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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
7. Buch

24. Über die Beinamen der Tellus und die Bedeutung dieser Beinamen, die allerdings eine Menge von Beziehungen ausdrücken, aber deshalb nicht die Annahme vieler Götter hätten zu bestätigen brauchen.

Die Erde hätte also wegen dieser vierfachen Kraft vier Beinamen haben, nicht aber vier Götter ausmachen sollen; wie trotz der vielen Beinamen Jupiter nur einer und trotz der vielen Beinamen Juno nur eine ist, und alle diese Beinamen eine vielgestaltige Kraft ausdrücken, die dem einen Gott oder der einen Göttin zukommt, wobei die Vielheit der Beinamen nicht auch eine Vielheit von Göttern nach sich zieht. Allein hier war man eben einmal genügsam; denn wie selbst die verkommensten Weibspersonen zuweilen Ekel und Reue empfinden ob der Scharen, die sie aus unreiner Begierde an sich gezogen haben, so ging es auch der herabgekommenen und den unreinen Geistern bloßgestellten Seele: hat sie auch zumeist ein Gefallen daran gefunden, sich die Zahl der Götter zu vermehren, denen sie sich zur Schändung preiszugeben bereit war, so hat sie doch auch zuweilen Scham darüber empfunden. Auch Varro selber fühlt eine Art Scham über den großen Schwarm und meint, Tellus sei nur eine einzige Göttin. „Man nennt sie auch“, sagt er, „die große Mutter; dadurch, daß sie eine Pauke führe, werde angedeutet, daß sie der Erdkreis sei; die Türme auf ihrem Haupt bedeuteten die Städte; sitzend werde sie dargestellt, weil sie sich nicht bewegt, während sich alles um sie bewegt. Wenn man zu Dienern dieser Göttin Verschnittene bestellte, so bedeutet dies, daß die, die des Samens benötigen, sich an die Erde wenden sollen; denn in ihr findet sich alles. Daß sie vor ihr hin- und herspringen, erinnert daran, daß die, die die Erde bebauen, nicht stille sitzen dürfen; denn es gebe für sie immer etwas zu tun. Der Schall der Cymbeln bedeutet das Hin- und Herstoßen der eisernen Geräte, die Bewegung der Hände und anderes derartiges Geräusch, wie es beim Bebauen der Flur vorkommt; und die Cymbeln sind deshalb aus Erz, weil die Alten die Erde mit Erzgeräten bebauten, ehe das Eisen erfunden ward. Man gibt ihr einen ungefesselten, zahmen Löwen bei, um anzudeuten, daß es kein so entlegenes und ganz und gar unwirtliches Land gebe, das nicht bearbeitet und bebaut werden sollte.“ Danach fährt er fort, man habe die Mutter Tellus für mehrere Götter gehalten, weil man ihr mehrere Namen und Beinamen gegeben hat. „Man glaubt“, sagt er, „Tellus sei die Ops, weil sie durch Anbau [opere] verbessert wird, die Mutter, weil sie sehr vieles gebäre, die Große, weil sie Speise hervorbringe, die Proserpina, weil aus ihr die Früchte hervorsprossen [proserpere], die Vesta, weil sie sich mit Grün kleidet [vestire]. So führt man andere Göttinnen nicht unpassend auf diese zurück.“ Wenn sie also nur eine einzige Göttin ist, was sie übrigens auch nicht ist, wenn man sich an die Wahrheit hält, wozu geht man dann so unter der Hand zu vielen über? Diese vielen Gottheiten [numina], nicht so fast viele Göttinnen als viele Namen [nomina], mögen sich in der einen vereinigen. Aber die Autorität der irrenden Vorfahren benimmt Varro den Mut und läßt ihn auf diesen Ausspruch hin wieder ängstlich werden. Er fährt nämlich fort: „Damit steht die Ansicht der Vorfahren, daß es sich hier um mehrere Göttinnen handle, nicht im Widerspruch“. Inwiefern steht sie damit nicht im Widerspruch, da es doch etwas ganz anderes ist, wenn ich sage, ein und dieselbe Göttin habe viele Namen, als wenn ich sage, es handle sich um viele Göttinnen? „Vielmehr kann es vorkommen“, sagt er, „daß das nämliche Ding zugleich ein einziges sei und mehrere Dinge in sich schließe.“ Ich gebe zu, daß ein einzelner Mensch mehrere Dinge in sich vereinige, aber vereinigt er deshalb etwa auch mehrere Menschen in sich? So mag man annehmen, daß sich in einer Göttin mehrere Dinge vereinigen, aber vereinigt sie deshalb etwa auch mehrere Göttinnen in sich? Doch lassen wir sie trennen und verbinden, vermehren, entwirren und verwirren, wie es ihnen beliebt.

Das also sind die gerühmten Mysterien der Tellus und der „großen Mutter“, bei denen sich alles auf vergängliche Samen und auf die Betreibung des Ackerbaues bezieht. Verheißen etwa die hiemit in Zusammenhang gebrachten und dahin abzielenden Dinge, wie die Pauke, die Türme, die Verschnittenen, die unsinnigen Gliederverzerrungen, der Lärm der Cymbeln, das Bild mit den Löwen, verheißen sie jemand das ewige Leben? Dienen wirklich deshalb verschnittene Gallen dieser großen Göttin, um anzudeuten, daß man sich an die Erde zu halten habe, wenn man Samen benötige? Sie halten sich ja an diese Göttin, aber kommen sie dadurch zu dem Samen, dessen sie ermangeln, oder kommen sie nicht vielmehr dadurch, daß sie sich an diese Göttin halten, um den Samen, den sie sonst hätten? Ist das deuten oder entwürdigen1 ? Und man nimmt es nicht zu Herzen, wie sehr dabei die bösen Dämonen im Vorteil gewesen sind; sie haben für diese Verehrung nicht einmal irgend etwas von Bedeutung in Aussicht zu stellen gewagt und vermochten doch so grausame Forderungen durchzusetzen. Wäre die Erde keine Göttin, so würden die Menschen Hand anlegen mit Arbeit an sie, um durch sie Samen zu gewinnen, nicht aber an sich, wütend gegen sich selbst, um ihretwegen den Samen zu verlieren; wäre sie keine Göttin, so würde sie unter den Händen anderer so fruchtbar, daß sie den Menschen nicht nötigte, sich mit den eigenen Händen unfruchtbar zu machen. Wenn bei der Festfeier des Liber eine ehrbare Matrone die männliche Scham vor den Augen vieler Zuschauer bekränzte, wobei vielleicht auch ihr Gemahl anwesend war und vor Scham Schweißtropfen vergoß, so es überhaupt noch ein Schamgefühl gibt bei den Menschen, oder wenn sich die Neuvermählte bei der Hochzeitsfeier auf das Schamglied des Priapus setzen mußte, so ist das noch weit geringfügiger und unbedeutender im Vergleich zu jener höchst grausamen Schändlichkeit oder höchst schandbaren Grausamkeit, wobei durch dämonische Gebräuche beiden Geschlechtern so mitgespielt wird, daß doch keines von beiden durch seine Wunde gänzlich zerstört wird. Bei jenem Kulte spielt eine Rolle die Furcht vor Behexung der Fluren, bei diesem spielt nicht einmal die Furcht vor Verstümmelung der Glieder eine Rolle. Bei jenem wird die Sittsamkeit der Neuvermählten in einer Art herabgewürdigt, daß nicht nur die Fruchtbarkeit, sondern selbst die Jungfräulichkeit geschont wird; bei diesem wird die Mannheit in einer Weise verstümmelt, daß sich der Mann weder in ein Weib verwandelt noch auch Mann bleibt.

1: Hoc interpretari est an detestari ? letzteres Wort im Doppelsinn von verwünschen, entweihen einerseits, entmannen andrerseits.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger