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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
3. Buch

7. Die Zerstörung Ilions durch Fimbria, dem Feldherrn des Marius.

Denn was hat doch nachmals, schon während der Wirren des Bürgerkrieges, Ilion Schreckliches begangen, daß es von Fimbria, dem verworfensten Mitglied der Partei des Marius, mit viel größerer Roheit und Grausamkeit als ehedem von den Griechen zerstört wurde? Hatten sich dazumal viele geflüchtet und andere, wenn auch in Sklaverei geraten, doch ihr Leben gerettet, so gab Fimbria vorher die Weisung, niemand zu verschonen, und ließ die ganze Stadt mit all ihren Einwohnern verbrennen. Das mußte Ilion erleiden nicht von den Griechen, die es doch durch seinen Frevel gereizt hatte, sondern von Römern, die seinem Unglück ihr Dasein verdankten, und dabei haben den Iliern die gemeinsamen Götter keinerlei Hilfe zur Abwehr solchen Unheils angedeihen lassen oder, um die Wahrheit zu sagen, sie haben ihnen nicht helfen können. Sind etwa auch damals ,,von den Tempeln und Altären alle Götter gewichen“, auf deren Schutz die Stadt baute, die nach der früheren Einäscherung durch die Griechen aus den Trümmern wiedererstanden war? Waren sie aber entwichen, so frage ich, mit welchem Rechte, und es zeigt sich die Sache der Götter in umso schlimmerem Licht, als sich die der Einwohnerschaft ganz günstig darstellt. Die Ilier hatten nämlich dem Fimbria die Tore verschlossen, um die Stadt mit all ihren Mitteln dem Sulla zu erhalten; das war der Grund, weshalb Fimbria in seinem Zorne die Stadt anzündete oder vielmehr gänzlich zum Erlöschen brachte. Noch war aber Sulla das Haupt der besseren Partei, noch suchte er mit Waffengewalt die Verfassung wiederherzustellen; noch lag das schlimme Ende nach guten Anfängen ferne. Was hätten also die Bürger jener Stadt besseres tun können, womit hätten sie den Forderungen der Ehre und Treue mehr genügen können, als dadurch, daß sie ihre Stadt der besseren Sache der Römer erhielten und dem Hochverräter des römischen Staates ihre Tore verschlossen? Wie furchtbar ihnen jedoch dies zum Verderben ausschlug, das sollten sich die Verteidiger der Götter wohl merken. Angenommen also, die Götter hätten seinerzeit die ehebrecherischen Trojaner im Stich gelassen und das alte Ilion dem Feuerbrand der Griechen preisgegeben, damit aus der Asche eine keuschere Roma erstehe, warum haben sie dieselbe, den Römern stammverwandte Stadt nachmals wieder im Stich gelassen, die sich nicht etwa gegen ihre erlauchte Tochterstadt Rom auflehnte, sondern der gerechteren Partei ausdauernste und hingebendste Treue wahrte? Warum haben sie sie nicht wenigstens tapferen Männern aus dem Griechenvolke, sondern dem ruchlosesten unter den Römern zur Zerstörung überantwortet? Oder wenn den Göttern die Sache Sullas mißfiel, für die diese Unseligen die Stadt durch Schließung der Tore erhalten wollten, warum verhießen und verkündeten sie dann dem Sulla soviel Gutes? Entpuppen sie sich vielleicht auch hierin als Schmeichler der Glücklichen, nicht als Schutzer der Unglücklichen? Also ist auch das erstemal Ilion nicht deshalb zerstört worden, weil es von den Göttern im Stich gelassen worden war. Denn die Dämonen, stets wachsam auf alle Gelegenheiten zum Trug, haben getan, was sie vermochten. Während nämlich alle Götterbildnisse mitsamt der Stadt zerstört und verbrannt wurden, soll nach dem Bericht des Livius allein das Bild der Minerva unter den Trümmern ihres Tempels unversehrt geblieben sein, nicht mit dem Erfolg, daß man zum Ruhme der Götter sagen könnte:

„Himmlische Götter, die ihr von jeher Troja beSchutzet“1 ,

sondern zu dem Zweck, daß man nicht zu ihrer Entschuldigung vorbringen könne:

„Sämtliche Götter entwichen von Tempeln und Opferaltären“.

Soviel zu vermögen ward ihnen nämlich gestattet, nicht als Beweis ihrer Macht, sondern als Beweis ihrer Anwesenheit.

1: Verg. Aen. 9, 247.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger