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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
6. Buch

9. Die Aufgaben der einzelnen Götter.

Und wie? stehen nicht gerade die in so armselige kleine Stücke zerteilten Aufgaben der Götter, um derentwillen man sie, wie es heißt, je nach dem besonderen Amt eines jeden anrufen müsse, worüber ich schon vieles, wenn auch nicht alles beigebracht habe, mehr mit mimischer Possenreißerei als mit göttlicher Würde in Einklang? Wollte jemand seinem Kinde zwei Ammen halten, von denen die eine nur Speise, die andere nur Trank darzureichen hätte, wie zu diesem Zweck die bekannten zwei Göttinnen Educa und Potina herangezogen werden, so würde man ihn doch wohl für verrückt halten und meinen, was er da in seinem Hause tue, das stehe einem Mimen wohl an. Den Gott Liber lassen sie nach liberamentum benannt sein, weil durch seine Wohltat die Männer bei der Ausübung des Beischlafs durch Ausscheidung des Samens liberiert werden; dasselbe Geschäft besorgt bei den Frauen Libera, die sie auch für die Venus halten, die ebenfalls, wie sie versichern, den Samen ausscheide; und deshalb werde dem Liber zu Ehren das männliche Glied im Tempel aufgestellt, der Libera zu Ehren das weibliche. Dazu gesellt man dem Liber zugeteilte Weiber und Wein zur Entzündung der Begierlichkeit. So wurden die Bacchanalien in höchster Raserei gefeiert; Varro selbst gesteht, daß dabei von den Bachantinnen Dinge verübt würden, die nur in der Tollheit möglich seien. Doch mißfiel solches Gebaren später dem vernünftigeren Senate und er schaffte es ab1 . Vielleicht haben sie daran wenigstens endlich gemerkt, was unreine Geister, wenn sie für Götter gehalten werden, am Geiste des Menschen für ein Unheil anrichten können. In den Theatern jedoch wäre so etwas jedenfalls nicht vorgekommen; dort spielt man, aber man rast nicht; freilich grenzt es schon an Raserei, für Götter zu halten die, die sich auch nur an solchen Spielen ergötzen.

Sodann, welcher Widerspruch! Varro gibt den Unterschied zwischen dem Frommen und dem Abergläubischen dahin an, daß der Abergläubische die Götter fürchte, der Fromme aber gegen sie nur Ehrfurcht hege wie gegen die Eltern, nicht sie wie Feinde fürchte, und er behauptet, sie seien alle so gut, daß sie leichter die Schuldigen ungestraft ließen als irgend einem Unschuldigen Schaden täten; auf der andern Seite aber erfährt man von ihm, daß für die Wöchnerin gleich drei Schutzgötter aufgeboten werden, damit nicht der Gott Silvanus nächtlicherweile eindringe und Unheil anrichte, und daß zur Versinnbildung dieser Beschützer drei Menschen des Nachts um die Schwellen des Hauses herumgehen und zuerst mit der Axt in die Schwelle hauen, dann mit dem Mörserstößel darauf schlagen und das drittemal sie mit Besen abkehren, damit durch diese Zeichen der Kultur der Gott Silvanus vom Zutritt abgehalten werde, weil man das Eisen braucht zum Fällen und Behauen der Bäume und den Mörserstößel zur Bereitung des Mehles und den Besen zum Häufeln der Früchte; nach diesen drei Gegenständen nun habe man drei Götter benannt, die Intercidona nach dem Einhauen [intercisio] des Beiles, den Pilumnus nach dem Mörserstößel [pilus] und die Deverra nach dem Besen, und unter dem Schutz dieser Götter werde die Wöchnerin vor der Gewalttätigkeit des Gottes Silvanus bewahrt. Es würde also der Schutz der guten Götter nichts ausrichten gegen die Wut eines schädigenden Gottes, wenn sie nicht ihrer mehrere gegen einen wären und diesem wilden, rohen, ungeschlachten Gott, einem Waldgott eben, mit den ihm gleichsam entgegengesetzten Zeichen der Kultur widerstünden. Ist das die gerühmte Harmlosigkeit der Götter, ist das ihre Eintracht? Das sind die heilbringenden Städtegötter, lächerlicher als Theaterschnurren?

Wenn Mann und Weib sich verbinden, wird der Gott Jugatinus beigezogen; mag dies noch erträglich sein. Aber die Braut muß ins Haus geführt werden; man zieht auch einen Gott Domiducus bei; damit sie im Hause sei, zieht man einen Gott Domitius bei; damit sie bei ihrem Manne ausharre, fügt man eine Göttin Manturna hinzu. Was braucht man noch mehr? Man nehme doch Rücksicht auf die menschliche Schamhaftigkeit und überlasse das übrige der Begierde des Fleisches und Blutes unter der schützenden Hülle der Scham. Wozu das Schlafgemach mit einem Schwarm von Gottheiten erfüllen, wenn selbst die Brautführer sich zurückziehen? Aber es füllt sich, und zwar nicht etwa, damit man im Gedanken an ihre Gegenwart umso gewissenhafter der Schamhaftigkeit pflege, sondern um mit ihrer Hilfe dem Weibe, das von Natur aus schwach und durch die Neuheit verwirrt ist, ohne alle Schwierigkeit die Jungfräulichkeit zu benehmen. Da stellt sich ein die Göttin Virginiensis und der Gott Vater Subigus und die Göttin Mutter Prema und die Göttin Pertunda, dazu Venus und Priapus. Was soll das sein? Wenn überhaupt der Mann bei diesem Werk eine Hilfe von Göttern brauchte, würde nicht irgend einer oder irgend eine genügen? Wäre hier Venus allein nicht ausreichend, die sogar davon ihren Namen haben soll, daß ohne Kraftanwendung ein Weib seine Jungfrauschaft nicht verliert? Wenn sich bei Menschen noch ein Rest von Schamhaftigkeit findet, die den Göttern abgeht, müssen sie nicht in ihrer Vereinigung bei dem Gedanken, daß soviele Götter beiderlei Geschlechtes zugegen sind und sich um das Werk zu schaffen machen, so von Scham ergriffen werden, daß der Mann weniger erregt wird und das Weib sich heftiger widersetzt? Und jedenfalls, wenn die Göttin Virginiensis da ist, um der Jungfrau den Gürtel zu lösen, wenn der Gott Subigus da ist, damit sie sich dem Manne hingebe, wenn die Göttin Prema da ist, damit sie sich, ohne sich zu rühren, umarmen lasse, was hat noch die Göttin Pertunda dabei zu leisten? Sie soll sich schämen und wegheben; etwas wird doch auch der Mann zustande bringen. Es wäre sehr unanständig, wenn das, wonach sie benannt ist, jemand anderer als er vollbrächte. Aber vielleicht duldet man sie deshalb, weil sie angeblich eine Göttin ist und nicht ein Gott. Denn würde man diese Gottheit für männlichen Geschlechtes halten und Pertundus nennen, so müßte sich der Gemahl wider ihn für die Keuschheit seiner Frau noch um eine kräftigere Hilfe umsehen als die Wöchnerin wider Silvanus. Aber wozu diese Bemerkung? Ist doch auch Priapus anwesend, der übermännliche, auf dessen ungeheuerliches und abscheuliches Glied sich die Neuvermählte setzen mußte, nach der höchst ehrbaren und frommen Sitte der Matronen.

Mögen sie also auch weiterhin noch die staatliche Theologie und die fabelnde, die Städte und die Theater, die Tempel und die Bühnen, die Götterfeiern der Priester und die Gesänge der Dichter zum Scheine auseinanderhalten, so scharf sie können, als Ehrbares und Schändliches, Wahrhaftiges und Trügerisches, Wichtiges und Gleichgültiges, Ernsthaftes und Lächerliches, Erstrebenswertes und Verwerfliches. Wir verstehen, worauf sie abzielen; sie wissen, daß die fabelnde Theatertheologie auf der staatlichen beruht und deren Spiegelbild ist, gewonnen aus den Gesängen der Dichter; und deshalb entwickeln sie die staatliche Theologie, die sie sich nicht zu verwerfen getrauen, und mißbilligen und tadeln umso offener ihr Abbild, damit die, die ihre Absicht durchschauen, auch das Urbild dieses Abbildes verabscheuen; jedoch die Götter selbst lieben das Urbild, worin sie sich gleichsam wiederum wie in einem Spiegel erblicken, so sehr, daß man aus beiden Bildern zumal noch vollständiger erkennt, wer und welcher Art sie sind. Deshalb haben sie ja auch ihre Verehrer durch furchtbare Drohungen gezwungen, den Unflat der fabelnden Theologie ihnen zu weihen, unter ihre Festlichkeiten aufzunehmen und zu den göttlichen Dingen zu zählen; dadurch haben sie sich deutlich genug als ganz unreine Geister erwiesen und zugleich die gemeine und verworfene Theatertheologie zu einem Glied und Teil der vermeintlich auserlesenen und vortrefflichen städtischen Theologie gemacht, sodaß sich diese Götterlehre, die doch als Ganzes schmachvoll und trügerisch ist und sich mit erdichteten Göttern befaßt, teils in den Schriften der Priester, teils in den Werken der Dichter vorfindet. Ob sich noch weitere Teile anderwärts finden, ist eine andere Frage; vorerst habe ich, anknüpfend an die Einteilung Varros, wohl hinreichend dargetan, daß die städtische und die Theatertheologie Bestandteile der einen staatlichen Theologie seien. Und da nun beide einander nichts nachgeben an Schändlichkeit, Abgeschmacktheit, Unwürdigkeit und Falschheit, so weist es wahrhaft religiöse Gesinnung weit von sich, von der einen oder von der andern das ewige Leben zu erhoffen. Übrigens hat auch Varro selbst die Götter im Zusammenhang mit den Altersstufen des Menschen aufgeführt und aufgezählt, beginnend mit der Empfängnis des Menschen und mit Janus die Reihe eröffnend, die er fortführt bis zum Tode des altersschwachen Menschen, und er macht mit den zum Menschen in Beziehung stehenden Göttern Schluß bei der Göttin Nenia, die bei den Leichenfeiern der Greise besungen wird; sodann geht er dazu über, andere Götter aufzuzeigen, die nicht direkt zum Menschen in Beziehung stehen, sondern zu dem, was der Mensch braucht, wie Nahrung, Kleidung und all die übrigen Lebensbedürfnisse, wobei er stets darauf hinweist, welche Verrichtung den einzelnen Göttern zukomme und um was man sie anzuflehen habe; und doch hat er in dieser ganzen, sorgsam aufgezählten Schar nicht einen aufgezeigt oder namhaft gemacht, von dem man das ewige Leben zu erbitten hätte, um dessen willen allein eigentlich wir Christen sind. Wer ist stumpfsinnig genug, um hier die Absicht zu verkennen? Varro hat nur zu dem Zweck die staatliche Theologie so eingehend entwickelt und dargelegt, ihre Ähnlichkeit mit der fabelnden, unwürdigen und schimpflichen dargetan und die fabelnde Theologie als einen Teil der staatlichen sattsam deutlich erwiesen, um der natürlichen Theologie, die den Philosophen, wie er sagt, eigen ist, den Weg zu den Herzen der Menschen zu bahnen, und er bedient sich dabei des Kunstgriffes, daß er die fabelnde Theologie mißbilligt, die staatliche aber, die er zu mißbilligen sich nicht getraut, durch ihre Schilderung der Mißbilligung überantwortet, so daß diese beiden Arten von Theologie nach dem Urteil der Verständigen als verwerflich entfallen und nur noch übrig bleibt, sich für die natürliche Theologie zu entscheiden. Über diese ist mit Hilfe des wahren Gottes gehörigen Ortes eingehender zu sprechen.

1: Liv. 39, 15.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger