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Petrus Chrysologus († 450) - Ausgewählte Predigten

VIII. Thematische Homilien ohne Anlehnung an einen Schrifttext

Achtundfünfzigster Vortrag: Über die Auferstehung des Fleisches.

Heute hat der heilige Evangelist dadurch, dass er uns erzählte, wie Christus den einzigen Sohn einer Witwe, der schon eingehüllt war in Leichentücher, der bereits lag auf der Trauerbahre, der bereits dem Kerker des Grabes entgegenging, begleitet von der Menge, dem Leben wiedergab1 , aller Herzen erschüttert, aller Gemüt erregt, aller Ohren [geradezu] betäubt. Mögen auch die Heiden sich darüber wundern, mögen auch die Juden darüber staunen, mag auch die Welt sich entsetzen: wir aber, die wir glauben, dass auf das eine Wort Christi alle Toten aus allen Jahrhunderten aus ihren Gräbern auferweckt werden können, warum wundern wir uns? Denn Isaias sagt: "Auferstehen werden die Toten und wieder sich erheben, die in den Gräbern sind"2 . Und der Herr sagt: "Es kommt die Stunde, wo die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, und die sie hören werden, werden leben"3 . Dazu sagt der Apostel: "Plötzlich, in einem Augenblick, bei der letzten Posaune; denn die Posaune wird erschallen, und die Toten werden unverweslich auferstehen"4 . Welches ist nun diese Posaune, die den Krieg erklärt der Unterwelt, des Grabes Felsenlast durchbricht, die Toten zum Leben laut aufruft, denen, die zum Lichte auferstehen, ewigen Triumph verleiht? Welches ist jene Posaune? Die, von der der Herr oben sagte: "Die Toten werden die Stimme des Sohnes Gottes hören". Sie ist eine Posaune, die nicht durch ein gebogenes Horn von Holz oder Erz mit gepreßtem Tone den Kämpfenden den Trauergesang entgegenträgt, sondern die aus dem Herzen des Vaters, dem Munde des Sohnes, der Unterwelt und der Überwelt zugleich den Ruf des Lebens entgegentönen läßt. "Bei der letzten Posaune". [Sie ist] jene Posaune, die im Anfange der Welt aus dem Nichts ins Dasein rief, die auch selbst am Ende [aller Dinge] die Welt aus dem Verderben zurückrufen wird; die, die im Anfange den Menschen aus dem Erdenleben erhob, sie wird auch am Ende den Menschen wiedererwecken aus dem Staube. Brüder! Wir glauben das deshalb, weil diese Posaune der göttlichen Stimme das Chaos teilte, den Erdkreis sammelte5 , die Elemente voneinander trennte6 , die Welt schied [in Himmel und Erde], den Himmel befestigte, die Erde festgründete7 , das Meer bezwang und die Unterwelt in die Tiefe senkte, die Ordnung in den Dingen herstellte und die ewige Gesetzmäßigkeit8 der Welt bestimmte; und damit das Universum nicht durch Leere abschrecke, schuf er ihm geeignete Bewohner und bestimmte ihnen also ihre Wohnungen: in den Himmel setzte er die Engel, die ein geistiges Leben führen; auf die Erde verpflanzte er die vielgestaltigen irdischen Lebewesen; in der Luft ließ er fliegen die beflügelten Tiere9 , in den Wassern bildete er große und kleine Lebewesen10 , damit leben solle die große Menge der Lebewesen.

Und so fügte er auf wunderbare Weise aus den auseinanderstrebenden Elementen den festen Bau der Welt, dass weder die Vermischung ihre Verschiedenheit aufhebe noch auch ihre Verschiedenheit die Einheit der Welt zerreiße! Daher kommt es, dass trotz ihrer Verbindung11 Tag und Nacht so voneinander geschieden sind, dass aus der Nachtruhe des Tages Mühe, aus der Mühe des Tages die Ruhe der Nacht hervorgeht. Daher umkreisen Sonne und Mond abwechselnd die Bahnen der Welt, damit die Sonne mit doppeltem Lichte die Helligkeit des Tages mehre und der Mond mit annähernd gleichem Lichte12 die Zeiten der Nacht nicht gänzlich im Dunkeln lasse. Deshalb gehen auch die Sterne in ihrem Laufe an verschiedenen Stellen auf, um sowohl den Nächten ihre Zeit zu bestimmen als auch dem Wanderer als Führer zu dienen. Deshalb kommen die Zeiten, indem sie dahingehen; sie beginnen, indem sie aufhören. So auch die Samenkörner: sie keimen, wachsen, sprossen empor, blühen herrlich auf, altern, fallen ab und sterben dahin, und wiederum kehren sie, begraben in der lebenspendenden Furche, aufgelöst durch die Fäulnis, aus dem leilbringenden Tode zurück zum Leben: aus ihrer Verwesung erheben sie sich in unvergänglicher Gestalt. Und wenn nun, Brüder, die Stimme Gottes, die Posaune Christi, Tag für Tag, Monat für Monat, Zeit für Zeit, Jahr für Jahr dies alles herauf- und zurückruft, herauf- und zurückführt, ins Dasein setzt und ebenso wieder in das Nichts, dem Tode überliefert und dem Leben wiedergibt warum soll er das, was er in allen Dingen immer tut, nicht einmal in uns vollbringen können? Oder ist die göttliche Kraft in uns allein schwach, derentwegen allein alles, was wir oben geschildert haben, doch Gottes Majestät geschaffen hat? Mensch, wenn deinetwegen dies alles aus dem Tode wieder auflebt, warum solltest du nicht für Gott wieder aufleben aus dem Tode?

Oder geht nur in dir allein Gottes Schöpfung verloren, um dessentwillen doch täglich die ganze Schöpfung besteht und sich bewegt, sich ändert und erneuert? Brüder! Ich sage dies nicht, um die Wundertaten Christi ihrer Herrlichkeit zu berauben, sondern ich mahne euch, dass wir durch das Beispiel des deinen Auferstehenden13 angefeuert werden zu dem Glauben an die Auferstehung aller, dass wir für wahr halten, dass das Kreuz sei für unsern Leib der Pflug, der Glaube das Samenkorn, das Grab die Furche, die Verwesung der Keim, die Zeit die Erwartung, damit, wenn der Frühling der Ankunft des Herrn uns entgegen lacht, dann das grünende Saatfeld unserer Leiber sich erhebe zur Ernte des Lebens, um dann kein En de mehr und kein Altern mehr zu kennen, um keinen Sichel- und Flegelschlag mehr zu erleiden! Denn wenn einmal die alte Spreu dem Tode verfallen ist, erhebt sich herrlich der Leib zur neuen Frucht! Ferner: Die Tränen einer einzigen Witwe, die nur kurze Zeit flossen, bewogen Christentum , ihr auf dem Wege entgegenzugehen, die ihren Augen entströmende Flut des Schmerzes zu trocknen, den Tod zurückzutreiben, den Menschen [dem Leben] wieder zuzuführen, den Leib wieder aufzuerwecken, das Leben wiederzugeben, das Leid in Freude zu wandeln, die Leichentrauer in eine Geburtsfeier zu verwandeln, den der Totenbahre schon übergebenen [Sohn] der Mutter aus dem Totenreiche lebend wieder zurückzugeben. Was wird er dann erst tun, wenn er entbrennen wird in der Kraft [seiner Liebe] angesichts der unaufhörlichen Tränen der Kirche, des Blutschweißes seiner Braut? Denn durch die Schar ihrer Büßer vergießt die Kirche14 unablässig Tränen, in ihren Märtyrern schwitzt sie ein heiliges Blut, bis Christus seinem einzigen Sohne, d. i. dem christlichen Volke, entgegenkommt, der so lange Zeit immerfort zum Tode geschleppt wird, und ihn wieder erhebt von der Bahre des Todes zum ewigen Leben, zur ewigen Freude der erhabenen Mutter! Weil aber die Zeit der Geburt des Herrn herannaht und das himmlische Wunder, die gebärende Jungfrau, bereits seine Strahlen ausgießt, ja die Geburt des göttlichen Königs uns nicht ein Stern, sondern die aufgehende Sonne selbst verkündet, so laßt uns alle zur Anbetung ihm entgegeneilen, laßt uns mit heiligen Geschenken bekennen, dass unser Gott und König hervorgegangen ist aus dem Tempel einer Jungfrau! Vortrag 58 Laßt uns ihm Gaben darbringen, weil bei der Geburt eines Königs stets öffentliche Opfer stattfinden, laßt uns ihm Geschenke opfern, weil genugsam Unehrerbietigkeit verrät ein Anbeter, der mit leeren Händen kommt! Das beweist ja der Magier15 , der, mit Gold beladen, duftend von Weihrauch, geheiligt durch Myrrhen, sich niederwirft vor der Wiege Christi! Wie soll man es denn bezeichnen, wenn der Christ nicht tut, was der Magier tat? wenn zur Freude über die Geburt Christi der Arme weint, der Gefangene seufzt, der Gastfreund klagt, der Fremde jammert? Die Juden feierten ihre himmlischen Feste immer mit dem Opfer des Zehnten16 . Und welche Gesinnung verrät der Christ dann, wenn er sie nicht mit dem hundertsten Teil ehrt? Brüder! Glaube doch niemand von euch, dass ich solches nur erwähne aus dem Eifer des Redners heraus, ohne Schamgefühl! Es schmerzt mich, ja es es tut mit weh, wenn ich lese, dass die Magier die Wiege Christi reichlich überschütteten mit Goldregen, und den Altar des Leibes Christi leerstehen sehen muß von Christen17 , und das gerade in dieser Zeit, wo der verderbenbringende Hunger der Armen, wo die bejammernswerte Schar der Gefangenen sich mehr und mehr um uns vergößert! Sage doch niemand: "Ich habe nichts!" Gott fordert doch nicht von dem, was du nicht hast, sondern was du hast, wie er auch die zwei Pfennige der Witwe gnädig anzunehmen sich würdigte18 . Seien wir doch opferfreudig gegen den Schöpfer, damit auch die Natur uns segne! Laßt uns aufhelfen der Not unserer Brüder, damit wir erlöst werden von unserer eigenen Not! Laßt uns auffüllen den Altar Gottes, damit unsere Scheunen sich füllen mit der Fülle der Frucht!

Gewiß, wenn wir nichts geben, sollen wir uns nicht beklagen, daß wir nichts empfangen! Unser Gott selbst aber möge uns Gutes verleihen jetzt und in der Zukunft durch unsern Herrn Jesum Christum, dem da ist alle Ehre und ewige Herrlichkeit zugleich mit dem Hl. Geiste, jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit. Amen.

1: Lk 7,12-15
2: Is 26,19 LXX
3: Job 5,25
4: 1 Kor 15,52
5: vgl. Gen 1,9
6: vgl. Gen 1,7
7: vgl. Ps 135,6
8: eigentlich "Knechtschaft", servitutem
9: Gen 1,21 f.
10: ebd
11: d. i. ihrer unmittelbaren zeitlichen Aufeinanderfolge
12: lumine suppari
13: gemeint der Jüngling v. Naim
14: es ist mit Januel per supplicantes Ecclesia zu lesen statt per supplicantem Ecclesiam bei Migne
15: Mt 2,11
16: vgl. Dt 14,22-26
17: der Redner beklagt sich, dass die Gläubigen nachlassen in ihrem Eifer, für die Bereitung der kirchlichen Bedürfnisse und der Unterstützung der Armen Gaben zum Gottesdienste mitzubringen
18: Mk 12,41-44

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger