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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
4. Buch

27. Die drei Arten von Göttern, von denen der Oberpriester Scävola handelt.

Es wird berichtet, der sehr gelehrte Oberpriester Scävola habe festgestellt, daß drei Arten von Göttern1 zu unterscheiden seien; die eine gehe auf die Dichter zurück, die andere auf die Philosophen, die dritte auf die Staatslenker. Die erste Art sei läppisch, weil hier den Göttern viel Unwürdiges angedichtet werde; die zweite eigne sich nicht zu Staatsgöttern, weil sich bei ihr manches Überflüssige finde sowie auch manches, was zu wissen den Völkern schade. Hinsichtlich des Überflüssigen ist die Sache von geringem Belang; es haben ja auch die Rechtsgelehrten den Spruch: „Ein Übriges schadet nicht“. Aber wie steht es mit dem, was schadet, wenn es unter die Menge gebracht wird? „Ich habe hier dies im Auge“, sagt er, „daß Hercules, Äsculap, Castor und Pollux keine Götter seien; denn die Gelehrten verraten, daß sie Menschen gewesen und nach Menschenlos gestorben seien“. Und was verraten sie sonst noch? „Daß die Staaten keine wahren Abbildungen von den wirklichen Göttern hätten, da ein wahrer Gott weder Geschlecht noch Alter noch umschriebene Körperform habe“. Das soll nach dem Oberpriester das Volk nur eben nicht wissen; denn für unrichtig hält er diese Anschauungen nicht. Er ist also der Meinung, daß es zuträglich sei, wenn die Staatsangehörigen in Sachen der Religion hinters Licht geführt werden. Auch Varro sagt dies unverhohlen in seinen Büchern über die göttlichen Dinge. Eine herrliche Religion, zu der der Mensch in seiner Schwachheit Zuflucht nehmen soll, um Befreiung zu erlangen, und wenn er nach der Wahrheit sucht, die ihn freimachen soll, so hält man es für zuträglich, daß er hinters Licht geführt wird. Warum ferner Scävola die von den Dichtern eingeführte Art von Göttern verwirft, ist in demselben Bericht zu lesen, nämlich weil von den Dichtern die Götter so entstellt werden, daß sie sich nicht einmal mehr neben anständigen Menschen sehen lassen können; den einen machen sie zum Dieb, den andern zum Wüstling oder legen ihnen so oder so schändliche und alberne Reden und Handlungen bei; drei Göttinnen hätten mit einander um den Preis der Schönheit gestritten, die zwei von Venus besiegten hätten Troja zerstört; Jupiter selbst verwandle sich in einen Stier oder in einen Schwan, um mit irgend einer den Beischlaf zu pflegen; eine Göttin heirate einen Menschen; Saturnus verzehre seine Kinder; kurz, man könne an Wunderlichkeiten und Lastern nichts ersinnen, was sich nicht bei den Göttern der Dichter finde und doch dem Wesen der Götter ganz fremd sei. Wohlan, Oberpriester Scävola, schaffe die Spiele ab, wenn du kannst; verbiete dem Volk, den unsterblichen Göttern solche Ehren zu erweisen, bei denen man vergnügt die Schandtaten der Götter anstaunt und soweit als möglich nachahmt. Wenn dir aber das Volk antwortet: „Ihr Priester selbst habt sie uns ja verschafft“, so flehe zu den Göttern, auf deren Betreiben ihr die Spiele angeordnet habt, daß sie ihren Befehl zurückziehen. Sind diese Dinge schlimm und deshalb ganz unvereinbar mit der Majestät der Götter, so geschieht ja den Göttern, denen sie ungestraft angedichtet werden, um so mehr Unrecht. Aber sie erhören dich nicht, sie sind Dämonen, Schlechtigkeiten wollen sie lehren, an Schändlichkeiten haben sie ihre Freude; sie betrachten es durchaus nicht als ein Unrecht, wenn ihnen derlei angedichtet wird, im Gegenteil, als unleidliches Unrecht gilt es ihnen, wenn derlei an ihren Festen nicht vorgeführt würde. Wenn du dich aber wider sie an Jupiter wenden wolltest im Hinblick darauf, daß gerade von ihm die meisten Verbrechen auf die Bühne gebracht werden, so würde sich zeigen, daß ihr dem Gott, der diese ganze Welt lenkt und regiert — und als solcher gilt euch doch Jupiter —, die größte Unbill eben dadurch antut, daß ihr ihn zusammen mit diesem Geschmeiß verehren zu müssen glaubt und als dessen König betrachtet.

1: Vgl. unten VI 5.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger