Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
4. Buch

30. Wie denken von den Heidengöttern deren Verehrer selbst nach ihrem eigenen Geständnis?

Der Zeichendeuter Cicero1 lächelt über die Vorzeichen und schilt die Leute, die ihre Lebenspläne nach der Stimme von Raben und Krähen einrichten. Indes dieser Akademiker, dem alles als ungewiß gilt, hat in solchen Fragen kein entscheidendes Gewicht Es tritt aber bei ihm im zweiten Buch des Werkes über die Natur der Götter2 Quintus Lucilius Balbus auf und gibt, obwohl er selbst abergläubische Anschauungen physischer und philosophischer Art, hergenommen aus der Natur der Dinge, mit einfließen läßt, doch seinem Unbehagen über die Errichtung von Götterbildern und über abergläubische Meinungen Ausdruck in folgenden Worten: „Seht ihr nun, wie die Betrachtung von den natürlichen Dingen hinweg, auf die man glücklich und mit nützlichem Erfolg gekommen war, zu den eingebildeten und erdichteten Göttern abgelenkt wurde? Daraus entstanden falsche Vorstellungen, verworrene Irrtümer und fast altweibermäßiger Aberglaube. Es ist uns ja sogar die Gestalt, das Alter, die Kleidung und der Schmuck der Götter bekannt, nicht minder ihr Geschlecht, ihre ehelichen Verbindungen, ihre Verwandtschaften, und in allem hat man die menschlichen Schwächen auf sie übertragen. Denn man legt ihnen Gemütserregungen bei; wir hören von Leidenschaften, Bekümmernissen, Zornesausbrüchen der Götter. Ja wenn wir den Fabeln glauben wollen, hat es sogar Kriege und Kämpfe unter den Göttern gegeben; und nicht bloß in der Form wie bei Homer, daß sich die Götter um zwei gegnerische Heere hüben und drüben annahmen, sondern sie führten auch [wie mit den Titanen oder den Giganten] selbst miteinander Kriege. Derlei Dinge, die weiter nichts sind als Einbildung und läppisches Zeug, zu behaupten und zu glauben, ist vollendete Torheit.“ Dies Geständnis aus dem Kreise derer, die für die Götter der Heiden eintreten, möge vorerst genügen. Indem er solche Anschauungen in die Kategorie des Aberglaubens verweist, dagegen der Religion zuteilt, was er selbst an der Hand der Stoiker, wie es scheint, vorbringt, fährt er fort: „Nicht nur die Philosophen, sondern auch unsere Vorfahren haben nämlich zwischen Aberglaube und Religion unterschieden; wer ganze Tage lang betete und opferte, damit seine Kinder ihn überleben möchten3 , wurde als abergläubisch [superstitiosus] bezeichnet“.

Er will also offenbar, aus Rücksicht auf die Traditionen der Bürgerschaft, die Religion der Vorfahren herausstreichen und sie als unterschieden vom Aberglauben erweisen, aber er bringt es nicht fertig. Denn wenn von den Vorfahren als abergläubisch die bezeichnet wurden, die ganze Tage lang beteten und opferten, traf dann dasselbe Verdikt nicht auch die, von denen Götterbilder [was er doch ebenfalls tadelt], nach Alter und Gewandung unterschieden, die Trennung nach Geschlechtern, die ehelichen Verbindungen und die verwandtschaftlichen Beziehungen der Götter eingeführt wurden? Wenn man das alles als abergläubisch brandmarkt, so richtet sich dieser Vorwurf natürlich gegen die Vorfahren, die solche Götterbilder errichteten und verehrten; er trifft auch den Tadler selbst, der, so beredt er sich zur Freiheit emporzuarbeiten versucht, doch auch die Bildnisse verehren mußte und in einer Volksversammlung nicht gewagt hätte, auch nur ein Wörtlein von dem verlauten zu lassen, wovon er in jener philosophischen Erörterung den Mund so voll nahm. Danken also wir Christen unserm Herrn und Gott, nicht dem Himmel und der Erde, wie Balbus meinte, sondern dem Schöpfer des Himmels und der Erde, der diese abergläubischen Anschauungen, die Balbus gleichsam stammelnd4 kaum ernstlich rügte, durch die tiefe Demut Christi, durch die Verkündigung der Apostel, durch den Glauben der Märtyrer, die für die Wahrheit starben und in der Wahrheit leben, nicht allein in den Herzen der Frommen, sondern auch in den Tempeln des Aberglaubens umgestoßen und an ihre Stelle die innere Freiheit in seinem Dienste gesetzt hat.

1: De divinat 2, 37.
2: c. 28.
3: superstites essent
4: „Balbus velut balbutiens“

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Bilder Vorlage

Navigation
. 1. Buch
. 2. Buch
. 3. Buch
. 4. Buch
. . Mehr
. . 17. Hätte man, wenn ...
. . 18. Worin besteht der ...
. . 19. Von der Fortuna ...
. . 20. Virtus and Fides ...
. . 21. Wenn man sich nich...
. . 22. Was für eine Wiss...
. . 23. Lange Zeit haben ...
. . 24. In welchem Sinne ...
. . 25. Nur den einen Gott...
. . 26. Die Schauspiele ...
. . 27. Die drei Arten ...
. . 28. Hat die Verehrung ...
. . 29. Das Vorzeichen, ...
. . 30. Wie denken von ...
. . 31. Varro hat die volk...
. . 32. Aus Eigennutz habe...
. . 33. Der Ratschluß ...
. . 34. Das israelitische ...
. 5. Buch
. 6. Buch
. 7. Buch
. 8. Buch
. 9. Buch
. 10. Buch
. 11. Buch
. 12. Buch
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger