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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
8. Buch

3. Die sokratische Schule.

Sokrates zuerst hat, so wird hervorgehoben, der gesamten Philosophie die Richtung auf Besserung und Regelung der Sitten gegeben, während die früheren Philosophien alle hauptsächlich der Erforschung der physischen d. i. der natürlichen Dinge ihr Augenmerk zugewendet hatten. Dabei muß es meines Erachtens dahingestellt bleiben, ob sich Sokrates durch die Dunkelheit und Unsicherheit des bisherigen Forschungsobjektes bestimmen ließ, sich davon ab- und der Gewinnung klarer und sicherer Ergebnisse zuzuwenden, die die notwendigen Vorbedingungen eines glücklichen Lebens darlegen sollten, das ja wohl ohnehin allein Ziel und Zweck all der eifrigen philosophischen Spekulationen gewesen ist, oder ob er, wie jemand noch mehr zu seinen Gunsten annimmt, vermieden wissen wollte, daß sich ein durch irdische Leidenschaften befleckter Geist an das Göttliche heranwage. Denn die Erfahrung zeigte ihm, daß sich in der Tat solche Geister an die Erforschung der Ursachen der Dinge machten, während doch die letzten und höchsten Ursachen nach seiner Überzeugung nur im Willen des einen höchsten Gottes gelegen sein können; diese könne man daher nur mit gereinigtem Geiste erfassen; und deshalb müsse man auf Reinigung des Wandels durch gute Sitten Bedacht nehmen, damit sich der Geist, befreit von den darniederdrückenden Leidenschaften, mit der ihm naturgemäßen Frische zum Ewigen erhebe und das Wesen des unkörperlichen und unwandelbaren Lichtes, worin die Ursachen aller geschaffenen Wesen unveränderlich leben, mit gereinigter Erkenntnis schaue. Sicher ist, daß er die unwissenden Toren, die sich einbildeten, sie wüßten etwas gerade in moralischen Fragen, auf die er sich, wie es scheint, mit ganzer Seele verlegt hatte, durch das Eingeständnis seiner eigenen Unwissenheit oder durch Hintanhalten mit dem eigenen Wissen in eigenartig anmutiger Unterredungsweise und mit äußerst scharfsinnigem Witz in die Enge trieb und zuschanden machte. Dadurch erweckte er jedoch auch Feindschaft und er wurde auf verleumderische Anschuldigung hin verurteilt und mit dem Tode bestraft. Allein dieselbe Bürgerschaft von Athen, die ihn öffentlich verurteilt hatte, widmete ihm nachmals öffentliche Trauer und wandte sich wider seine zwei Ankläger mit so allgemeinem Unwillen, daß der eine davon der Wut der Menge erlag, während der andere nur durch freiwillige, lebenslängliche Verbannung einem ähnlichen Schicksal entging. Infolge des ausgezeichneten Rufes nun, der das Leben und den Tod des Sokrates verklärte, hinterließ er eine sehr große Zahl von Anhängern seiner Philosophie und sie wetteiferten in der hingebenden Erörterung moralphilosophischer Fragen, wobei es sich um das höchste Gut handelt, durch das der Mensch glückselig werden kann. Da hierüber aus den Unterredungen des Sokrates keine völlige Klarheit zu gewinnen war, weil er überall nur anregt, verficht und wieder umstößt, so entnahm daraus jeder das, was ihm zusagte, und jeder stellte als Zielgut das auf, was ihm gelegen war. Als Zielgut aber bezeichnet man das, wodurch einer glückselig ist, wenn er dazu gelangt. Die Sokratiker hatten jedoch über das Zielgut so weit auseinander gehende Ansichten, daß die einen [man sollte eine solche Diskrepanz unter Anhängern eines einzigen Meisters nicht für möglich halten] als das höchste Gut die Lust bezeichneten, wie Aristippus, die andern die Tugend, wie Antisthenes. Und so haben andere wieder andere Anschauungen vertreten, die zu erwähnen zu weit führen würde.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger