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Petrus Chrysologus († 450) - Ausgewählte Predigten

II. Vorträge über das Markusevangelium

Fünfundzwanzigster Vortrag: Über die Stelle: "Und an jenem Tage, da es Abend geworden war, sprach Jesus zu ihnen:'Lasset uns an das jenseitige Ufer fahren...'" bis: "und er sprach zu ihnen: 'Was seid ihr furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?'" Mk 4,35-40

Jedesmal, wenn Christus in unserem [Lebens]schiffe schläft und die träge Ruhe ihn in uns einschlafen macht, bricht der Sturm los mit der ganzen Kraft der Winde; dann wüten die totverkündenden Wogen, und während sie mit schäumender Flut bald hochgehen, bald in die Tiefe stürzen, bringen sie den in banger Erwartung schon lebenden Schiffern den Untergang. Dies schildert der Evangelist in unserer vorliegenden Lesung, wo es heißt: "Und an jenem Tage, da es Abend geworden war, sprach Jesus zu ihnen: 'Lasset uns an das jenseitige Ufer fahren!' Und sie entließen das Volk und nahmen ihn mit, so wie er im Schiffe war"1 . "Und an jenem Tage sprach Jesus zu ihnen." An welchem Tage? Freilich an dem Tage, an dem nach Isaias er sich erhebt, um zu zerschmettern die Erde2 , an dem Tage, an dem des irdischen Lichtes Glanz sich ganz verdunkelt, an dem Tage, an dem mit der hereinbrechenden Nacht stetig wachsen die Versuchungen der eitlen Truggestalten, die wir so sehr fliehen müssen. "Als es Abend geworden war." Abend wird es dann, wenn die auftretenden Umwälzungen der Dinge den Sinnen der Menschen ankündigen des Lebens Ende und die letzte Stunde3 . "Laßt uns an das jenseitige Ufer fahren"4 , von der Erde zum Himmel, vom Diesseits zum Jenseits. Und mit Recht: "an das jenseitige Ufer";denn das Göttliche ist immer dem Menschlichen entgegen gesetzt5 ; denn während dieses, die ihm unterworfen sind, nur hinreißt zur Machtlosigkeit, erhebt jenes, die ihm folgen, zur Kraft. "Und sie entließen das Volk." Hinter sich lassen6 die das Volk, die Volksgunst und den Volkshaufen, die immer in unbeständigem Urteil hin und herschwanken, mißachten; die sich nicht irre machen lassen durch menschliches Gerede und so von dem Pfade der Tugend abweichen; sondern die, feststehend in gutem Gewissen, unbekümmert um Lob oder Tadel, unter der Begleitung Christi die trügerischen Wogen [der Weltmeinung] durchfahren.

"Und sie nahmen ihn" heißt es, "so wie er im Schiff war"7 . Was heißt das? Christus ist anders8 im Himmel, als er im Schiffe erscheint; anders ist er in der Herrlichkeit des Vaters, als in der demütigen Gestalt eines Menschen; anders in der Gleichewigkeit mit dem Vater, als zeitlich in den verschiedenen Stufen unseres Lebenslaufes; anders ist er schlafend in unserem Leibe, als wachend in der Heiligkeit seines Geistes. "Sie nahmen ihn, so wie er in dem Schiffe war", heißt es. Es verdient der Glaube Lob, Christum so aufzunehmen, wie er ist und wie er im Schiffe ist, d. h. in der Kirche, wo [der Glaube lebt, dass] er geboren, herangewachsen, gelitten, gekreuzigt, begraben worden ist, wo ein jeder zu seinem Heile bekennen muß, dass er auch in den Himmel aufgefahren sei, sitzt zur Rechten des Vaters, dass er als Richter der Lebenden und der Toten wiederkommen wird. Wer mit solchem Bekenntnis in unserem Schiffe9 Christum aufnimmt, der wird, mag er auch hin und hergeworfen werden vom den Wogen des Ärgernis ses10 , doch nimmer verdeckt und vergraben werden von den gefährlichen Wellen. "Und ein gewaltiger Sturmwind erhob sich", heißt es, "und warf die Wellen in das Schiff, so dass das Schiff sich füllte"11 . "Und ein gewaltiger Sturmwind erhob sich". Dieser Sturmwind wagt nicht die Kraft des Herrn herauszufordern, sondern will nur den Glauben der Jünger wecken, ihre Furcht offenbaren, um zu zeigen, wieviel Unterwürfigkeit er seinem Schöpfer schuldig sei.

"Und er selbst", heißt es, "schlief auf dem Hinterdeck"12 . Zu dem Schlafenden eilen die Wachenden; sie glauben, dass er den wütenden Elementen widerstehen könne, wenn sie ihn auch in größter Ermüdung von der Gewalt des Schlafes bezwungen sehen. Sie sehen ihn von dem dem Menschen so notwendigen Schlafe so überwältigt, dass nicht einmal das Gebrüll des Meeres, nicht das Tosen der Fluten, nicht der drohende Schiffbruch ihn wecken konnte. Wie aber bewahrheitet sich der Spruch: "Siehe, nicht wird schlafen noch schlummern der Wächter Israels"?13 . Nicht seinetwegen schläft er, nicht für sich schlummert der Allmächtige, der keine Müdigkeit kennt, der keiner Ruhe bedarf; sondern nur für sich handelt er so, weil er, wie oft er die äußere Gestalt seiner Handlungen, den äußeren Schein seines Antlitzes verändert, so oft unsere Wankelmütigkeit und die Schuld unserer Seele uns zum Vorwurf macht. Hört, was der Prophet sagt: "Seine Wimpern durchforschen die Menschenkinder"14 . Seht, wie Gottes Augen sich schließen, damit sie nicht zu achten brauchen auf die Bestrafung der Sünder! "Wende", heißt es ja, "dein Antlitz ab von meinen Sünden"15 . Und wiederum stehen sie16 offen, um, die da laufen, anzutreiben; aufzurichten, die müde sind; zu schützen, die fliehen. Der Umstand, dass der Herr also schläft, weckt den Glauben der Jünger, offenbart ihre zweifelnden Gedanken; so verrät er ihre Kleingläubigkeit, da sie glauben, dass nicht bloß gegen sie, sondern gegen den Schöpfer selbst die Elemente sich erheben könnten. "Und warf die Wellen in das Schiff"17 , heißt es weiter. Wie von außen her die Wogen, d. i. die Macht der Heiden, das Schiff des Herrn erschüttern und überschütten, ebenso stürzen im Innern die hohen Wellen der Irrlehre gegen das Schiff des Herrn heran mit gewaltigem Getöse. Diesen Sturm behauptet der hl. Paulus selbst erduldet zu haben, wenn er sagt: "Von außen Kämpfe, von innen Furcht"18 . "So dass das Schiff sich füllte." Ganz richtig sagt der Evangelist, dass das Schiff von den schäumenden Wogen erfüllt sei, da die Kirche fast an ebensovielen Irrlehren leidet, als wir Fragen der göttlichen Lehre kennen.19 .

"Und er schlief", heißt es, auf dem Hinterdeck auf dem Kopfpolster. Und sie weckten ihn und sprachen zu ihm; 'Meister, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?' Und er stand auf und gebot dem Winde und sprach zu dem Meere: 'Schweige! Verstumme!' Und der Wind legte sich, und es ward eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: 'Was seid ihr furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?'"20 . Wenn auch die Lesung ein Ereignis der Vergangenheit schildert, zeigt sie uns doch in diesem Beispiele unsere zeitliche Lage. Denn wahrlich: ein großer,übermächtiger Sturmwind droht uns, da sich von allen Seiten ein wütendes und verderbenbringendes Unwetter heranwälzt: die Meere brüllen, selbst die Inseln werden in ihrem Grunde erschüttert, und alle Gestade erdröhnen in schaurigem Getöse. Aber weil, wie wir gesagt haben, Christus in unserem Schiffe schläft, wollen wir zu ihm hintreten nicht leiblich, sondern mit gläubigem Gemüte. Wir wollen ihn aufrütteln nicht durch eine Verzweifungstat21 , sondern mit Werken der Barmherzigkeit; wir wollen ihn aufwecken nicht mit ungestümem Geschrei, sondern mit dem Klange geistlicher Lieder, nicht frevelndem Murren, sondern mit beharrlichem Flehen. Wir wollen Gott einen kleinen Teil unseres Lebens weihen; wir wollen nicht in unseliger Eitelkeit und in beklagenswerter Sorge22 den ganzen Tag verzehren; wir wollen nicht in verderblichem Schlaf und unnützem Schlummer die ganze Nacht zubringen, sondern wir wollen den gleichen Teil des Tages und der Nacht weihen dem Schöpfer der Zeit. Wache, Mensch! Wache! Ein Beispiel hast du am Hahn. Was der Hahn dir, seinem Pfleger, weiht, das gib du dem Schöpfer, zumal da der Schrei des Hahnes dir zum Segen ist, da er dich zum Werke auferweckt, da er dir den Anbruch des Tages kündet. Und wieviel mehr ist es dir zum Heile, mit himmlischen Lobgesängen den Herrn von seinem himmlischen Thron aufzuwecken! Höre, was der Prophet sagt: "In der Nacht wacht mein Geist auf zu dir, Gott!"23 und der Psalmist: "Ich strecke meine Hände aus des Nachts zu ihm und täusche mich nicht"24 . Den [gleichen] Teil des Tages mahnt uns derselbe Psalmist Gott zu weihen, wenn er spricht: "Abends und morgens und am Tage will ich erzählen und verkündigen, so wird er erhören meine Stimme"25 . An diesen drei Zeiten zu Gott flehend in unermüdlichem Gebete, erlangte Daniel nicht nur die Gabe der Erkenntnis der Zukunft, sondern erwarb sich auch das Verdienst, den Tag der Befreiung seines gefangenen Volkes zu schauen26 . Laßt uns also mit dem Propheten sagen: "Wache auf, Herr! Warum schläfst du? Wache auf und verwirf uns nicht auf immerdar!"27 . Laßt uns rufen mit den Aposteln: "Meister, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?"

Ja in Wahrheit: "Meister". Denn er ist nicht nur der Schöpfer aller Elemente, sondern auch ihr Lenker und Leiter! Wenn er uns erhört, falls er sich würdigt zu wachen, werden sich legen die Wellen und geebnet sein die hochgehenden Wogenberge, schwinden werden die Stürme, die Wunde werden sich legen, und das drohende Unwetter, auch dieses große, wird sich verwandeln in die größte Ruhe!

1: Mk 4,35f.
2: Is 2,19; 24,19 ff; Lk 23,30
3: ich lese mit Januel horam novissimam statt hora novissima
4: transeamus contra
5: das Wortspiel:contra und contraria
6: dimittunt Mk 4,36
7: Mk 4,36
8: aliter
9: gemeint ist die Kirche, der Glaube der Kirche
10: verstehe: die Irrlehren, namentlich die Irrlehren des Nestorius, der zwei Personen in Christus annahm
11: Mk 4,37
12: Mk 4,38
13: Ps 120,4
14: Ps 10,5
15: Ps 50,11
16: Migne hat irrtümlich patens statt patentes[sc. oculi
17: Mk 4,37
18: 2 Kor 7,5
19: Verstehe: Arianismus, Nestorianismus, Pelagianismus, Donatismus, Priscil lianismus u. a. m.
20: Mk 4,38-40
21: ich lese desperantium actu, nicht tactu, entsprechend opere misericordiae
22: für das Irdische
23: Is 26,9. Die Vulgata liest desideravit statt vigilat bei Chrysologus
24: Ps 76,3
25: Ps 54,18
26: Dan 6,13
27: Ps 43,23

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger