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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

5. Buch

1. Weder der Zufall noch die Konstellation der Gestirne hat das römische Reich oder irgend ein anderes Reich verursacht.

Die Ursache nun für die Größe des römischen Reiches ist weder der Zufall noch das Fatum im Sinne derer, die dem Zufall zuschreiben, was keine Ursachen oder doch keine in frei-vernünftiger Ordnung begründeten Ursachen hat, dem Fatum aber, was sich unabhängig vom Willen Gottes und der Menschen kraft einer Art unentrinnbarer Ordnung vollzieht. Ohne Zweifel werden vielmehr durch Gottes Vorsehung die Reiche der Menschen gegründet. Wenn man daher ihre Entstehung auf das Fatum zurückführt und damit den Willen oder die Macht Gottes meint, so ist das sachlich richtig, aber unglücklich ausgedrückt. Warum sagt man das nicht gleich, was man hinterher doch sagen muß, wenn jemand fragt, was man unter Fatum verstehe? Denn wenn man von Fatum hört, denkt man zunächst dem üblichen Sprachgebrauch gemäß an nichts anderes als an den Einfluß der Konstellation der Gestirne, wie sie bei der Geburt oder bei der Empfängnis gestaltet ist; und dies lassen die einen unabhängig sein vom Willen Gottes, während andere das Gegenteil behaupten. Indes die Ansicht, welche die Entscheidung darüber, was wir tun, was wir an Gütern besitzen oder an Übeln zu tragen haben, allein bei den Gestirnen, unabhängig vom Willen Gottes, gelegen sein lassen, verdient ganz allgemein abgelehnt zu werden, nicht nur von denen, die der wahren Religion zugetan sind, sondern auch von denen, die sich als Verehrer irgend welcher, wenn auch falscher Götter bekennen. Denn die Wirkung dieser Ansicht kann nur die sein, daß man überhaupt keinen Gott verehrt und anruft. Mit ihren Vertretern haben wir es an dieser Stelle nicht zu tun, sondern mit denen, die zur Verteidigung ihrer vermeintlichen Götter der christlichen Religion feindlich gegenübertreten. Faßt man nun die Sache so auf, daß die Konstellation der Gestirne, die über das Schicksal des Menschen sozusagen entscheiden, vom Willen Gottes abhängig sei in der Weise, daß den Gestirnen solche Macht von der höchsten Macht Gottes übertragen worden sei, so geschieht dem Himmel schwer Unrecht; denn dann würden in seinem erleuchteten Senate und in seiner glänzenden Kurie, um dieses Bild zu gebrauchen, die Verübung von Freveln beschlossen werden, die jeder irdischen Regierungsbehörde, wenn sie derlei beschlösse, durch Beschluß des Menschengeschlechtes unfehlbar den Untergang brächten. Wo bliebe sodann die Gewalt Gottes, über die Taten der Menschen zu richten, wenn diese Taten unter dem Zwang der Himmelskörper stehen? und Gott ist doch nicht nur Herr über die Gestirne, sondern auch Herr über die Menschen! Geht man aber von der Anschauung aus, daß die Gestirne vom höchsten Gott nicht die Gewalt erhalten haben, nach eigenem Gutdünken darüber zu entscheiden, sondern daß sie bei solchen Nötigungen lediglich Gottes Befehle vollstrecken, dann muß man ja Gott selbst eine Rolle zuschreiben, die man des Willens der Gestirne durchaus unwürdig empfindet. Wenn man endlich den Gestirnen nur eine vorbedeutende, nicht eine bewirkende Kraft beimißt, so daß also die Konstellation eine Art Ausspruch wäre, der das Künftige vorhersagt, nicht aber es bewirkt [eine Auffassung, die von bedeutenden Gelehrten vertreten worden ist], so ist zu erwidern, daß damit allerdings die Ausdrucksweise der Sterndeuter nicht übereinstimmt, die da zum Beispiel nicht sagen: „Mars in dieser Konstellation deutet einen Mörder an“, sondern: „macht zum Mörder“; jedoch wir wollen zugeben, daß sie sich nicht richtig ausdrücken und daß ihnen die Anschauung der Philosophie Richtschnur sein sollte, sich so auszudrücken, daß sie lediglich verkündigten, was sie in der Konstellation der Gestirne zu finden glauben; wie kommt es aber, daß sie nie die Frage zu beantworten wußten, weshalb sich in dem Leben von Zwillingen, in ihren Handlungen, Schicksalen, Berufsarten, Geschicklichkeiten, Ehrenstellen und in allem übrigen, was zum Leben des Menschen gehört, und selbst noch im Tode zumeist eine solche Verschiedenheit äußert, daß ihnen hierin viele Fernstehende ähnlicher sind als sie einander, obwohl sie nur durch eine ganz geringe Spanne Zeit in der Geburt von einander getrennt, bei der Empfängnis aber durch einen einzigen Akt im gleichen Augenblick gezeugt sind?

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger