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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
4. Buch

11. In den gelehrten Schriften der Heiden gilt Jupiter als Sammelname für viele Götter.

Man mag nun mit allen möglichen physikalischen Gründen und Erörterungen darzutun suchen, Jupiter sei die Seele dieser sichtbaren Welt, die die ganze Masse erfüllt und bewegt, die aus den vier oder aus beliebig vielen Elementen aufgebaut und zusammengesetzt ist, oder er trete Teile davon an seine Schwester und seine Brüder ab; er sei der Äther, so daß er Juno, die unterhalb sich ausbreitende Luft, von oben her umfange, oder er sei der ganze Himmel mitsamt der unteren Luftschicht und befruchte die Erde als seine Gemahlin und zugleich seine Mutter [weil das bei den Göttern nicht schimpflich ist] reichlich mit Regen und Samen; oder endlichum nicht alle Meinungen anführen zu müssen er sei der eine Gott, von dem nach der Ansicht Vieler ein trefflicher DichterVerg. Georg. 4, 221 f. den Ausspruch getan hat:

„Denn Gott schwebt durch alle

Länder und Räume des Meeres sowie durch die Tiefe des Himmels“;

er sei in der oberen Luftschicht Jupiter, in der unteren Juno, er sei im Meere Neptun, in den Tiefen des Meeres Salacia, auf der Erde Pluto, in der unteren Erdschicht Proserpina, am häuslichen Herde Vesta, am Schmiedfeuer Vulkan, bei den Gestirnen Sonne, Mond und Sterne, in den Sehern Apollo, beim Handel Mercurius, in Janus der Beginner, in Terminus der Begrenzer, er sei Saturnus hinsichtlich der Zeit, Mars und Bellona im Kriege, Liber in den Weingärten, Ceres im Getreide, Diana in den Wäldern, Minerva in den Geistern; er sei endlich auch gemeint mit dem Schwarm der sozusagen plebejischen Götter; er sei als Liber der Gott des männlichen, als Libera der des weiblichen Samens; er sei der Dispater, der die Leibesfrucht zu Tage befördert; er sei die Göttin Mena, die man über die Monatzeiten der Frauen gesetzt hat, die Lucina, die von den Gebärenden angerufen wird; er bringe den Neugebornen Hilfe, indem er sie in den Schoß der Welt aufnimmt, und heiße insofern Opis, er öffne ihnen den Mund zum Schreien und heiße davon Vaticanus; er hebe sie von der Erde aufNur wenn der Vater das Kind vom Boden aufhob, galt es als aufgenommen in die Familie. und heiße daher Levana, er Schutze die Wiegen und heiße in dieser Eigenschaft Cunina; kein anderer als er sei zu verstehen unter den Göttinnen, die den Neugebornen ihr Geschick weissagen und Carmenten heißen; er lenke den Zufall und heiße daher Fortuna; als Göttin Rumina verschaffe er dem Kindlein die Brust — die Alten nannten nämlich die Mutterbrust ruma —; als Göttin Potina reiche er Trank, als Göttin Educa Speise; er sei es, den man von der Furcht der Kinder Paventia, von der Hoffnung, die sich zeigt, Venilia, von der Lust Volupia, von der Betätigung Agenoria nennt; er heiße Göttin Stimula von dem Anreiz, der den Menschen zu übertriebener Betätigung verleitet; die Göttin Strenia sei er, sofern er Strammheit verleiht, er sei Numeria, die das Zählen, er sei Camena, die das Singen lehre; er sei ferner der Gott Consus, indem er Rat erteile, die Göttin Sentia, indem er gute Gedanken eingebe; er sei die Göttin Juventas, in deren Schutz die Jugend eintritt nach Ablegung der Knabentoga; er sei auch die Fortuna barbata, die den Erwachsenen den Bart verleiht [ihnen wollten sie die Ehre nicht antun, diese sonderbare Gottheit wenigstens als männlichen Gott anzusprechen, etwa als Barbatus von barba, wie man einen Nodutus von nodus bildete, oder doch nicht als Fortuna, sondern als Fortunius, da sie doch die Bärte unter sich hat]; er bringe als Gott Jugatinus die Ehegatten zusammen und werde auch als Göttin der Jungfrauschaft angerufen, wenn der jungfräulichen Gemahlin der Gürtel gelöst wird; er sei Mutunus oder Tutunus, der Priapus der Griechen: wenn es das Schamgefühl zuläßt, sei der eine Jupiter all das, was ich da angeführt habe und was ich nicht angeführt habe ich glaubte nicht alles anführen zu sollen , er sei zu verstehen unter all diesen Göttern und Göttinnen, sei es daß man mit einigen all das für Teile Jupiters hält oder mit anderen, die ihn zur Weltseele machen, für Kräfte Jupiters, eine Ansicht, die von den „vornehmen“ Kreisen und von den ganz Gescheiten vertreten wird. Wäre dem so [ich lasse einstweilen dahingestellt, was davon zu halten ist], was würden die Heiden dann verlieren, wenn sie kurz und gut Einen Gott verehren würden? Nichts von ihm ja würde mißachtet, wenn man ihn selber verehrte. Müßte man jedoch befürchten, daß die übergangenen oder vernachlässigten Teile von ihm zürnen, nun so handelt es sich hier nicht um ein einheitliches Gesamtleben, das alle Götter in sich schließt als seine Kräfte oder Glieder oder Teile; sondern wenn ein Teil unabhängig vom andern zürnen, ein anderer versöhnlich gestimmt und wieder ein anderer gereizt werden kann, so hat jeder Teil sein eigenes, von dem der übrigen gesondertes Leben. Wenn man aber sagt, alle Teile zumal, d. h. der ganze Jupiter selbst hätte beleidigt werden können, wenn man nicht auch seine Teile einzeln und nebeneinander verehrt hätte, so ist das ein törichtes Gerede. Es würde eben keiner übergangen, wenn der eine Jupiter selbst, der all das in sich schlösse, verehrt würde. Denn, um unzähliges andere beiseite zu lassen, wenn sie sagen, alle Gestirne seien Teile Jupiters und alle hätten Leben und vernunftbegabte Seelen und seien deshalb unstreitig Götter, so übersehen sie völlig, wieviele Götter sie nicht verehren, wievielen sie keine Tempel erbauen und keine Altäre errichten, während sie doch wieder einigen wenigen Gestirnen solche errichten und ihnen gesondert opfern zu sollen glaubten. Wenn also alle die Sterngötter, denen eine gesonderte Verehrung nicht zuteil wird, zürnen, fürchten sie dann nicht, da sie nur wenige günstig stimmen, unter dem Zorn des ganzen Himmels zu leben? Sind aber alle Sterne dadurch in die Verehrung einbegriffen, daß sie in Jupiter sind, den sie ja verehren, so könnten sie auf diesem einfachen Weg in dem einzigen Jupiter alle anrufen [und es würde ihnen dann niemand zürnen können, da in dem Einen keiner vernachlässigt würde], statt durch Verehrung einzelner den weit zahlreicheren, die beiseite gesetzt werden, gerechten Grund zum Zorne zu geben, zumal da der in schändlicher Nacktheit schwellende Priapus über sie gestellt wird, die doch von erhabenem Sitze aus herniederglänzen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger