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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
7. Buch

9. Jupiters Macht. Vergleich zwischen Jupiter und Janus.

Nun sollen sie uns auch auseinandersetzen, was sie unter Jovis, der auch Jupiter heißt, verstanden wissen wollen. „Er ist der Gott“, sagt man, „der Macht hat über die Ursachen, aus denen etwas geschieht in der Welt“. Ein bedeutsames Amt, wie das allbekannte Wort Vergils1 bezeugt:

„Glücklich, wer es vermocht, zu erkennen die Gründe der Dinge“.

Aber warum wird ihm Janus vorangestellt? Darüber möge uns jener scharfsinnigste und hochgelehrte Mann Aufschluß geben. Er sagt: „Weil bei Janus das Erste steht, bei Jovis das Höchste. Mit Recht gilt darum Jupiter als der König aller. Denn das Erste wird vom Höchsten übertroffen, weil das Höchste überlegen ist an Würde, wenn auch das Erste zeitlich vorangeht.“ Allein dies hätte allerdings seine Richtigkeit, wenn bei dieser Unterscheidung zwischen dem Ersten und dem Höchsten verschiedene Stadien von Handlungen in Betracht kämen; wie es zum Beispiel der Anfang einer Handlung ist, abzureisen, das Höchste, anzukommen, oder wie der Beginn des Lernens der Anfang einer Handlung ist und die Kenntnis einer Wissenschaft das Höchste; und so ist bei allem das Erste der Anfang, das Höchste das Ziel. Jedoch diese Angelegenheit ist bereits zwischen Janus und Terminus abgetan. Die Ursachen dagegen, die dem Jupiter zugeschrieben werden, sind etwas Bewirkendes, nicht etwas Bewirktes; und es ist ganz unmöglich, daß ihnen auch nur zeitlich die Handlungen oder die Anfänge der Handlungen vorangehen. Denn stets ist das, was bewirkt, früher als das, was bewirkt wird. Wenn also die Anfänge der Handlungen dem Janus zustehen, so sind sie deshalb nicht früher da als die bewirkenden Ursachen, die man dem Jupiter zuschreibt. Denn ohne vorgängige Wirkursache geschieht nicht bloß nichts, sondern nimmt auch kein Geschehnis seinen Anfang. Jedenfalls macht man sich, wenn man diesen Gott, der Gewalt hat über alle Ursachen aller bewirkten Wesen und Dinge, Jupiter nennt und ihn mit solch schweren Verunglimpfungen und so verbrecherischen Beschuldigungen verehrt, eines häßlicheren Sakrilegs schuldig, als wenn man gar keinen Gott annähme. Da wäre es denn für die Menschen besser gewesen, irgend einen andern, der für schändliche und verbrecherische Ehrenbezeugungen schlecht genug wäre, mit Jupiters Namen zu bezeichnen, ein Wahngebilde zu unterschieben [wie man dem Saturnus einen Stein statt seines Sohnes zu verschlingen unterschoben haben soll] und vielmehr dieses zu lästern, als einen Gott zu nennen den, der den Donnerkeil schwingt und die Ehe bricht, der die ganze Welt regiert und ganz in Unzucht aufgeht, der die letzten Ursachen aller Wesen und Dinge in seiner Gewalt hat und seine eigenen Sachen schlimm bestellt hat.

Ich frage weiter, welchen Platz unter den Göttern sie doch dem Jupiter anweisen, wenn Janus die Welt ist. Die wahren Götter hat ja Varro definiert als die Seele der Welt und die Teile der Weltseele; demnach ist sofort all das, was dies nicht ist, nach ihnen auch nicht ein wahrer Gott. Wollen sie nun etwa Jupiter in dem Sinne die Seele der Welt nennen, daß Janus ihr Leib das ist diese sichtbare Welt ist? Damit würden sie sich der Möglichkeit begeben, den Janus als einen Gott zu bezeichnen, weil der Leib der Welt nicht Gott ist, auch nach ihrer Meinung nicht, sondern die Seele der Welt und ihre Teile. In diesem Sinne äußert sich ganz unzweideutig Varro dahin, daß er der Meinung sei, Gott sei die Seele der Welt und diese Welt selber sei Gott; wie man jedoch den weisen Mann, obwohl er aus Geist und Leib bestehe, doch nur mit bezug auf den Geist als weise bezeichne, so werde die Welt Gott genannt mit bezug auf den Geist, obwohl sie aus Geist und Leib bestehe. Also nicht der Leib der Welt für sich betrachtet ist Gott, sondern entweder die Seele der Welt für sich oder Leib und Geist zumal, jedoch so, daß die Welt nicht dem Leibe nach, sondern dem Geiste nach Gott ist. Wenn also Janus die Welt und ein Gott ist, wollen sie dann Jupiter, damit er ein Gott sein könne, zu einem Teil von Janus machen? Man pflegt aber doch dem Jupiter mit Vorliebe das Universum zuzueignen, weshalb es heißt: „Alles ist Jupiters voll“2 . Damit also Jupiter ein Gott sei, und vorab, damit er der König der Götter sei, können sie auch ihn nur für die Welt halten, auf daß er über die übrigen Götter das heißt im Sinne Varros über seine Teile herrsche. Dahin erläutert denn auch Varro in einem anderen Werke über den Götterkult folgende Verse des Valerius Soranus:

„Mächtiger Jupiter, Vater der Könige, Dinge und Götter,

Mutter der Götter zugleich, du einziger Gott und jedweder“.

Er sagt nämlich hiezu, Soranus habe, da man für männlich halte, was Samen von sich gebe, für weiblich, was Samen aufnehme, und Jupiter die Welt sei und diese jeglichen Samen von sich gebe und in sich aufnehme, „mit gutem Grund geschrieben: ,Vater und Mutter zugleich’; und ebenso mit gutem Grund, daß dasselbe Wesen eines und alles sei; denn die Welt ist einzig und in dieser einzigen findet sich alles.“

1: Georg. 2, 490.
2: Verg. Ecl. 3, 60.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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