Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
6. Buch

2. Was war wohl die Meinung Varros über die heidnischen Götter, deren Arten und Kulte er in einer Weise aufgedeckt hat, daß er gegen sie ehrerbietiger gehandelt hätte, wenn er von ihnen ganz geschwiegen hätte?

Wer wäre diesen Dingen mit größerer Wißbegier nachgegangen, wer hätte sie mit mehr Aufwand von Gelehrsamkeit aufgespürt, mit lebhafterer Aufmerksamkeit verfolgt, mit feinerem Scharfsinn zerlegt, fleißiger und ausführlicher geschildert als Marcus Varro? Er ist zwar im Stile weniger einschmeichelnd, dafür aber so vollgepfropft von Wissen und so gedankenreich, daß er in jeglicher Wissenschaft von der Art, die wir die weltliche und die Weltleute die freie nennen, ebensosehr der Lehrmeister realer Bildung ist, wie Cicero das Entzücken der Redebeflissenen. Gibt ihm doch Tullius selbst dieses Zeugnis, indem er in dem Werke Academica erwähnt, er habe die Erörterung, um die es sich dort handelt, gepflogen mit Marcus Varro, „vielleicht dem scharfsinnigsten und ohne allen Zweifel dem gelehrtesten Manne“. Er sagt nicht „dem beredtesten“ oder dem „redegewandtesten“, weil Varro in der Tat in dieser Kunst sehr rückständig ist; sondern er sagt: „vielleicht dem scharfsinnigsten“ und fügt bei, und zwar in dem Werke Academica, worin er die Ansicht vertritt, man müsse an allem zweifeln, „ohne allen Zweifel dem gelehrtesten“. Er war also wirklich hierin seiner Sache so sicher, daß er den Zweifel ausschloß, den er sonst überall gelten läßt, gerade als hätte er mitten in der Verteidigung der akademischen Skepsis bei Varro allein vergessen, daß er ein Akademiker sei. Und im ersten Buch1 rühmt er Varros literarische Leistungen mit den Worten: „Deine Bücher haben uns in unserer eigenen Stadt, wo wir wie Fremdlinge und Gäste umherirrten, gleichsam heimisch gemacht; nun erst waren wir imstande, zu erkennen, wer und wo wir seien. Du hast uns gelehrt, wie alt unsere Vaterstadt sei, hast die Zeitrechnung, die Rechte des Gottesdienstes und der Priester, das staatliche und häusliche Gebaren, die örtliche Lage der Länder und Stätten, die Namen, Arten, Aufgaben und Ursachen aller göttlichen und menschlichen Dinge klar gelegt.“ Dieser Mann also von so ausgezeichneter und hervorragender Bildung, „Varro, der Mann umfassendster Gelehrsamkeit“, wie auch Terentianus2 kurz und treffend ihn rühmt, der soviel gelesen hat, daß man sich wundert, wie er noch die Zeit zum Schreiben fand, und soviel geschrieben hat, daß kaum jemand alles zu lesen imstande sein dürfte, dieser so bedeutend veranlagte und grundgelehrte Mann, sage ich, würde, wenn er die vermeintlich göttlichen Dinge, über die er schrieb, hätte bekämpfen und untergraben und sie nicht mit der Religion, sondern mit dem Aberglauben hätte in Zusammenhang bringen wollen, wohl kaum mehr des Lächerlichen, Verächtlichen und Abscheulichen über sie zusammentragen können. Allein er hat dieselben Götter verehrt und ihre Verehrung für notwendig erachtet; er gibt gerade in diesem Werke der Befürchtung Ausdruck, sie möchten dem Untergang anheimfallen, und zwar nicht etwa durch einen Angriff von außen her, sondern durch die Gleichgültigkeit der Bürgerschaft, und vor solchem Untergang wolle er sie bewahren und ihnen durch sein Werk im Gedächtnis der Guten einen Platz sichern, was ihm eine verdienstlichere Aufgabe zu sein scheine als die Rettung des vestalischen Palladiums aus dem Feuer durch Metellus und die der Penaten aus dem Untergang Trojas durch Äneas. Und trotzdem gibt er der Welt Dinge bekannt, die von Weisen und Toren mit Recht als verwerflich und mit wahrer Religion ganz unvereinbar erachtet werden. Was bleibt also da für eine Erklärung übrig, als daß ein äußerst scharfsinniger und hochgebildeter Mann, der aber nicht durch den heiligen Geist zur Freiheit fortgeschritten war, durch die Überlieferungen und Gesetze seines Staates vergewaltigt worden ist und gleichwohl mit dem, was ihn innerlich bewegte, nicht habe hintanhalten wollen, indem er es unter dem Schein der Anpreisung der Religion vorbrachte?

1: Cic. Acad. post. c. 3.
2: De metris 2846.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Bilder Vorlage

Navigation
. 1. Buch
. 2. Buch
. 3. Buch
. 4. Buch
. 5. Buch
. 6. Buch
. . Vorwort.
. . 1. Soll man die Götter, ...
. . 2. Was war wohl die ...
. . 3. Die Disposition ...
. . 4. Aus den Erörterungen ...
. . 5. Von den drei Arten ...
. . 6. Die mythische das ...
. . 7. Ähnlichkeit und ...
. . 8. Zugunsten ihrer ...
. . 9. Die Aufgaben der ...
. . 10. Seneca war freimütig ...
. . 11. Was Seneca von ...
. . 12. Nachdem nun die ...
. 7. Buch
. 8. Buch
. 9. Buch
. 10. Buch
. 11. Buch
. 12. Buch
. 13. Buch
. 14. Buch
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger