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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
6. Buch

1. Soll man die Götter, die in bezug auf das irdische Leben nichts zu spenden haben, um des ewigen Lebens willen verehren?

In der Folge nun handelt es sich gemäß der in Aussicht genommenen Anordnung des Stoffes darum, auch die zu widerlegen und zu belehren, die die Verehrung der heidnischen Götter, denen die christliche Religion den Untergang bringt, nicht im Hinblick auf das zeitliche Leben, sondern im Hinblick auf das Leben, das nach dem Tode eintreten wird, zu einer Pflicht machen wollen; ich möchte daher meine Ausführungen einleiten mit dem Wahrspruch des heiligen Psalmes1 : „Glückselig der Mann, der seine Hoffnung auf Gott den Herrn setzt und sich nicht umsieht nach Eitelkeiten, nach Lüge und Torheit“. Indes bei aller Eitelkeit, Lüge und Torheit sind immer noch weit annehmbarer die Philosophen, die die irrtümlichen Meinungen des Volkes nicht teilen, das den Gottheiten Bildnisse errichtet hat und von denen, die es unsterbliche Götter nennt, soviel Falsches und Unwürdiges erdichtet oder von den Dichtern gläubig übernommen und mit der Verehrung der Götter und den heiligen Gebräuchen unzertrennlich verbunden hat. Mit solchen Männern, die ihre Mißbilligung derartiger Verirrungen kundgegeben haben, wenn auch nicht offen vor aller Welt, so doch durch versteckte Andeutungen in ihren gelehrten Schriften, läßt sich immerhin die Frage erörtern, ob man wegen des Lebens, das nach dem Tode eintreten wird, nicht vielmehr einen einzigen Gott, der jegliches geistige und körperliche Gebilde erschaffen hat, verehren müsse statt der vielen Götter, die nach manchen, und zwar gerade den hervorragenderen und berühmteren Philosophen eben von jenem einzigen geschaffen worden und durch ihn zu erhabener Stellung gekommen sind.

Wem erschiene übrigens nicht unerträglich die Behauptung, daß Götter von der Sorte, wie ich einige im vierten Buch namhaft gemacht habe, unter die die Obsorge für untergeordnete Dinge je nach Gegenständen verteilt wird, einem das ewige Leben verleihen würden? Oder wollten etwa die hochgebildeten und scharfsinnigen Männer, die es als eine Wohltat rühmen, in ihren Büchern nachgewiesen zu haben, was man von jedem dieser Götter zu erbitten habe2 , damit man doch auch wisse, weshalb man zu den einzelnen Göttern flehe, und nicht etwa in schmachvoller Verkehrtheit, wie es scherzweise auf der Bühne vorkommt, von Liber Wasser erbitte und von den Wassergöttinnen Wein, wollten sie irgend einem, der sich bittend an die unsterblichen Götter wendet, Veranlassung geben, mit Recht zu den Wassergöttinnen, wenn er sie um Wein bittet und die Antwort erhält: „Wir haben Wasser; erbitte den Wein von Liber“, sagen zu können: „Wenn ihr keinen Wein habt, so gebt mir doch wenigstens das ewige Leben“? Welch ungeheuerliche Ungereimtheit! Werden die also angeredeten Wassernymphen nicht laut auflachen [sie sind ja leicht zum Lachen zu bringen] und dem Bittenden, wenn sie nicht als Dämonen auf Täuschung sinnen, erwidern: „Ei ei, glaubst du, wir hätten Gewalt über das Leben, die wir, du hörst es ja, nicht einmal Gewalt haben über Reben.“? Nur die ausgesuchteste Torheit also könnte das ewige Leben von solchen Göttern erbitten oder erwarten, die von diesem höchst mühseligen und kurzen Leben und von seinen Behelfen und Unterlagen immer nur ein Teilchen, wie man versichert, unter ihrem Schutze haben, so daß es ungereimt und wie die Possenreißerei eines Mimen erscheint, wenn man von einem etwas erbittet, was unter eines anderen Schutz und Gewalt steht. Tut der Mime auf dem Theater so etwas absichtlich, so lacht darüber mit Recht das Publikum; tut es ein Tor unabsichtlich, so lacht darüber mit noch mehr Recht alle Welt. Und deshalb haben gelehrte Forscher hinsichtlich der Götter, die von den Staaten eingeführt worden sind, mit vielem Fleiß ausgespürt und überliefert, an welche Gottheit man sich in den einzelnen Anliegen zu wenden habe, was man zum Beispiel von Liber zu erbitten habe, was von den Lymphen, was von Vulcanus und so auch von den übrigen, die ich im vierten Buch teils genannt habe3 , teils übergehen zu sollen glaubte. Wenn es nun schon ein Irrtum wäre, von Ceres Wein, von Liber Brot, von Vulcanus Wasser, von den Lymphen Feuer zu erbitten, so müßte es noch als eine viel größere Verrücktheit betrachtet werden, wollte man einen von diesen um das ewige Leben anflehen.

Als es sich um die Frage handelte, welchen Gottheiten wohl die Macht zuzutrauen wäre, den Menschen ein irdisches Reich zu verleihen, wurde die Meinung, es gingen von irgend einer dieser vielen und falschen Gottheiten auch nur irdische Reiche aus, in allseitiger Erörterung als aller Wahrheit entbehrend erwiesen; nur widersinnigste Gottlosigkeit könnte daher glauben, irgend eine von diesen Gottheiten könne irgend jemand das ewige Leben gewähren, das doch allen irdischen Reichen ohne allen Zweifel und ohne allen Vergleich vorzuziehen ist. Stellten sich ja die Götter nicht etwa deshalb als ungeeignet heraus, auch nur ein irdisches Reich zu verleihen, weil sie zu groß und erhaben wären und sich in ihrer Erhabenheit um so geringe und verächtliche Dinge, wie es ein irdisches Reich ist, nicht zu kümmern geruhten, sondern — man mag im Hinblick auf die menschliche Gebrechlichkeit die vergängliche Herrlichkeit eines irdischen Reiches mit Recht so gering als immer einschätzen — diese Götter zeigten sich in einem Lichte, daß sie ganz unwert erschienen, auch nur derlei Güter ihrer Verfügung oder ihrem Schutze unterstellt zu denken. Wenn demnach [wie die vorhergehenden zwei Bücher dartun] kein Gott aus diesem Schwarm von plebeischen und vornehmen Scheingöttern imstande ist, sterbliche Reiche den Sterblichen zu verleihen, um wieviel weniger kann dann einer aus Sterblichen Unsterbliche machen!

Dazu kommt folgende Erwägung: Wir haben es nunmehr mit Gegnern zu tun, die die Verehrung der Götter im Hinblick auf das Leben, das nach dem Tode eintreten wird, für notwendig erachten, nicht im Hinblick auf das zeitliche Leben; man hat demnach diese Götter auch nicht einmal wegen der Gaben zu verehren, die man mit der besonderen Sphäre und Machtbefugnis solcher Götter in Zusammenhang bringt, nicht auf Grund der Wahrheit, sondern nur in der Einbildung derer, die ihre Verehrung zur Sicherung von Vorteilen des irdischen Lebens als notwendig hinstellen; gegen diese habe ich mich schon in den vorangehenden fünf Büchern zur Genüge geäußert, so gut ich es vermochte. Unter solchen Umständen würden wir, wenn wirklich die Verehrer der Göttin Juventas ein blühenderes Jugendalter aufzuweisen hätten und ihre Verächter in den Jahren der Jugend dahingerafft würden oder an greisenhafter Erschlaffung litten, und wenn Fortuna barbata das Kinn ihrer Verehrer prächtiger und festlicher schmückte und ihre Verächter bartlos oder mit Stoppelbart umhergehen müßten, auch dann also würden wir mit vollem Recht sagen, nur bis hieher reiche die Macht dieser einzelnen Göttinnen, eingeschränkt sozusagen auf ihren Geschäftskreis, und demnach brauche man von einer Juventas, die keinen Bart zu vergeben habe, nicht das ewige Leben zu erflehen und habe von einer Fortuna barbata, die im Bereich des irdischen Lebens nicht soviel Macht hat, daß sie nur wenigstens das Alter verliehe, in dem der Bart wächst, nicht irgend ein Gut nach diesem Leben zu erwarten. So aber, da die Verehrung dieser Göttinnen nicht einmal wegen der ihnen vermeintlich unterstellten Güter notwendig ist — haben doch viele, die Juventas verehrten, im jugendlichen Alter ganz und gar keine Jugendblüte entfaltet, während viele, die sie nicht verehren, sich jugendlicher Kraftfülle erfreuen, und ebenso vermochten viele, die sich inbrünstig an Fortuna barbata wandten, eben doch zu keinem oder nur zu einem häßlichen Bart zu gelangen, und wenn immer noch welche sie um eines Bartes willen verehren, werden sie von den gebarteten Verächtern der Göttin ausgelacht —, drängt sich doch die Frage auf: ist das menschliche Herz wirklich so bodenlos unverständig, daß es glaubt, in bezug auf das ewige Leben sei die Verehrung von Göttern erfolgreich, wenn es doch sieht, daß sie in bezug auf die zeitlichen und rasch enteilenden Güter, über deren Spende, wie man behauptet, je eigene Gottheiten gesetzt sind, vergeblich und lächerlich ist? Eine Macht zur Gewährung des ewigen Lebens wagen nicht einmal die ihnen zuzuschreiben, die unter sie die zeitlichen Betätigungen in kleinen Portionen — es waren ihrer eben gar viele und keiner sollte müßig stehen — verteilten, damit4 sie vom urteilslosen Volke verehrt würden.

1: 39, 5.
2: Vgl. oben IV 22.
3: IV 11 und 21.
4: IV 22; 31.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger