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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
3. Buch

20. Keine Götterhilfe wurde den Saguntinern zuteil, als sie wegen ihres Bündnisses mit den Römern untergingen.

Unter allem Unheil des zweiten punischen Krieges war aber noch das traurigste und beklagenswerteste der Untergang Sagunts, Diese Stadt, in Spanien gelegen und mit dem römischen Volke eng verbündet, fiel der Vernichtung anheim, weil sie Bundestreue hielt. Daraus nahm ja Hannibal, als er den Vertrag mit den Römern gebrochen hatte, den Anlaß, diese zum Kriege zu reizen. Er bedrängte also Sagunt mit harter Belagerung. Auf die Kunde hievon sandten die Römer Botschaft an Hannibal mit der Aufforderung, von der Belagerung abzustehen. Zurückgewiesen, begab sich die Gesandtschaft nach Karthago, erhob Klage über Vertragsbruch und kehrte unverrichteter Dinge nach Rom zurück. In der Zwischenzeit wurde die unglückliche Stadt, eine der reichsten, hochgeschätzt im eigenen Staat und von den Römern, nach acht- oder neunmonatiger Belagerung zerstört. Die Geschichte ihres Unterganges auch nur zu lesen, geschweige denn darüber zu schreiben, ist schauerlich. Gleichwohl will ich in Kürze davon berichten; denn es hängt enge mit dem Thema zusammen. Zuerst verging die Stadt vor Hunger; sie soll sich ja nach manchen Berichten sogar von Leichnamen der Ihrigen genährt haben. Nachdem man sodann bei der äußersten Erschöpfung angelangt war, errichteten die Saguntiner, um wenigstens nicht gefangen in die Hände Hannibals zu fallen, öffentlich einen ungeheuren Scheiterhaufen, steckten ihn in Brand und übergaben sich und die Ihrigen ohne Ausnahme, indem sie sich auch noch mit dem Schwerte töteten, den Flammen. Hier hätten doch die Götter, diese Schlemmer, diese Windbeutel, etwas tun sollen, sie, die so gierig nach dem Fett der Opfer lecken und mit trügerischen Weissagungen die Leute benebeln. Hier hätten sie eingreifen, der dem römischen Volk so eng verbündeten Stadt helfen und nicht zulassen sollen, daß sie über der Heilighaltung der Treue zugrunde gehe. Sie hatten ja als Vermittler das Zustandekommen des Bündnisses mit dem römischen Staate geleitet. Eben dadurch, daß die Stadt treu festhielt an dem, was sie unter dem Vorsitz der Götter durch Beschluß eingegangen, durch Verpflichtung auf sich genommen, durch Eid befestigt hatte, ward sie von einem Treubrüchigen belagert, überwältigt und vernichtet. Wenn es die Götter gewesen wären, die nachmals durch Blitz und Ungewitter den Hannibal unmittelbar vor den Mauern Roms schreckten und verscheuchten, so hätten sie hier schon etwas der Art tun sollen. Ich wage nämlich zu behaupten, daß es für sie ehrenvoller gewesen wäre, ein Unwetter loszulassen zugunsten der Bundesgenossen der Römer, die in Gefahr geraten waren, weil sie den Römern die Treue nicht brechen wollten, die überdies damals ohne Unterstützung blieben, als zugunsten der Römer selbst, die für ihre eigene Sache stritten und dem Hannibal gegenüber reiche Mittel zur Verfügung hatten. Wären sie also die BeSchutzer von Roms Glück und Ruhm, so hätten sie von ihm den schweren Vorwurf des Untergangs der Stadt Sagunt abwehren müssen; so aber ist es doch eine allzu einfältige Annahme, Rom sei über den Siegen Hannibals deshalb nicht zugrunde gegangen, weil es unter dem Schutz dieser Götter stand, die die Stadt Sagunt nicht davor hatten bewahren können, daß sie für ihr Bündnis mit Rom zugrunde ging. Wäre die Bevölkerung von Sagunt christlich gewesen und hätte sie derartiges für den Glauben an das Evangelium zu erdulden gehabt — sie würde sich freilich in diesem Fall nicht durch Schwert und Feuer selbst vernichtet haben, aber nehmen wir an, sie hätte für den Glauben an das Evangelium Vernichtung erlitten —, so würde sie das in der Hoffnung, mit der sie an Christus glaubte, erduldet haben, nicht um einen Lohn, der vergänglich ist wie die Zeit, sondern um einen Lohn, der endlos ist wie die Ewigkeit. Aber diese Götter werden bekanntlich deshalb verehrt und ihre Verehrung wird deshalb zu einer Forderung gemacht, weil sie in diesen hinfälligen und vergänglichen Dingen glücklichen Erfolg sicher stellen sollen; was können uns also zu ihren Gunsten ihre Verteidiger und Schutzredner erwidern hinsichtlich des Falles von Sagunt als eben das, was sie beim Morde des Regulus vorbringen1 ? Der Unterschied liegt nämlich nur darin, daß dieser ein einzelner Mensch war, Sagunt eine ganze Stadt; aber Ursache des Unterganges war hier wie dort die Bewahrung der Treue. Mit Rücksicht auf sie wollte Regulus zurückkehren, wollte sich Sagunt von Rom nicht abkehren. Fordert also die Bewahrung der Treue den Zorn der Götter heraus? oder können trotz der Gunst der Götter nicht nur die einzelnen Menschen, sondern auch ganze Städte zugrunde gehen? Zwischen dieser Alternative mag man wählen nach Belieben. Zürnen die Götter über Bewahrung der Treue, so sollen sie ihre Verehrer nur unter Treulosen suchen; wenn aber trotz ihrer Gunst Menschen und Städte von vielen und schweren Leiden heimgesucht werden und darunter erliegen können, so schafft ihre Verehrung keinen Nutzen in der Richtung auf das irdische Glück. Und also mögen die, die ihr Unglück dem Verluste der Heiligtümer ihrer Götter zuschreiben zu sollen glauben, ihren Groll ablegen. Denn wenn die Götter noch da wären und überdies ihnen huldreich gesinnt wären, hätten sie in die Lage kommen können, nicht nur über Unglück zu murren, wie sie jetzt tun, sondern auch, wie einst Regulus und die Saguntiner, unter entsetzlichen Qualen gänzlich zugrunde zu gehen.

1: Siehe oben I 15.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger