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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
3. Buch

17. Roms Heimsuchungen nach Einführung der konsularischen Gewalt und die Gleichgültigkeit der Götter dabei.

Nachdem dann die Furcht etwas nachgelassen hatte — nicht als hätten die Kriege aufgehört, aber sie lasteten nicht mehr so schwer auf dem Volke — und damit die Zeit zu Ende gegangen war, in der „Recht und Billigkeit herrschte“, trat ein, was Sallust1 kurz in die Worte zusammenfaßt: „Hernach plagten die Patrizier das Volk durch herrisches Wesen, verfügten über Leib und Leben geradeso wie die Könige, vertrieben die Leute von ihrer Scholle und führten allein unter Ausschluß der Übrigen das Regiment. Da sich das Volk durch diese Grausamkeiten und vorab durch Wucher schwer bedrückt fühlte, während es doch bei den beständigen Kriegen die Last der Steuern und des Kriegsdienstes mitzutragen hatte, griff es zu den Waffen und besetzte den heiligen Berg und den Aventin; damals erwarb es sich den Volkstribunat und andere Rechte. Erst der zweite punische Krieg setzte den Zwistigkeiten und dem Kampfe ein Ziel.“ Wozu soll ich also viele Zeit opfern mit der Darstellung und den Lesern ein gleiches Opfer zumuten? Sallust hat ja in Kürze darauf hingewiesen, wie traurig es um dieses Gemeinwesen stand, da in einem so langen Zeitraum, die vielen Jahre bis zum zweiten punischen Krieg2 , Kämpfe nach außen ebenso wie innere Zwistigkeiten und Bürgeraufstände eine fortwährende Beunruhigung hervorriefen. Demnach waren die erfochtenen Siege keine wahren Freuden von Glücklichen, sondern leerer Trost für Unglückliche und verführerische Lockungen für rast- und ruhelose Leute, immer wieder neue Leiden auf sich zu nehmen, ohne einen Gewinn daraus zu ziehen. Mögen wir edle und einsichtige Römer diese Äußerungen nicht verübeln; ich brauche sie darum freilich nicht zu bitten und zu mahnen; denn es ist ganz ausgeschlossen, daß sie grollen. Denn was ich da sage, ist weder im Ton noch dem Inhalte nach unangenehmer als das, was ihre Schriftsteller sagen, nur daß ich in der Kunst der Darstellung und in der verfügbaren Muße weit hinter diesen bleibe; und sie haben sich seinerzeit abgemüht, diese Mitteilungen ihrer Schriftsteller dem Gedächtnis einzuprägen, und halten auch ihre Söhne dazu an. Die mir aber grollen, wie würden sie mich ruhig hinnehmen, wenn ich mich der Worte des Sallust bediente? „Es entstanden“, sagt er3 „sehr häufig Wirren, Aufstände und zuletzt Bürgerkriege, veranlaßt dadurch, daß einige Mächtige, denen ein großer Teil der Bevölkerung anhing, unter dem Deckmantel der Patrizier- oder der Volksinteressen nach der Herrschaft strebten; und bald unterschied man gute und schlechte Bürger nicht nach Verdiensten um das Gemeinwesen — es waren eben alle ohne Unterschied sittlich verkommen —, sondern wer das größte Vermögen besaß und durch unrechtmäßige Mittel zu bedeutender Macht gelangt war, wurde für einen guten Bürger erachtet, weil er für die Erhaltung des jeweiligen Zustandes eintrat.“ Wenn es nun diese Geschichtsschreiber für eine Pflicht edlen Freimutes hielten, die Übelstände im eigenen Staat, den sie oft genug in hohen Tönen zu rühmen sich veranlaßt glaubten, rückhaltlos anzuerkennen, obwohl sie einen anderen, wahrhaften Staat, in welchen Bürger für die Ewigkeit Aufnahme finden sollen, nicht kannten, was liegt uns, deren Freimut umso größer sein muß, je besser und sicherer unsere Hoffnung auf Gott ist, zu tun ob, wenn man das gegenwärtige Unheil unserm Christus zuschreibt, um schwache und ungebildete Geister dem Staate zu entfremden, der allein ewiges und seliges Leben gewährt? Und doch bringen wir auch gegen ihre Götter keine ärgeren Dinge vor als wiederum ihre Schriftsteller, die sie lesen und rühmen; sie sind unsere Quellen, nur daß wir sie weder ganz auszunützen noch in der Form zu erreichen imstande sind.

Wo also waren diese Götter, die vermeintlich wegen des armseligen und trügerischen irdischen Glückes verehrt werden müssen, wo waren sie, da die Römer, denen sie ihre Verehrung in gleißnerischer Arglist aufdrängten, von solchem Mißgeschick heimgesucht wurden? Wo waren sie, als der Konsul Valerius bei der Verteidigung des von Verbannten und Sklaven erstiegenen Kapitols das Leben lassen mußte und die Sache so stand, daß er leichter den Tempel des Jupiter zu Schutzen vermochte, als ihm der zahlreiche Troß der Gottheiten mit ihrem größten und besten König, dessen Tempel er befreite, zu Hilfe kam? Wo waren sie, als der von Aufständen ohne Zahl und Ende zerwühlte Staat, während man, eben ein wenig zur Ruhe gekommen, auf die Rückkehr der zur Entlehnung von Gesetzen nach Athen abgeordneten Gesandten wartete, durch schwere Hungersnot und Pest verheert wurde? Wo waren sie, als das Volk, wiederum während einer Hungersnot, den ersten Marktvorstand wählte und Spurius Mälius, der bei Zunahme der Hungersnot Getreide an die hungernde Menge austeilte, dadurch in den Verdacht kam, nach der Königswürde zu streben, und auf Betreiben des Marktvorstandes und auf Befehl des altersschwachen Diktators L. Quintius von dem Reiteroberst Quintus Servilius ermordet wurde, worauf eine heftige und gefährliche Gährung unter der Bürgerschaft erfolgte? Wo waren sie, als das vielgeplagte Volk beim Ausbruch einer furchtbar wütenden Pest den unnützen Göttern Polstermahle darbringen zu sollen glaubte, eine neue, noch nie dagewesene Einrichtung? Es wurden dabei zu Ehren der Götter Polster ausgebreitet; daher der Name dieses Gottesdienstes oder vielmehr dieser Gottesschändung. Wo waren sie, als das römische Heer zehn Jahre hintereinander unglücklich kämpfte vor Veji und eine schwere Niederlage nach der andern erlitt, bis endlich Furius Camillus rettend eingriff, den nachmals die undankbare Bürgerschaft verurteilte? Wo waren sie, als die Gallier Rom einnahmen, plünderten, in Brand steckten und mit Erschlagenen über und über bedeckten? Wo waren sie, als das berüchtigte Pestjahr die ungeheure Verheerung anrichtete, deren Opfer auch Furius Camillus wurde, welcher den undankbaren Staat früher gegen die Vejenter verteidigt hatte und nachmals an den Galliern rächte? In dieser Pestzeit veranlaßten sie die Einführung der szenischen Spiele und brachten damit eine neue und andere Pest, zwar nicht über die Leiber, wohl aber — was weit verderblicher ist — über die Sitten der Römer. Wo waren sie, als abermals eine schlimme Pest hereinbrach, wie man glaubte durch Giftmischerei von Frauen, deren über Erwarten viele, und zwar aus vornehmen Häusern in einem sittlichen Zustand erfunden wurden, der der schlimmsten Pest spottete? oder als beide Konsuln mit ihrem Heere von den Samnitern in den caudinischen Pässen eingeschlossen und genötigt wurden, mit dem Feinde einen schmählichen Vertrag zu schließen, der sechshundert römische Ritter zu Geißeln machte und den Rest ohne Waffen, ohne Oberkleid, nur mit je einem Gewande am Leibe, unter das Joch der Feinde zwang? oder als, während die übrige Bevölkerung unter schwerer Pest zu leiden hatte, auch im Heere viele durch Blitzschlag den Tod fanden? oder als sich Rom, wiederum zur Zeit einer unleidlichen Pestseuche, den Äsculap als vermeintlichen Heilgott von Epidaurus zu berufen und beizuziehen gezwungen sah, wohl deshalb, weil Jupiter, der König aller Götter, der schon lang auf dem Kapitol seinen Sitz aufgeschlagen hatte, in seiner Jugend vor Liebesabenteuern nicht zum Studium der Medizin gekommen war? oder als die Lucaner, Bruttier, Samniter, Etrusker und die senonischen Gallier gleichzeitig als verbündete Feinde auftraten, zunächst die Gesandten erschlugen, dann ein ganzes Heer mit seinem Prätor, mit sieben Tribunen und 13.000 Soldaten vernichteten? oder als nach langen und schweren städtischen Unruhen, die zuletzt zu feindseliger Auswanderung der Plebejer auf den Janiculus führten, das Unheil so drohend wurde, daß man mit Rücksicht darauf einen Diktator wählte, ein Schritt, zu dem man sich nur bei äußerster Gefahr entschloß, und zwar in der Person des Hortensius, der nun, nach Zurückführung der Plebejer, in seinem Amte starb, was bisher unerhört war und den Göttern um so mehr zum Schimpfe gereichte, als doch Äsculap schon da war? Hernach mehrten sich allenthalben die Kriege so sehr, daß die Proletarier — so genannt, weil sie, wegen Armut zum Kriegsdienst unfähig, durch Erzeugung von Nachkommenschaft [proles] ihren Beruf erfüllten, zum Kriegsdienste ausgehoben wurden. Auch Pyrrhus, König von Griechenland, damals mit höchstem Ruhm gefeiert, trat, von den Tarentinern zu Hilfe gerufen, als Feind der Römer auf. Ihm verkündete allerdings Apollo auf die Anfrage über den Ausgang des Unternehmens echt diplomatisch einen so zweideutigen Orakelspruch, daß er, mochte es so oder anders gehen, immer als Seher gelten mußte [er sprach nämlich: „Pyrrhus wird Rom besiegen können“] und demnach, ob Pyrrhus von den Römern besiegt würde oder umgekehrt, ohne Gefahr für seinen Seherruf die Entscheidung nach der einen oder andern Seite abwarten konnte. Welch entsetzliches Blutvergießen folgte dann auf beiden Seiten! Doch behielt Pyrrhus „die Oberhand und hätte schon beinahe Apollos Sehergabe in dem für ihn günstigen Sinne rühmen können, wenn nicht alsbald die Römer in einem zweiten Treffen Sieger geblieben wären. Und mitten im Wüten des Krieges brach auch noch eine schwere Seuche unter den Weibern aus; sie starben in schwangerem Zustand, bevor sie die reife Frucht zur Welt brachten. Da wird sich wohl Äsculap damit entschuldigt haben, daß er nicht Hebamme, sondern Oberarzt sei von Beruf. Auch das Vieh ging unter ähnlichen Umständen zugrunde, so daß man schon glaubte, das animalische Leben werde aussterben. Und wie? wenn jener denkwürdige, unglaublich strenge Winter, bei dem der Schnee selbst auf dem Forum vierzig Tage lang furchtbar hoch lag und der Tiberfluß von Eis starrte, in unsere Zeiten gefallen wäre, was würde man sagen, wie voll den Mund nehmen? Wie? abermals eine entsetzliche Pest, lange wütend, unzählige dahinraffend! Als sie sich mit erneuter Heftigkeit ins zweite Jahr hinzog, ohne daß Äsculaps Gegenwart etwas geholfen hätte, wandte man sich an die sibyllinischen Bücher. Bei dieser Art von Orakel glaubt man gemeinhin, wie Cicero in seinem Werke über die Weissagung erwähnt4 , eigentlich den Auslegern, die das Zweifelhafte deuten, wie sie können oder wollen. Damals wurde als Ursache der Pest angegeben, daß sehr viele heilige Gebäude in den Händen von Privatleuten seien; so ward Äsculap einstweilen von dem schweren Vorwurfe der Unkenntnis oder der Untätigkeit entlastet. Aber warum waren diese Gebäude vielfach mit Beschlag belegt worden, ohne daß jemand es hinderte? Doch nur deshalb, weil man sich an den Troß der Gottheiten lang genug ohne Erfolg gewendet hatte und so die Stätten allmählich von den Verehrern verlassen wurden, so daß sie als leere Stätten ohne jeden Anstoß doch eben zum Gebrauch der Menschen in Anspruch genommen werden konnten. Sie wurden ja auch, nachdem sie damals zur vermeintlichen Verscheuchung der Pest sorgsam zurückgefordert und erneuert worden waren, später neuerdings ebenso vernachlässigt, ihrem Zweck entfremdet und kamen in Vergessenheit; sonst hätte man es nicht der großen Gelehrsamkeit Varros zuschreiben können, daß er in dem Abschnitt über die heiligen Gebäude so viele unbekannte erwähnt. Allein es war nun wenigstens, wenn auch nicht für die Verscheuchung der Pest, so doch für eine artige Entschuldigung der Götter gesorgt.

1: Hist 1, 9. Vgl. oben Buch II K. 18.
2: c. 500-218 v. Chr.
3: Hist 1, 10.
4: De divinatione II 54.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger