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Petrus Chrysologus († 450) - Ausgewählte Predigten
II. Vorträge über das Markusevangelium

Achtundzwanzigster Vortrag: Über die Stelle: "Und einer aus dem Volke antwortete und sprach: 'Meister, ich brachte zu dir meinen Sohn, der einen stummen Geist hat:" Mk 9,16

Des Lehrers Pflicht ist es, das Vorgelesene zu besprechen und in klarer Rede den Sinn, der geheimnisvoll verhüllt ist, darzulegen und auszudeuten1 , damit nicht mangelhafte Erkenntnis dem Zuhörer Schaden bringen könnte, wo dieser doch heilsame Wissenschaft schöpfen müßte und könnte. Dies ist nun der Hauptinhalt unserer heutigen Lesung: "Und einer aus dem Volke antwortete und sprach: 'Meister, ich brachte zu dir meinen Sohn, der einen stummen Geist hat'"2 . Er sagt nicht: "Ich habe meinen stummen Sohn gebracht", sondern: "Ich brachte meinen Sohn, der einen stummen Geist hat." Wozu ist denn die Bosheit der Geister3 in menschliche Glieder eingeschränkt? Wozu hat sie denn von den menschlichen Sinnen sich so einengen lassen, dass sie unsere Schwächen und unsere Leiden erträgt und nur sehen kann durch die Öffnungen unserer Augen und nur hören kann durch unsere Ohren, dass sie nur reden kann durch das Werkzeug unserer Zunge und unseres Mundes? Wozu ist sie in den elenden Zustand des Stummen eingegangen, obwohl doch ihre zarte und luftartige Natur4 das Fleisch nicht kennt, der Knochen nicht bedarf, obwohl sie doch gleichsam wie ein Wind in einem Augenblick die ganze Welt durchfliegen kann? Wozu hat sie verschiedene Gestalten angenommen, sich in mannigfaltige Formen verwandelt, sich in das Herz eingenistet, die Gemüter verspottet, gottlose und schändliche Gedanken eingeflüstert, ohne dass man merkt, woher sie kommt und wohin sie zurückgeht5 wozu anders, als um so unschuldige Seelen gleich einem fliegenden Pfeile so leicht und doch so tödlich zu verwunden?

Zu wenig aber wäre es, wenn der Vater allein durch seine Bitte dies ausgesprochen hätte, da er sprach: "Ich brachte zu dir meinen Sohn, der einen stummen Geist hat", wenn nicht der Herr selbst den unreinen Geist mit diesem Scheltworte vertrieben hätte: "Tauber und stummer Geist, ich befehle dir, fahre aus von ihm!"6 d Doch laßt uns fortfahren in der Lösung unserer Frage. Gott, der die Dämonen später in ewigem Feuer brennen wird7 ,der sie jetzt schon in unserer Zeit in Fesseln gefangen hält, mit Qualen ängstigt8 , mit Strafen peinigt, er hat es in seiner Macht, so oft er will, sie mit völliger Schwachheit zu schlagen und sie ebenso, wie sie sehen, hören und sprechen, blind und taub und stumm zu machen, dass sie nicht reden können. Aber wir wollen erklären, was der Teufel an unserer Stelle mit dem Menschen vorhatte. Der alte Flüchtling! Sobald er die Ankunft Gottes auf Erden erfuhr, verschloß er die Ohren der Menschen, legte die Zunge in Fesseln, verriegelte die menschlichen Sinneswerkzeuge, machte die Brust der Menschen selber zum Schlupfwinkel seiner verbrecherischen Gedanken: er glaubt, dass dorthin das "Wort" [Gottes] nicht kommen, die Kraft des göttlichen Namens nicht gelangen würde. Eben so ränkevoll und schlau glaubte er den Vater zu überlisten und die Eltern durch solche Vorspiegelungen täuschen zu können, damit sie verzweifelten an der Heilung dessen, der weder hören noch sprechen konnte, und damit sie das, was doch ein Werk des Teufels war, der menschlichen Schwachheit zuschrieben, damit sie dem Knaben und seiner Natur zuschrieben, was doch nur der eingeschlossene Feind hineingebracht hatte.

Schließlich hatte, wie Matthäus über denselben berichtet, der Teufel den Vater dieses armen Menschen noch durch eine andere Heuchelei getäuscht, da er für sich also flehte: "Herr, erbarme dich meines Sohnes, denn er ist mondsüchtig und leidet sehr"9 . So wollte der Dämon, dass das, was doch sein Werk war, erscheine als Werk der menschlichen Natur oder des himmlischen Elementes, indem er die Leiden des Menschen dem Laufe des Mondes zuschrieb, den Leib quälte je nach den verschiedenen Mondphasen, damit sie dem Monde zuwiesen, was doch das Werk teuflischer Wut und Gemeinheit war. So verblendete er die Menschen; so täuschte er die Unwissenden; so schändete er bei den Gedankenlosen jenes Geschöpf, das doch einzig geschaffen ist, Licht zu spenden, das kein Leid antun kann den Menschen, denen es ja ohne Unterlaß helfend dienen muß. Nachdem nun aber gekommen ist der Kenner auch der verborgenen Dinge, der Seher, der auch klar sieht das Geheimste, dem auch die verborgenen Verstellungskünste des Teufels nicht entgegenarbeiten können, wird der Knabe herbeigeführt, um geheilt zu werden auf göttlichen Befehl. Durch Christus sollte erlöst werden, was immer der Teufel in Fesseln geschlagen, Darum hatte der Feind so gehandelt, damit es als ein Werk der Natur erscheinen sollte. Aber warum konnten die Jünger ihn nicht austreiben?

Deshalb, weil dieser Mensch als Sinnbild der Heidenvölker vorgeführt wird. Denn nach dem Apostel war das Heidenvolk besessen vom Geiste dieser Luft:"Der Geist der Luft, der jetzt wirkt in den Kindern des Ungehorsams"10 . Dieses [Heidenvolk] war also der Taubstumme, denn es konnte weder das Gesetz hören noch konnte es Gott bekennen; vielmehr wurde es immer hin und her geworfen in dem Feuer der Hölle und in den Wassern des bitteren Strudels. Deshalb konnte es auch weder von den Jüngern noch von irgendeinem Menschen geheilt werden, weil Christus einstmals die Botschaft des Glaubens, das Bekenntnis des Heils, die Erlösung und das Leben der Völker genannt wurde11 . Als aber endlich auf Befehl Christi der Teufel vertrieben wurde, öffnet sich, was geschlossen war, lösten sich die Bande: die Sprache wird ihm zurückgegeben, das Gehör kehrt zurück, der Mensch ist wieder gesund geworden, und nur der Teufel beklagt, dass er hinausgeworfen worden sei aus seinem langbesessenen Eigentum. Daher ist auch die Anordnung getroffen, dass jeder, der aus dem Heidentum [zum Christentum] kommt, durch Handauflegung und Beschwörung vom bösen Geiste gereinigt wird, dann die Öffnung der Ohren empfängt12 , damit er aufnehmen könne die Verkündigung des Glaubens, damit er mit der Gnade des Herrn gelangen könne zum Heile.

1: astruere et demonastrare
2: Mk 9,16
3: vgl. Eph 6,12
4: vgl. Eph 2,2
5: vgl. Joh 3,8
6: Mk 6,24
7: Chrysologus scheint der Meinung zu sein, dass die endgültige Bestrafung der gefallenen Engel in der Hölle erst nach dem allgemeinen Gerichte eintreten wird.
8: vgl. Mt 8,29
9: Mt 17,14
10: Eph 2,2
11: vgl. Lk 1,68. 71; Mt 1,21; Joh 14,6
12: durch die Berührung mit Speichel

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger