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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
7. Buch

26. Der Kult der Großen Mutter in seiner Schändlichkeit.

Ebenso wenig wollte sich Varro äußern über die Lustknaben, die man der Großen Mutter weihte aller Schamhaftigkeit von Männern und Frauen zum Trotz, wie sie unlängst noch mit salbentriefenden Haaren, blaß gefärbten Gesichtern, schlaffen Gliedern und weibischem Gang in den Straßen und Gassen Karthagos selbst von Kleinkrämern den Unterhalt für ihr schändliches Leben heischten; ich erinnere mich wenigstens nicht, daß ich davon bei ihm irgendwo gelesen hätte. Da ging ihm die Deutung aus, errötend wandte sich das bessere Selbst ab und die Sprache versagte. Alle ihre Göttersöhne ließ die Große Mutter hinter sich zurück nicht an Größe der Göttlichkeit, sondern der Schlechtigkeit. Diesem Ungeheuer kann man nicht einmal die Ungeheuerlichkeit des Janus zur Seite stellen. Der zeigte in seinen Bildnissen lediglich Mißgestalt, sie dagegen in ihrem Kulte mißgestaltete Grausamkeit; er hat an seinen steinernen Bildnissen überflüssige Glieder, sie verursacht an Menschen den Verlust von Gliedern. Solche Schändlichkeit wird selbst durch die zahlreichen und schweren Hurereien Jupiters nicht überboten. Er hat, abgesehen von seinen Weiberverführungen, doch nur durch seinen Ganymed dem Himmel Schmach angetan; diese hat durch eine Unzahl von gewerbsmäßigen und öffentlichen Lustknaben die Erde besudelt und dem Himmel Unrecht getan. Den Saturnus etwa könnte man ihr in dieser Gattung schändlichster Grausamkeit gleichstellen oder noch überordnen, von dem berichtet wird, daß er seinen Vater entmannt habe; allein bei den Saturnusfeiern konnten Menschen wohl von fremder Hand getötet werden, daß sie sich aber mit eigener Hand verstümmelt hätten, kam nicht vor. Er hat seine Kinder verschlungen, wie die Dichter erzählen, und die Physiker geben der Erzählung eine Auslegung, die ihnen paßt; wie die Geschichte verrät, hat er sie getötet; aber die Römer haben die Gepflogenheit der Punier, ihm ihre Kinder zu opfern, nicht übernommen. Dagegen hat diese Große Göttermutter die Kastraten auch in die römischen Tempel gebracht und erhielt diesen grausamen Brauch aufrecht, da man glaubte, sie erhöhe die Mannhaftigkeit der Römer, wenn sie die Männer um ihre Mannheit bringe. Was bedeuten im Vergleich zu solchem Greuel die Diebstähle Merkurs, die Frechheit der Venus, die Hurereien und Schandtaten der übrigen Götter, die wir aus den Büchern vorführen würden, wenn sie nicht tagtäglich in den Theatern besungen und in Tänzen dargestellt würden? Was ist das alles im Vergleich zu dem entsetzlichen Greuel, groß genug nur eben für die Große Mutter? Zumal da man sagt, die Dichter hätten diese Schandtaten nur erfunden, als ob sie auch das erfunden hätten, daß sie den Göttern genehm und willkommen sind. Mag es also immerhin Keckheit und Ausgelassenheit der Dichter sein, daß man Schandtaten von Göttern besingt und aufzeichnet; aber daß sie auf Befehl und unausweichliche Forderung der Gottheiten unter die göttlichen Dinge und unter die Ehrenbezeigungen für Götter aufgenommen wurden, dies Verbrechen fällt den Göttern zur Last, ja gerade dadurch bekennen sie sich als Dämonen und führen die Unseligen in die Irre. Dagegen ist es keine Erfindung der Dichter, wenn die Göttermutter durch die Weihe Verschnittener verehrt zu werden verdiente, sie haben vielmehr vorgezogen, dies zu verabscheuen, statt zu besingen. Und diesen auserlesenen Göttern sollte sich jemand weihen, um nach dem Tode glückselig zu leben, da man, ihnen geweiht, vor dem Tode nicht ehrbar zu leben vermag, so scheußlichem Aberglauben ergeben und unreinen Dämonen verknechtet? Aber das alles, heißt es, hat ja eine Beziehung zur Welt1 ! Nicht vielmehr zum Unreinen2 ? Übrigens, was von all dem, was sich offenkundig in der Welt befindet, ließe sich nicht in Beziehung bringen zur Welt? Allein was wir suchen, ist ein Geist, der, in der wahren Religion begründet, nicht die Welt als seinen Gott anbetet, sondern sie preist im Hinblick auf Gott als das Werk Gottes und, vom Schmutz der Welt gereinigt, rein [mundus] zu Gott vordringt, der die Welt [mundum] erschaffen hat.

1: ad mundum
2: ad inmundum

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger