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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
4. Buch

26. Die Schauspiele zu Ehren der Götter, eine Forderung, die sie an ihre Verehrer stellten.

Doch „das erfand Homer“, sagt Tullius1 , „und übertrug damit Menschliches auf die Götter; hätte er lieber Göttliches auf uns übertragen“. Mit Recht mißfiel es dem ernsten Manne, daß der Dichter Verbrechen der Götter ersann. Warum werden aber dann die Schauspiele, bei denen derlei Schandtaten in Rede, Gesang und Handlung vorgeführt und zu Ehren der Götter dargeboten werden, von den gelehrtesten Männern unter die göttlichen Dinge gerechnet? Da sollte sich Cicero nicht gegen die Erfindungen der Dichter ereifern, sondern gegen die Einrichtungen der Vorfahren; aber auch diese würden sich ereifern: „Wir? Was haben wir getan? Die Götter waren es, die da forderten, daß derlei zu ihren Ehren dargeboten werde, sie haben es strenge befohlen, haben im Falle der Unterlassung mit Unheil gedroht, haben jede Vernachlässigung unerbittlich gerächt, haben sich versöhnt gezeigt, wenn die Nachlässigkeit wieder gut gemacht war“. Ein Beweis hiefür, der als Beispiel ihrer Machterweise und Wundertaten erwähnt wird2 . Ein römischer Bauer, Titus Latinius mit Namen, erhielt im Traume den Auftrag, beim Senat die Wiederholung der römischen Spiele zu veranlassen, weil am ersten Spieltag ein Verbrecher vor allem Volke zur Hinrichtung geführt worden war; der ernste Hinrichtungsbefehl hatte nämlich den Göttern Unbehagen verursacht, die sich doch bei den Spielen erlustigen wollten. Als sich nun der Beauftragte am folgenden Tage den Befehl nicht auszuführen getraute, ward ihm in der nächsten Nacht der gleiche Auftrag verschärft zuteil; und weil er dem Befehl abermals nicht nachkam, verlor er seinen Sohn. In der dritten Nacht wurde ihm mit einer noch schwereren Strafe gedroht im Falle der Unterlassung. Da er sich noch immer nicht das Herz nahm, verfiel er in eine heftige und entsetzliche Krankheit. Nun endlich brachte er auf Zureden seiner Freunde die Sache vor die Obrigkeit; er wurde in einer Tragbahre in den Senat verbracht, erzählte da seinen Traum und erlangte plötzlich seine Gesundheit wieder, so daß er auf eigenen Füßen und völlig wiederhergestellt nach Hause gehen konnte. Und der Senat beschloß auf dieses große Wunder hin, die Spiele unter Genehmigung des vierfachen Betrages zu wiederholen. Hier muß doch jeder Vernünftige einsehen, daß die Menschen, die den bösen Dämonen ergeben sind, von deren Herrschaft allein die Gnade Gottes durch unsern Herrn Jesus Christus befreit, mit Gewalt genötigt wurden, solchen Göttern Dinge darzubieten, die man bei richtiger Beurteilung für schändlich halten konnte. Die Spiele, die hier unter dem zwingenden Drängen der Gottheiten auf Senatsbefehl wiederholt wurden, sind eben identisch mit denen, in welchen die von den Dichtern erzählten Verbrechen der Gottheiten gefeiert werden. In diesen Spielen besangen, mimten und ergötzten die schandbarsten Schauspieler den Keuschheitsschänder Jupiter. Handelte es sich hier um Erdichtungen, so mußte er zürnen; fand er aber sogar an angedichteten Verbrechen Gefallen, so kann man seine Verehrung nur als Teufelsdienst bezeichnen. Er also sollte das römische Reich gegründet, erweitert und erhalten haben, er, der verworfener ist als der nächstbeste Mensch im Römerreich, der an solchen Dingen kein Gefallen findet? Er sollte das Glück spenden, der in so unglücklicher Form verehrt wurde, und sowie ihm diese Art von Verehrung nicht erwiesen wurde, die Unglücklichen seinen Zorn fühlen ließ?

1: Cic. Tuscul. 1, 26.
2: Cic. de divin. 1, 26. Liv. 2. 36.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger