin vernehmen, daß die einen Götter vom höchsten Gott, andere von Menschen gemacht worden seien. Wenn man das so hört, wie es da steht, möchte man zunächst meinen, es sei von Götterbildnissen die Rede, weil diese „Werke der Menschenhand“2 sind; indes bezeichnet Hermes die sichtbaren und greifbaren Bildnisse wenigstens als eine Art Leiber der Götter; in ihnen hätten auf Einladung hin gewisse Geister Wohnung genommen, die nicht ohne Macht seien, entweder zu schaden oder einige Wünsche derer zu erfüllen, die ihnen göttliche Ehren und die Huldigung des Kultus erweisen. Diese unsichtbaren Geister nun durch gewisse Mittel an sichtbare Gegenstände materieller Art zu binden, sodaß die ihnen geweihten und unterstellten Bilder gleichsam beseelte Körper seien, das nennt er Götter machen und diese große und staunenswerte Gewalt, Götter zu machen, hätten die Menschen erhalten. Ich will die betreffende Stelle aus Hermes ihrem Wortlaut nach anführen, wie sie in der Übertragung in unsere Sprache lautet: „Und da wir gerade von der Verwandtschaft und Gemeinschaft zwischen Göttern und Menschen reden, so höre, Asklepius, welche Macht und Gewalt der Mensch hierin hat. Wie der Herr und Vater oder, was das höchste ist, Gott der Schöpfer der himmlischen Götter ist, so ist der Mensch der Bildner der Götter, die sich in den Tempeln in unmittelbarer Nähe der Menschen befinden“. Und kurz darauf sagt er: „So sehr bleibt sich die Menschheit, stets eingedenk ihrer Natur und ihres Ursprungs, in der Nachahmung der Gottheit getreu, daß sie, wie der Vater und Herr nach seinem Bilde ewige Götter geschaffen hat, ihre Götter ähnlich ihrem eigenen Aussehen bildete“. Als ihm hier Asklepius, an den er sich vornehmlich wandte, erwiderte: „Du meinst wohl die Statuen, Trismegistus?“ fuhr er fort: „Freilich, die Statuen meine ich; du siehst, daß auch du Zweifel hegst; die beseelten Statuen voll Empfindung und Geist, die so Großes und Wunderbares wirken, die Statuen, kundig des Zukünftigen und es durch das Los, durch den Seher, in Träumen und sonst auf vielerlei Weise verkündend, die den Menschen Krankheiten erregen und heilen, Leid und Freud je nach Verdienst. Weißt du nicht, Asklepius, daß Ägypten ein Abbild des Himmels ist oder, richtiger gesagt, eine Übertragung und ein Herabsteigen alles dessen, was im Himmel geleitet wird und geschieht? Und wenn ich mich genauer ausdrücken soll, so ist unser Land ein Tempel der ganzen Welt. Und doch dürft ihr, weil der Weise alles vorherwissen soll, darüber nicht in Unkenntnis sein: Es wird die Zeit kommen, da es offenbar wird, daß die Ägypter unnützer Weise frommen Sinnes in eifriger Verehrung an der Gottheit festhielten.“

Darauf führt Hermes weitläufig diese Worte aus, worin er die Zeit vorherzusagen scheint, da die christliche Religion mit der Entschiedenheit und Freiheit, die eben ihrer Wahrhaftigkeit und Heiligkeit entspricht, all die trügerischen Gebilde über den Haufen wirft, damit die Gnade des einzig wahren Erlösers den Menschen von den Göttern befreie, die der Mensch geschaffen hat, und ihn dem Gott unterwürfig mache, von dem der Mensch geschaffen worden ist. Indes spricht Hermes bei dieser seiner Voraussage wie einer, der an solchen Blendwerken der Dämonen hängt, und er nennt auch dabei das Christentum nicht ausdrücklich, sondern sozusagen mit trauernder Miene gibt er Zeugnis davon und beklagt das Kommende in dem Sinne, als ob dadurch ein Gebrauch beseitigt und vernichtet werden solle, durch dessen Beobachtung das himmlische Abbild in Ägypten bewahrt wurde. Er gehört auch zu denen3 , über die der Apostel4 sagt, daß sie, „obgleich sie Gott erkannten, ihn doch nicht als Gott verherrlicht noch ihm gedankt haben, sondern sie wurden eitel in ihren Gedanken und ihr unverständiges Herz ward verfinstert; sie gaben sich nämlich für Weise aus, sind aber zu Toren geworden und verwandelten die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in das Bild und Gleichnis des vergänglichen Menschen“, und was weiter folgt, hier aber anzuführen zu weitläufig wäre. Er bringt ja in der Tat über den einen wahren Gott und Weltschöpfer vieles vor, was der Wahrheit entspricht; und irgendwie verfällt er dann durch die angedeutete Verfinsterung des Herzens auf jene Ideen und meint nun, die Menschen sollten sich den Göttern, die nach seinem eigenen Eingeständnis von Menschen gemacht werden, für immer ergeben, und beklagt die künftige Beseitigung dieses Zustandes, als ob es überhaupt etwas Unseligeres geben könnte als einen Menschen, über den seine eigenen Gebilde einen beherrschenden Einfluß ausüben; da wäre doch eher noch denkbar, daß der Mensch bei der Verehrung von Gegenständen als Göttern, die er selbst gemacht hat, nicht mehr Mensch sei, als daß durch seine Verehrung Gegenstände Götter sein könnten, die der Mensch gemacht hat. Denn leichter kommt es vor, daß ,,ein Mensch, der in Ehren steht und es nicht bedenkt, den Tieren gleiche“5 , als daß dem nach Gottes Ebenbild erschaffenen Werke Gottes d. i. dem Menschen das Werk eines Menschen überzuordnen wäre. Mit Recht also kommt der Mensch dem ferne, der ihn geschaffen, wenn er sich überordnet, was er selbst geschaffen.

Mit Trauer erfüllte es Hermes, eine Zeit kommen zu sehen, da diese nichtigen, irreführenden, verderblichen und gotteslästerlichen Gebilde beseitigt würden; aber seine Trauer war ebenso unangebracht wie sein Sehen unerleuchtet. Denn ihm hatte dies nicht der heilige Geist geoffenbart, wie den heiligen Propheten, die es so kommen sahen und frohlockend ausriefen: „Wird der Mensch Götter machen, und siehe, sie sind doch keine Götter“6 ; und an einer anderen Stelle: „Es wird geschehen an jenem Tage, spricht der Herr, da werde ich die Namen der Götzen ausrotten aus dem Lande und man wird ihrer nicht mehr gedenken“7 ; und speziell von Ägypten weissagt mit Bezug hierauf der heilige Esaias8 : „Und es werden beben die Werke der Menschenhände in Ägypten vor seinem Antlitz und ihr Herz wird erliegen in ihrer Brust“, und anderes der Art. Zu dieser erleuchteten Schar gehörten auch jene, die sich freuten über die Erfüllung dessen, was kommen sollte, wie sie wußten, ein Symeon9 , eine Anna10 , die im Geiste Jesus erkannten alsbald nach seiner Geburt; eine Elisabeth11 , die ihn noch im Mutterschoße erkannte; ein Petrus12 , da er auf Offenbarung des Vaters hin sprach: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“. Jenem Ägypter aber verrieten dieselben Geister ihr bevorstehendes Verderben, die ebenso zu dem im Fleische gegenwärtigen Herrn zitternd sagten: „Was bist du gekommen, uns vor der Zeit zu verderben?“13 sei es, daß ihnen das zu plötzlich kam, was sie zwar erwarteten, aber doch erst später, oder daß sie als ihr Verderben die Verachtung bezeichneten, die auf ihre Entlarvung folgen mußte, und daß dies eintrat „vor der Zeit“, d. i. vor der Zeit des Gerichtes, da sie mit ewiger Verdammnis bestraft werden sollen mitsamt allen Menschen, die in Gemeinschaft mit ihnen verweilen, wie die Religion spricht, die nicht irre führt und nicht irre geht, so ganz anders als Hermes, der sozusagen „von jedem Wind der Lehre“14 bald von der bald von der andern Seite angeblasen und Wahres mit Falschem mischend scheinbar den Untergang einer Religion beklagt, die er hinterher selbst als einen Irrtum bezeichnet.

1: „Die Schriften des angeblichen Hermes Trismegistus stammen in ihrer jetzigen Gestalt aus dem Ende des 3. Jahrhunderts nach Christus“ [Ueberweg, Grdr. d. Gesch. d. Philos. l10, 826], sind aber in ihrem Grundstock älter und galten jener Zeit als vorchristlich.
2: Ps. 113, l2.
3: Vgl. oben VIII 10.
4: Röm. 1, 21-23.
5: Ps. 48, 13.
6: Jerem. 16, 20.
7: Zach. 13, 2.
8: 19, 1.
9: Lk. 2, 25 ff.
10: Lk. 2, 36-38.
11: Lk. 1, 41 ff.
12: Mt. 16, 16.
13: Mt. 8, 29.
14: Eph. 4, 14.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger