Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
5. Buch

19. Unterschied zwischen Ruhmsucht und Herrschsucht.

Allerdings ist ein Unterschied zwischen der Begierde nach Ruhm bei den Menschen und der Begierde nach Herrschaft. Denn wenn sich auch gern mit übertriebener Freude am Ruhm das Streben zu herrschen verbindet, so gibt man sich doch, wofern man nach wahrem Ruhm, wenn auch nur in den Augen der Menschen, verlangt, Mühe, denen nicht zu mißfallen, die ein richtiges Urteil haben. Es gibt nämlich viele sittliche Tugenden, über die man in weiten Kreisen günstig urteilt, obwohl sich deren Ausübung auf enge Kreise beschränkt; und die durch solche sittliche Vorzüge nach Ruhm, Macht und Herrschaft streben, sind es, von denen Sallust sagt: „Aber jener trachtet auf dem geraden Wege voran1 “. Sowie aber einer ohne das Verlangen nach Ruhm, das sich scheut vor den Mißfallen der richtig urteilenden Kreise, nach Macht und Herrschaft strebt, so kommt es ihm zumeist selbst auf die offenkundigsten Verbrechen nicht an, wenn er nur durch sie sein Ziel erreicht. Wer also nach Ruhm verlangt, trachtet danach entweder auf dem geraden Wege oder, falls durch List und Trug, doch immer bemüht, wenigstens den guten Schein aufrecht zu erhalten. Und deshalb ist es für einen, der Tugenden besitzt, eine große Tugend, den Ruhm zu verschmähen, da ja eine solche Gesinnung nur Gott bekannt, dagegen der Beurteilung durch die Menschen nicht zugänglich ist. Denn er mag vor den Augen der Menschen tun, was er will, um als Verächter des Ruhmes zu erscheinen, sobald man eben glaubt, er tue es zu dem Zwecke, noch mehr Lob d. h. noch größeren Ruhm zu ernten, so hat er kein Mittel, um solchem Argwohn gegenüber zu erweisen, daß er anders gesinnt sei als man meint. Indes wer sich aus Lobsprüchen nichts macht, den läßt auch unbegründeter Argwohn kalt, freilich aber nicht, wenn er wahrhaft gut ist, das Heil derer, die ihn also falsch beurteilen; denn so mächtig ist die Gerechtigkeit dessen, der seine Tugenden aus dem Geiste Gottes hat, daß er selbst auch seine Feinde liebt, und zwar so liebt, daß er seine Hasser und Verleumder umgestimmt und auf seiner Seite haben möchte, nicht im irdischen Vaterland, sondern im himmlischen; an denen aber, die ihm Lob spenden, ist ihm zwar das Lob gleichgültig, nicht aber das, was sie lieben, und er will sie in ihrem Lobe nicht auf ein falsches Ziel lenken, um nicht ihre Liebe in die Irre zu führen; und deshalb dringt er entschieden darauf, daß das Lob dem zugewendet werde, von dem der Mensch alles hat, was wirklich lobenswert ist an ihm. Wer aber nach Herrschaft gierig ist und dabei auf Ruhm keinen Wert legt, der ist noch über die wilden Tiere an Lastern der Grausamkeit oder der Ausschweifung. Manche Römer waren ja derart; sie hatten wohl die Sorge um ihren Ruf abgestreift, durchaus nicht aber der Herrschbegier entsagt. Solcher gab es nach Ausweis der Geschichte nicht wenige; aber den höchsten Grad, gleichsam den Gipfel dieses Lasters erreichte vor allen andern Kaiser Nero; seine Weichlichkeit war so groß, daß man hätte meinen mögen, es sei von ihm nichts zu befürchten, was irgend mannhafte Art fordert, seine Grausamkeit so entsetzlich, daß man bei ihm keine Weichlichkeit vermutet hätte, wenn man nicht darum gewußt hätte. Jedoch auch solchen Ungeheuern wird die Herrschgewalt nur zuteil durch die Vorsehung des höchsten Gottes, in Zeiten, da sie die menschlichen Verhältnisse für eine solche Herrschaft reif erachtet. Darüber läßt uns Gottes Wort durchaus nicht im Zweifel; denn die göttliche Weisheit spricht2 : „Durch mich regieren die Könige und die Tyrannen beherrschen durch mich die Erde“. Und man kann sich nicht darauf berufen, daß hier unter Tyrannen nicht schlimme und ungerechte Könige, sondern nach älterem Sprachgebrauch nur eben gewaltige Männer zu verstehen seien3 das Wort gebraucht mit Bezug auf Äneas:

„Friedens Gewähr ist's mir, des Tyrannen Rechte zu fassen“;

denn ganz deutlich spricht Gott an anderer Stelle4 : „Weil er um der Verderbtheit des Volkes willen einen Heuchler herrschen läßt“. Wenn ich also auch, so gut ich es vermochte, zur Genüge auseinandergesetzt habe, aus welchem Grunde der eine wahre und gerechte Gott den Römern, die in einem gewissen, dem Standpunkt des irdischen Staates entsprechenden Sinne gut waren, behilflich war, um den Ruhm einer so ausgedehnten Herrschaft zu erlangen, so wäre doch auch ein anderer, mehr verborgener, vielmehr Gott als uns bekannter Grund denkbar, der in Beziehung steht zu den mannigfachen Mißverdiensten der Menschheit; denn darüber sind alle wahrhaft Frommen einig, daß ohne wahre Frömmigkeit, d. h. ohne die wahre Verehrung des wahren Gottes niemand wahre Tugend besitzen könne und daß die Tugend, die sich in den Dienst des irdischen Ruhmes stellt, die wahre nicht ist; daß jedoch, wer nicht Bürger des ewigen Staates ist, der in unseren heiligen Schriften der Staat Gottes genannt wird, dem irdischen Staat größeren Nutzen schaffe, wenn er nur wenigstens diese Art von Tugend besitzt, als wenn er nicht einmal sie hat. Wenn aber solche, die in wahrer Frömmigkeit ein gutes Leben führen, die Kunst Völker zu regieren besitzen, so ist es für die Menschheit das größte Glück, wenn sie durch Gottes Erbarmnis die Gewalt haben. Solche Menschen jedoch führen ihre Tugenden, so groß oder klein, als sie sie hienieden haben können, ausschließlich auf Gottes Gnade zurück, weil er sie denen verleiht, die danach verlangen, an ihn glauben und darum bitten, und sehen zugleich auch ein, wieviel ihnen noch mangle bis zur vollkommenen Gerechtigkeit, wie sie sich findet in der Gemeinschaft der heiligen Engel, der sie sich anzugliedern streben. Und so sehr man die Tugend, die ohne wahre Frömmigkeit sich in den Dienst irdischen Ruhmes stellt, erheben und rühmen mag, sie kommt durchaus nicht den bescheidenen Anfängen der Heiligen gleich, die ihre Hoffnung auf die Gnade und Barmherzigkeit des wahren Gottes setzen.

1: S. oben V, 12, Seite 264.
2: Sprichwörter 8, 15. Hier weicht der Text der Vulgata von dem der Itala, den Augustinus benützt, wesentlich ab.
3: wie Vergil Aen. 7, 266.
4: Job 34, 30.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Bilder Vorlage

Navigation
. 1. Buch
. 2. Buch
. 3. Buch
. 4. Buch
. 5. Buch
. . Mehr
. . 9. Von dem Vorherwissen ...
. . 10. Steht der menschliche ...
. . 11. Von der allumfassenden ...
. . 12. Um welcher Eigensc...
. . 13. Die Ruhmsucht, ...
. . 14. Das Verlangen nach...
. . 15. Ein irdischer Lohn...
. . 16. Der Lohn der heiligen ...
. . 17. Welchen Erfolg ...
. . 18. Fern liege den ...
. . 19. Unterschied zwischen ...
. . 20. Die Tugenden in ...
. . 21. Das römische Reic...
. . 22. Kriegeszeit und ...
. . 23. Der Krieg mit dem ...
. . 24. Das Glück christl...
. . 25. Welch glückliche ...
. . 26. Treue und Frömmigkeit ...
. 6. Buch
. 7. Buch
. 8. Buch
. 9. Buch
. 10. Buch
. 11. Buch
. 12. Buch
. 13. Buch
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger