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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
6. Buch

5. Von den drei Arten der Theologie nach Varro, der fabelnden, natürlichen und staatlichen.

Was hat es sodann damit für eine Bewandtnis, daß er sagt, es gebe drei Arten von Theologie, das heißt von systematischer Götterlehre, und man bezeichne die eine als die mythische, die zweite als die physikalische, die dritte als die staatliche? Auf Latein würden wir, wenn es der Sprachgebrauch gestattete, die an erster Stelle genannte Art das genus fabulare nennen; doch wollen wir lieber fabulosum sagen; denn diese Art wird mythicon genannt nach den fabulae, weil das griechische μῦθος soviel wie fabula bedeutet. Die zweite Art wollen wir als das genus naturale bezeichnen, was heutzutage auch der Sprachgebrauch zuläßt. Die dritte Art, das genus civile, hat er ohnehin schon mit einem lateinischen Ausdruck benannt. Er fährt dann weiter: „Als die mythische Art bezeichnet man die, welche hauptsächlich bei den Dichtern, als die physikalische die, welche bei den Philosophen, und als die staatliche die, welche öffentlich in Schwang ist. Bei der zuerst genannten“, sagt er, „findet sich viel Erdichtetes, das gegen die Würde und die Natur von Unsterblichen verstößt. Bei diesen Göttern der Dichter kommt es nämlich vor, daß eine Gottheit aus dem Haupte, eine andere aus dem Schenkel und wieder eine aus Blutstropfen geboren worden sei; daß Götter gestohlen, Unzucht getrieben, dem Menschen als Sklaven gedient hätten; kurz es wird da alles auf Götter übertragen, was einem Menschen, und zwar selbst dem verächtlichsten Menschen begegnen kann“. In dieser Stelle wenigstens hat Varro es in voller Unzweideutigkeit ausgesprochen, welch großes Unrecht man mit so ganz verlogenen Fabeln der Natur der Götter antue; hier konnte er das tun, hier getraute er sich, hier glaubte er es ungestraft sagen zu können. Denn er spricht hier nicht von der natürlichen und nicht von der staatlichen Theologie, sondern von der fabelnden, die er offen mißbilligen zu dürfen glaubte.

Sehen wir nun zu, was er von der zweiten Art sagt. „Die zweite Art, die ich nachgewiesen habe, ist die, über welche die Philosophen viele Werke hinterlassen haben; hieher gehören Ausführungen darüber, wer die Götter seien, wo sie sich aufhalten, welcher Art sie seien, zum Beispiel ob sie von einer bestimmten Zeit an oder von Ewigkeit her existieren, ob sie aus dem Feuer hervorgegangen sind, wie Heraklit meint, oder aus den Zahlen, wie Pythagoras lehrt, oder aus den Atomen, wie Epikur sagt. Und anderes mehr, was die Ohren besser ertragen in den Schulen innerhalb der vier Wände, als außerhalb auf dem öffentlichen Markte.“ An dieser Art von Theologie, der sogenannten physikalischen, die den Philosophen eigen ist, hat er gar nichts auszusetzen, nur daß er die gegenseitigen Kontroversen derjenigen Philosophen erwähnt, durch die eine Unzahl sich widerstreitender Sekten entstanden ist. Doch will er diese Art vom Markte, das heißt von der breiten Öffentlichkeit, ferngehalten und in die Schulen und zwischen die vier Wände beschlossen wissen. Die erste Art dagegen, die ganz verlogene und schandbare, wollte er von der Bürgerschaft nicht ferngehalten wissen. O wie empfindlich in religiösen Dingen sind die Ohren des Volkes und auch des römischen! Sie können nicht ertragen, was die Philosophen über die unsterblichen Götter vorbringen; dagegen ertragen sie nicht nur, sondern hören sogar gerne, was die Dichter singen und die Schauspieler mimen, Dinge, die im Widerspruch zur Würde und Natur Unsterblicher erdichtet sind, weil sie einem Menschen, und zwar selbst dem verächtlichsten Menschen widerfahren können. Und noch nicht genug damit, meinen sie auch noch, daß solches den Göttern gefalle und daß man sie mit solchen Dingen versöhnen müsse.

Also gut, sagt man; diese zwei Arten, die mythische und die physikalische, das ist die fabelnde und die natürliche wollen wir absondern von der staatlichen, um die es sich nunmehr handelt, wie Varro selbst sie davon abgesondert hat, und wollen nun hören, wie er sich über die staatliche Art äußert. Allein ich sehe allerdings ein, weshalb man die fabelnde Art absondern muß; weil sie eben falsch, schändlich und unwürdig ist. Will man dagegen auch die natürliche Art absondern von der staatlichen, so heißt das nicht weniger als zugestehen, daß auch die staatliche im Irrtum sei. Wenn nämlich jene Art natürlich ist, was gibt es dann daran auszusetzen, daß man sie ausschließen sollte? Und wenn diese, die sogenannte staatliche Art, nicht natürlich ist, weshalb verdiente sie dann, angenommen zu werden? Hier stoßen wir eben auf die Ursache, weshalb Varro über die menschlichen Dinge zuerst geschrieben hat und dann erst über die göttlichen: bei den göttlichen Dingen hielt er sich nicht an die Natur, sondern an menschliche Einrichtungen. Doch wollen wir auch die staatliche Theologie ins Auge fassen. „Die dritte Art, sagt Varro, ist die, die in den Städten die Bürger und vorab die Priester wissen und handhaben sollen. Dahin gehört, welche Götter jeder zu verehren gehalten sei und durch welche Dienste und Opfer die Verehrung zu betätigen sei“. Wollen wir auch noch beachten, was folgt. „Die erste Art von Theologie eignet sich am besten für das Theater, die zweite für die Welt, die dritte für die Stadt“. Wer könnte da verkennen, welcher Art er die Palme reicht? Doch wohl der zweiten, die er oben die der Philosophen genannt hat. Denn dieser gibt er die Beziehung zur Welt, das ist zu dem Vorzüglichsten von allem, was jene kennen. Hat er nun aber die andern zwei Arten, die erste und die dritte, die für das Theater und die für die Stadt, von einander abgesondert oder mit einander verbunden? Denn wir sehen wohl ein, daß das, was Sache einer Stadt ist, nicht ohne weiters auch schon Beziehung zur Welt haben müsse, obgleich die Städte in der Weit sind; es ist ja möglich, daß in der Stadt vermöge irriger Meinungen Dinge verehrt und geglaubt werden, die in Wirklichkeit weder in der Welt noch außerhalb der Welt irgendwo existieren; aber Theater und Stadt gehören doch zusammen; denn wo fände sich ein Theater außer eben in der Stadt? Wer hat Theater errichtet außer eben die Bürgerschaft? Zu welchem Zweck hat sie solche errichtet außer zur Abhaltung von Bühnenspielen? Wohin anders gehören die Bühnenspiele als zu den göttlichen Dingen, von denen diese Bücher Varros mit solchem Aufwand von Spürsinn handeln?

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger