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Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
1. Buch

18. Was hat es für eine Bewandtnis mit fremder, gewaltsam erzwungener Lust, die der Geist wider seinen Willen an dem vergewaltigten Leibe erduldet?

Aber freilich man fürchtet, auch durch fremde Lust befleckt zu werden. Sie befleckt aber nicht, wenn sie wirklich nur eine fremde ist; wenn sie aber befleckt, so handelt es sich eben nicht um nur fremde Lust. Da jedoch die Keuschheit eine Tugend der Seele ist und zur Begleiterin die Starkmut hat, durch sie sich dahin entscheidet, lieber alles Schlimme zu ertragen, als in Schlimmes einzuwilligen, da ferner kein noch so starkmütiger und keuscher Mensch darüber frei verfügen kann, was an seinem Leibe geschieht, sondern lediglich darüber, ob sich der Geist zustimmend oder ablehnend verhalte, wie wäre anzunehmen, daß man, sofern nur eben der Geist unverletzt bleibt, die Keuschheit verliere, wenn etwa an dem in fremde Gewalt gekommenen und überwältigten Leib ein anderer seine und nur seine Lust ausübt und befriedigt? Ginge auf diesem Wege die Keuschheit unter, so wäre sie ja gar nicht eine Tugend der Seele und gehörte nicht zu den Gütern, die das gute Leben begründen, sondern sie wäre zu den leiblichen Gütern zu zählen, wie die Kraft, die Schönheit, die Gesundheit; Güter, deren Abnahme doch in keiner Weise einem guten und rechten Leben Eintrag tut. Wenn die Keuschheit zu dieser Art von Gütern gehört, warum müht man sich zu ihren Gunsten, um sie nicht zu verlieren, selbst mit Gefahr des Lebens ab? Ist sie aber ein Gut der Seele, so geht sie auch bei Vergewaltigung des Leibes nicht verloren. Man muß sogar noch weiter gehen und sagen: Wenn das Gut der heiligen Enthaltsamkeit den unreinen Begierden des Fleisches nicht nachgibt, so wird auch der Leib geheiligt; wenn also die Enthaltsamkeit in unerschütterlicher Gesinnung dabei verharrt, den Begierden nicht nachzugeben, so geht nicht einmal dem Leibe die Heiligkeit verloren, da der Wille, ihn in heiliger Absicht zu gebrauchen, und, soweit es auf den Leib ankommt, auch die Fähigkeit dazu andauert.

Denn nicht dadurch ist der Leib heilig, daß seine Glieder unversehrt sind, noch auch dadurch, daß sie keiner Berührung ausgesetzt werden; können sie ja doch auch durch allerlei Zufälle verwundet werden und Gewalt leiden und die Ärzte nehmen zuweilen im Interesse der Gesundheit an ihnen Dinge vor, vor deren Anblick man schaudert. Eine Hebamme untersuchte mit der Hand die Jungfrauschaft eines Mädchens und verletzte sie dabei aus Böswilligkeit oder Unachtsamkeit oder Zufall. Ich glaube, es wird niemand so töricht sein, zu meinen, diese Jungfrau habe auch nur an Heiligkeit des Leibes etwas eingebüßt, obwohl ihr die Unversehrtheit jenes Körperteiles abhanden kam. Wenn also der feste Wille bestehen bleibt, durch den auch der Leib zur Heiligung emporgehoben wird, so benimmt der Ungestüm fremder Begierde nicht einmal dem Leib die Heiligkeit, da diese durch die Fortdauer seiner Enthaltsamkeit gewahrt wird. Umgekehrt, wenn sich ein Weib, das im Herzen verdorben ist und das gottgeweihte Gelübde gebrochen hat, zu ihrem Verführer begibt, um sich schänden zu lassen, nennen wir etwa ein solches in dem Augenblick, da sie sich zu dem genannten Zweck dorthin begibt, auch nur dem Leibe nach heilig, da doch bereits die Heiligkeit der Seele, worauf die des Leibes beruht, verloren gegangen und zernichtet ist? Gewiß nicht! Und daraus mögen wir die Lehre ziehen, daß die Heiligkeit des Leibes ebenso bestimmt nicht verloren geht, auch nicht bei Vergewaltigung des Leibes, solang die Heiligkeit der Seele bestehen bleibt, wie sie nach Verletzung der Heiligkeit der Seele auch dann verloren geht, wenn der Leib unversehrt ist. Deshalb hat eine Frau, wenn sie ohne jede Einwilligung von ihrer Seite gewaltsam mißbraucht und durch fremde Sünde geschwächt wird, keine Schuld, die sie an sich mit freiwilligem Tode strafen könnte; wieviel weniger vor der Tat! Da würde ja ein sicherer Mord begangen zu einer Zeit, da das Verbrechen, und zwar das eines andern, noch gar nicht sicher ist.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger