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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
3. Buch

15. Leben und Ausgang der Könige Roms.

Und die Könige, wie endeten sie? Wegen Romulus mag sich die mythensüchtige Wohldienerei, die ihn in den Himmel aufgenommen sein läßt1 , auseinandersetzen mit jenen römischen Schriftstellern, die berichten, er sei vom Senat wegen seines rücksichtslosen Wesens in Stücke gerissen worden und man habe einen gewissen Julius Proculus angestiftet zu erzählen, er sei ihm erschienen und lasse durch ihn dem römischen Volke wissen, daß man ihn als Gott verehren solle, und auf solche Weise sei das Volk, das sich schon gegen den Senat erhoben hatte, in Schranken gehalten und beruhigt worden. Es war nämlich auch eine Sonnenfinsternis eingetreten, welche die unverständige Menge, die nicht wußte, daß sie sich nach bestimmten Gesetzen des Sonnenlaufes zutrug, mit den Verdiensten des Romulus in Zusammenhang brachte. Als hätte man, wenn es sich wirklich um eine Trauer der Sonne gehandelt hätte, nicht erst recht annehmen müssen, daß er ermordet worden sei und daß eben zum Zeichen dieses Verbrechens auch das Tageslicht sich verhüllt habe, wie es in der Tat geschah, als der Herr durch die Grausamkeit und Gottlosigkeit der Juden gekreuzigt wurde. Daß diese letztere Verfinsterung der Sonne nicht in dem regelrechten Lauf der Gestirne ihren Grund gehabt habe, geht deutlich genug daraus hervor, daß damals gerade das Osterfest der Juden stattfand; denn das Passah wird bei Vollmond gefeiert, eine regelmäßige Sonnenfinsternis aber kann nur gegen Neumond zu stattfinden. Unzweideutig gibt auch Cicero zu erkennen, daß es sich bei der Versetzung des Romulus unter die Götter mehr um eine Annahme als um eine Tatsache handle, da er, noch dazu mit rühmenden Worten seiner gedenkend, in dem Werke über den Staat2 Scipio sprechen läßt: „Er hat es erreicht, daß man ihn, als er plötzlich während einer Sonnenfinsternis verschwand, unter die Götter versetzt wähnte, eine Annahme, die von keinem Sterblichen in Kraft treten konnte, der nicht ganz außergewöhnlichen Ruhm der Tüchtigkeit gewonnen hätte“. [Wenn er eben sagt, er sei plötzlich verschwunden, so ist dabei sicherlich an Unwetters Gewalt oder an geheimnisvollen Mord zu denken; denn auch andere Schriftsteller lassen die Sonnenfinsternis mit einem plötzlichen Unwetter verbunden sein, das gewiß entweder die Gelegenheit zu einem Verbrechen bot oder selbst den Romulus hinwegraffte.] Von Tullus Hostilius nämlich, dem dritten König nach Romulus, der ebenfalls vom Blitze erschlagen ward, sagt Cicero in demselben Werke3 , man habe nicht angenommen, daß auch er durch diese Todesart unter die Götter gereiht worden sei, weil vielleicht die Römer das, was hinsichtlich des Romulus glaublich gemacht worden, d. h, in die Überzeugung übergegangen war, nicht gemein d. i. verächtlich machen wollten dadurch, daß man es leichthin auch auf einen andern ausgedehnt hätte. Er sagt auch offen in seinen Catilinarien4 : „Romulus, den Gründer dieser Stadt, haben wir aus Anhänglichkeit und der öffentlichen Meinung zufolge zu den unsterblichen Göttern emporgehoben“ und zeigt damit, daß sich die Vergöttlichung nicht wirklich zugetragen, sondern daß man aus Anhänglichkeit im Hinblick auf die Verdienste, die er sich durch seine Tüchtigkeit erworben hatte, diese Nachricht in Umlauf gesetzt und überallhin verbreitet habe. Im Dialog „Hortensius“ vollends läßt er sich, wo von der regelmäßigen Sonnenfinsternis die Rede ist, dahin vernehmen: „Um eine Finsternis herbeizuführen, wie bei Romulus Tode, der während einer Sonnenfinsternis eintrat“. Hier wenigstens scheute er sich nicht im mindesten, mit nackten Worten vom Hingang des Romulus wie vom Tode eines Menschen zu reden, weil er hier als Philosoph und nicht als Lobredner sprach.

Aber welch schreckliches Ende nahmen die übrigen Könige des Römervolkes, abgesehen von Numa Pompilius und Ancus Marcius, die eines natürlichen Todes starben! Tullus Hostilius, der Besieger und Zerstörer Albas, wurde, wie gesagt, mit seinem ganzen Hause vom Blitz erschlagen. Priscus Tarquinius wurde von den Söhnen seines Vorgängers ermordet. Servius Tullius fand den Tod durch die verbrecherische Hand seines Schwiegersohnes Tarquinius Superbus, der ihm in der Herrschaft nachfolgte. Und doch, nicht „aus den Tempeln geflohen und von den Altären gewichen sind die Götter“ nach einem so schauderhaften Vatermord an dem besten König der Römer, sie, die durch den Ehebruch des Paris veranlaßt worden sein sollen, an dem unglücklichen Troja so zu handeln und es den Griechen zur Zerstörung und Einäscherung preiszugeben; vielmehr folgte Tarquinius dem von ihm ermordeten Schwiegervater auf dem Throne nach. Diesen ruchlosen Verbrecher sahen die Götter das Reich besitzen durch Mord am Schwiegervater, sahen ihn in vielen Kriegen triumphieren und von der Kriegsbeute das Kapitol erbauen, und sie wichen nicht, sie waren da und blieben da und ließen es sich gefallen, daß ihr König Jupiter in jenem hochragenden Tempel, dem Werk eines Vatermörders, über sie die Leitung führe und herrsche. Es verhält sich ja nicht so, daß er das Kapitol noch in schuldloser Zeit erbaut hätte und nachher wegen seiner Mißverdienste aus der Stadt vertrieben worden wäre, sondern eben die Herrschaft, während deren er das Kapitol errichtete, hat er durch die Begehung eines entsetzlichen Verbrechens erlangt. Daß ihn aber die Römer nachmals vom Throne verjagten und ihm die Tore der Stadt verschlossen, dazu gab den Anlaß die Entehrung der Lucretia, eine Versündigung, die nicht er, sondern ohne sein Wissen und sogar in seiner Abwesenheit sein Sohn sich zuschulden kommen ließ. Er belagerte damals die Stadt Ardea, für das römische Volk war er in den Krieg gezogen; wir wissen nicht, was er getan hätte, wenn ihm die Schandtat seines Sohnes zur Kenntnis gebracht worden wäre; ohne sein Urteil einzuholen und zu kennen, hat ihm das Volk die Herrschaft entrissen; das Heer hatte die Weisung, von ihm abzufallen, und wurde in die Stadt zurückgenommen, darauf schloß man die Tore und verwehrte ihm die Heimkehr. Er aber führte wider die Römer mit Hilfe der gegen sie aufgewiegelten Nachbarvölker eine Reihe von Kriegen, in denen er ihnen hart zusetzte, lebte dann, da er von denen, auf deren Hilfe er vertraute, im Stiche gelassen wurde und deshalb die Herrschaft nicht wieder zu gewinnen vermochte, vierzehn Jahre lang, wie es heißt, als Privatmann ruhig in der Stadt Tusculum nahe bei Rom und erreichte mit seiner Gemahlin ein hohes Alter; so nahm er vielleicht ein begehrenswerteres Ende als sein Schwiegervater, der durch die Mörderhand seines Schwiegersohnes fiel, unter Mitwissenschaft seiner Tochter, wie man glaubt. Und doch gaben die Römer diesem Tarquinius nicht den Beinamen „der Grausame“ oder „der Verbrecherische“, sondern den Beinamen „der Stolze“, vielleicht weil sie seine königliche Hoffart aus eigenem Stolze nicht ertragen konnten. Denn das Verbrechen des Mordes am Schwiegervater, ihrem besten König, beirrte sie so wenig, daß sie den Mörder zu ihrem König machten; und ich weiß nicht, ob sie durch diese reichliche Belohnung eines schweren Verbrechens nicht ein noch größeres Verbrechen begingen. Aber „die Götter sind nicht aus den Tempeln entflohen, von ihren Altären gewichen“. Zu ihrer Entschuldigung könnte man unter diesen Umständen höchstens noch annehmen, sie seien deshalb in Rom geblieben, um die Römer, statt ihnen Wohltaten zuzuwenden, mit Strafen heimzusuchen, indem sie sie durch eitle Siege berückten und durch äußerst blutige Kriege aufrieben.

Dies war unter den Königen in der preiswürdigen Periode des römischen Staates das Leben der Römer fast zweihundertdreiundvierzig Jahre hindurch bis zur Vertreibung des Tarquinius Superbus; und all diese Siege, mit vielem Blute und schweren Verlusten erkauft, haben die Herrschaft kaum auf zwanzig Milien von der Hauptstadt aus erweitert, ein Umfang, der nicht einmal dem Territorium eines Getulierstammes5 von heute gleicht.

1: Vgl. oben II, 15.
2: II, 10.
3: De republ. II, 17.
4: Cat. 3, 1.
5: Die Gätulier, ein in Stämme geteiltes Volk im nordwestlichen Libyen [Südmarokko und Westsahara].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger